Deutsche Oper am Rhein Duisburg: “Der Graf von Luxemburg” – 26.12.2016

Es ist doch immer wieder schön, wenn das Fazit eines Opernabends bereits im Libretto formuliert wird…! Der Klassiker in dieser Hinsicht ist bekanntlich Max’ „Schwach war ich, wenn auch kein Bösewicht“ aus dem Freischütz. Bei dieser aufwendigen Neuinszenierung von Lehárs Der Graf von Luxemburg an der Deutschen Oper am Rhein gibt es auch so einen, er heisst „Wir bummeln durchs Leben, was schert uns das Ziel – Und geht’s auch daneben, wir fragen nicht viel!“.

Eigentlich ist damit das meiste gesagt über diese Produktion… Nein, keine Sorge, etwas ausführlicher mach ich es denn schon… Daneben gegangen ist hier nämlich so einiges und ein Ziel, sprich Konzept, läßt sich tatsächlich kaum ausmachen; einmal mehr erweist sich die Gattung Operette für ein gestandenes Opernhaus als Angstgegner, dem man nicht so leicht beikommt. Vorletztes Jahr ist das der Rheinoper mit Kálmáns Zirkusprinzessin fulminant gelungen (siehe Archiv Dezember 2014), jene diffizile Balance zwischen Leichtigkeit, Ironie, melancholischer Heiterkeit und perfekt organisiertem Nonsense herzustellen. Eine Verschiebung des Gefüges allerdings läßt in der Operette das Unternehmen unvermeidlich kippen; Quod erat demonstrandum.

dor-gvl2Her die Hand, es muss ja sein… Die Vermählungsszene durch die Wand (Foto: Hans Jörg Michel)

Zunächst muss man einfach feststellen, dass der Graf von Luxemburg nicht gerade ein Chef d’oeuvre ist, weder seines Komponisten noch der Gattung an sich, dass er heute so selten aufgeführt wird und tief im Kernschatten der Lustigen Witwe oder des Land des Lächelns steht, ist nur zu verständlich. Die gesamte Handlung, so man das so nennen will, hängt an einem einzigen Einfall: nämlich, dass der lebenslustige, aber chronisch bankrotte Graf René sich von einem reichen Russen zu einem absurden Arrangement bequatschen lässt. Er soll gegen einen Koffer mit Bimbes zum Schein die vom Oligarchen begehrte Sängerin Angèle Didier heiraten, um sich nach drei Monaten wieder scheiden zu lassen, damit die Ex, nunmehr mit Adelstitel, dann für den Fürsten eine standesgemäße Partie ist… Das findet auch statt, wie vereinbart ohne Sichtkontakt der Vermählten, und natürlich kommt es danach wie es kommen muss: beide lernen sich durch Zufall kennen, verlieben sich und wissen zunächst nicht, dass sie ja eigentlich bereits Mann und Frau sind. Der Russe ist entsprechend unentspannt ob der Entwicklung und kurz vor dem großen Knall tritt eine andere reiche Russin auf, fordert ein schon länger bestehendes Heiratsversprechen des Fürsten ein und alles löst sich genregemäß in Wohlgefallen auf. Mehr Handlung ist nicht und auch die in der Operette sonst üblichen Wendungen und Nebenhandlungen fehlen hier, das Buffopaar schließlich ist überhaupt nicht eingebunden und könnte eigentlich auch gestrichen werden. Vor allem aber vermisst man die großen Schlager, die berühmten Melodien von der Strahlkraft des Vilja-Liedes, des Lippenwalzers oder von „Dein ist mein ganzes Herz“; Stücke, die einem Abend den Glanzpunkt setzen und im Ohr bleiben. Das Verhältnis zwischen Musiknummern und Dialogen ist unausgewogen, das Ganze wirkt irgendwie als habe der Komponist seinen Zettelkasten ausgeschüttet und notdürftig eine Geschichte drum herum gestrickt.

Mit jener hat auch Jens Daniel Herzog, seines Zeichens regieführender Intendant in Dortmund, wenig anfangen können. Seltsam unentschlossen spielt sich das Geschehen ab, Timing und Erzähltempo stimmen nicht; immer dann, wenn der Operettenturbo gezündet werden müsste, wird stattdessen abgewürgt und wenn ein Affekt richtig schön ausgekostet werden könnte, wird es hektisch und der Zauber ist perdu. Es ist nicht so, dass Herzog keine Einfälle gehabt hätte und manches ist ihm auch ganz witzig geraten, etwa die Russen-Mafia-Klischees oder das satirisch auf Brexit und Trump umgetextete Couplet der Gräfin Stasa Kokozow im dritten Akt. Das waren allerdings Ausnahmen, ein Großteil der Dialoge ist matt, langweilig und von schalen alten Gags geprägt, zwischen denen die Musiknummern auch irgendwie beliebig wirken. Ein gut strukturierter dramatischer Dialog geht anders. Vor allem aber stellt die Regie an keiner Stelle eine wirkliche Verbindung zwischen den Ideen untereinander und zur Handlung her, so mag die Bodypainting-Aktion des jungen Künstlerpaares Armand und Juliette ein Hingucker sein, der Sinn erschließt sich freilich ebensowenig wie die merkwürdige Ausstaffierung des Chores (Kostüme: Sibylle Gädeke). Das Bühnenbild von Mathis Neidhardt bietet zwar wenig Spektakel, ist aber zumindest sehr praktikabel, eine Art Baukastensystem mit schnell austauschbarem Innenleben, das zügige und sinnfällige Schauplatzwechsel ohne lästige Umbaupausen ermöglicht; von der Stage Door zum Luxushotel in eins-zwei-und Servus.

