BR-Symphonieorchester/ Mariss Jansons – 26.1.2017

Es war ganz schön voll im Herkulessaal an diesem bitterkalten Januarabend; und zwar auf beiden Seiten der Bühnenrampe. Ausverkauftes Haus ist man ja gewohnt bei den BR-Symphonikern, zumal wenn der Chef höchstselbst am Pult steht, doch auch auf dem Podium herrschte drangvolle Enge. Mariss Jansons präsentierte in seinem ersten Münchner Auftritt im neuen Jahr ein anspruchsvolles Programm in voller Mannschaftsstärke, die Sehnsucht nach dem neuen Saal gewann angesichts der akustischen Verhältnisse einmal mehr an Gewicht.

Dabei leitete Jansons sein Orchester in Mahlers Kindertotenliedern wie das größte Kammerorchester der Welt. Man hat diesen schaurig-schönen, schmerzvoll intensiven Zyklus sicherlich schon zerklüfteter, dramatischer und verzweiflungsvoller aufgeführt erlebt, doch Jansons geht hier einen anderen Weg und betont die Zartheit der Musik, den inneren Dialog zwischen den Affekten des Leids und der Verklärung. Die Trauer, die sich hier ausdrückt, ist nicht schwer und statisch, sondern ungemein fließend und dynamisch. Für diese Lesart erwies sich die kurzfristig für die erkrankte Waltraud Meier eingesprungene Gerhild Romberger als Glücksfall. Es gibt mit Sicherheit dankbarere Jobs, als kurzfristig einen solchen Star und Publikumsliebling ersetzen zu müssen, aber das focht die Künstlerin nicht an, mit ihrem dunkel-pastosen und in allen Lagen präsenten und bruchlos strömendem Alt und ihrem kultivierten Vortrag überzeugte sie auf der ganzen Linie, höchstens mit der Einschränkung, dass von Rückerts Texten leider kaum ein Wort zu verstehen war. Mit dem Orchester hat Gerhild Romberger schon oft zusammengearbeitet, man kennt und schätzt sich, das wurde in jedem Moment spürbar.

jansons-probe-januar-17

(Foto: Bayerischer Rundfunk)

Auch die zweite Halbzeit des Abends besaß einen gewissen Jenseitsbezug: Sergej Rachmaninovs Symphonische Tänze op.45 sind das letzte vollendete Werk des Komponisten. Dabei ist der Titel etwas irreführend, da es sich nicht um eine Sammlung volkstümlicher Tanzlieder handelt wie etwa bei Brahms und Dvořák, sondern um eine verkappte Sinfonie in drei Sätzen, getragen von tänzerischen Rhythmen und Formen, insbesondere Walzern aller Art. In dieser faszinierend dichten Partitur zieht Rachmaninov sein Resummée über Leben und Werk, läßt alle für ihn richtungsweisenden musikalischen Einflüsse, Themen und Parameter noch einmal vorüberziehen, teils wehmütig zitierend, teils kraftvoll affirmierend; das Virtuose, das Spirituelle, die große Geste und die Reflektion verbinden sich zu einem beeindruckenden Klanggemälde. Natürlich ein Stück wie gemalt für dieses Orchester und seinen Maestro, das hatte Schwung, vitale Energie, eine enorme Vielfalt an orchestralen Farbgebungen und Nuancen, aber auch berührend melancholische und verinnerlichte Momente. Ein Konzertfinale mit „Wow!“-Effekt. Kurioserweise markierte diese Aufführung den Auftakt zu einem Wettbewerb der drei Münchner Top-Orchester in Sachen op.45; schon nächsten Monat ziehen die Kollegen Kirill Petrenko mit dem Staatsorchester und Valéry Gergiev mit den Philharmonikern nach. Ihnen und uns allen hat Jansons heute schonmal gezeigt, wo der Hammer hängt: ganz, ganz weit oben.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass der Abend mit der Antigone Ouvertüre von Vladimir Sommer begonnen hatte. Vladimir WER? Ja, genau. Zehn Minuten hektisch-triviales Dauergetöse, so schlecht und dick instrumentiert, dass nichtmal der Transparenzkünstler Jansons diese Brühe filtern konnte; ein Audio-Cocktail aus schlecht gerührtem Brahms und noch schlechter geschütteltem Mahler, garniert mit einem Löffel Pseudo-Janáček und einigen Blättchen Filmmusik. Aus welcher Mottenkiste man diese Partitur rausgefischt hat und vor allem warum? Keine Ahnung. War am Ende des Tages eh vergessen.

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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