dor-gvl1Bo Skovhus in der Titelrolle (Foto: Hans Jörg Michel)

Dabei war das ganz offenbar als eine Prestige-Produktion gedacht gewesen, schließlich hatte man schon etwas tiefer in die Tasche gegriffen und neben dem nicht gänzlich unprominenten Regisseur für die beiden Hauptrollen zwei ausgesprochene Stargäste verpflichtet, zumindest für die ersten zehn Aufführungen. Diese haben dann zumindest gerettet, was noch zu retten war. Dabei reibt man sich schon zu Beginn ein wenig die Augen; denn da sitzt Bo Skovhus himself vor schwarzem Hintergrund alleine im Spotlicht, weißes Hemd, schwarze Hose mit runterhängenden Hosenträgern… Sind wir doch im Wozzeck? Natürlich stimmt er dann aber nicht „Jawohl, Herr Hauptmann!“ an, sondern „Mein Ahnherr war der Luxemburg“ und die Operette bricht aus. Skovhus zieht sämtliche Register, über die er verfügt; und das sind bekanntlich eine Menge und verleiht der Figur bei aller Komödiantik auch jene Fallhöhe und emotionale Wahrhaftigkeit, die die Figur braucht, um trotz aller logischen Absurditäten in sich glaubhaft rüberzukommen. Das macht der Künstler, wie nicht anders gewohnt, auch stimmlich faszinierend greifbar, sein attraktiver, modulationsfähiger und kultivierter Bariton ist sinnlich-schmachtend und markant-herbe zugleich und auch die dämlichsten Kalauer serviert Skovhus mit einer unwiderstehlichen Nonchalance. Einschließlich den vom dänischen Bettenhaus… Da dauert es dann allerdings fünf Minuten, bis auch der Letzte im Parkett das kapiert und mehr oder weniger leise seinem Nachbarn erklärt hat. Er und Juliane Banse als Angèle ergänzen sich zu einem echten Traumpaar, auch die Sopranistin verfügt über den unabdingbaren lyrischen Schmelz und den großen opernhaften Ton, die charmante und lebenslustige, zuweilen auch ganz schön kapriziöse Diva nimmt man ihr sofort ab. Im Duett „Lieber Freund, man greift nicht nach den Sternen“ verschmelzen die Stimmen aufs Prächtigste, da führen die beiden den Text fast schon ad absurdum.

dor-gvl3Auf dem Sprung: Bruce Rankin (Fürst Basil) und Juliane Banse (Angèle Didier) – Foto: Hans Jörg Michel

Für das zweite, das genretypische Buffo-Paar scheinen sich, wie erwähnt, weder der Komponist noch der Regisseur sonderlich interessiert zu haben, viel mehr als muntere Staffage a deux ist da leider nicht herausgekommen, trotz der engagierten Auftritte von Cornel Frey (Armand Brissard) und Monika Rydz (Juliette Vermont). Bruce Rankin soll als Fürst Basil offenbar eine Art Hybridrolle aus Bruce Low und Roger Moore verkörpern, insgesamt hat man ihn schonmal prägnanter und mit mehr Spielfreude erlebt. Einen späten Höhepunkt im dritten Akt setzt dagegen Doris Lamprecht, die mit hinreissender Selbstironie und bewußt übertriebenem Bruststimmen-Einsatz die dekadente Gräfin Kokozowa gibt. Als die Bodyguards und Handlanger des Fürsten zelebrieren Luis Fernando Piedra (Pawlowitsch), David Jerusalem (Mentschikoff) und Karl Walter Sprungala (Pélegrin) mit Spaß an der Freud ihre Russen-Mafia-Klischees und sorgen schon durch den geradezu absurden Größenunterschied für Erheiterung… Manchmal funktionieren die nonverbalen Witze doch am besten. Besser jedenfalls als die Idee, mit dem Schauspieler Oliver Breite noch eine Art Side Kick einzuführen, der nach der Pause relativ unmotiviert auftaucht und sich in wechselnden Verkleidungen müde durch den zweiten Teil kalauert und damit der Handlung den letzten Rest an Dynamik nimmt.

Lukas Beikircher am Pult der Duisburger Philharmoniker sorgte mit den Seinen für dem Anlass angemessene Feiertagslaune und genretypische Schmissigkeit, besondere Akzentsetzung sieht die Partitur leider nicht vor.

Noch Fragen? Nö, siehe oben…!

Damit verabschiedet sich auch der Kulturschock vom Musik- und Opernjahr 2016 und wünscht sich und uns allen im neuen Jahr ganz viel Vokalglanz, Nervenkitzel und Spitzenleistungen auf, vor und hinter der Bühne…

In diesem Sinne: Ein gutes Neues Jahr, A guats Neis, Happy New Year, Bonne Année, Felice Anno Nuovo, Feliz Año Nuevo, καλή χρονιά…

wünscht Euch der Fabius

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