Bayerisches Staatsorchester/ Kirill Petrenko – 21.2.2017

Lange musste man nicht rätseln, was die Herren Alexander Skrjabin, Nikolai Medtner und Sergej Rachmaninov gemeinsam haben; na klar, erst einmal waren sie russische Komponisten am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert. Zudem waren sie – was ja schon weit weniger selbstverständlich ist – einander freundschaftlich verbunden und schätzten gegenseitig ihre Kunst. Im Urteil der Nachwelt freilich hat es nur letzterer zu einigem unsterblichen Ruhm gebracht, während Skrjabin eher selten und Medtner praktisch nie mehr auf den Programmzetteln stehen… Ob das gerecht ist, konnte man jetzt im vierten Akademiekonzert des Staatsorchesters, überprüfen, denn dank Kirill Petrenko wurden die drei sozusagen posthum wieder zusammengeführt; ein musikalisches Gruppenbild mit Aha-Effekt.

Der stellte sich bereits in den ersten Minuten ein, denn Skrjabins, auch mir bis dato unbekanntes, Orchesterstück Rèverie op.24 verzauberte das Publikum im ausverkauften Nationaltheater mit einer geradezu unverschämt schwelgerischen Klangpracht und -farbigkeit, ein impressionistischer Tonrausch von gerademal viereinhalb Minuten Spieldauer; Kleinform mit grandiosem Inhalt. Alleine an diesem appetizer soll, so war aus gutinformierten Kreisen zu hören, der Perfektionist Petrenko eine ganze Stunde geprobt und gearbeitet haben… Wenn dem so war, hat es sich jedenfalls gelohnt, das war schon zum Start Orchesterspiel vom Allerfeinsten.

Nämliches gab es auch in Nikolai Medtners Klavierkonzert in c-moll op.50, dem zweiten von insgesamt deren drei und erstmals in einem Akademiekonzert zu hören. Dabei kam mir zwischendurch das bekannte Hans Sachs-Zitat aus den Meistersingern in den Sinn: „Zwar wenig Regel, doch klangs recht stolz!“. Eine furios dahinstürmende, irrlichternde Partitur, in der beim ersten Hören eine Struktur oder formelle Ordnung zu erkennen ich mich durchaus schwer getan habe… Was aber nicht gegen das Werk spricht, denn was der Komponist an orchestralen Effekten und musikalischer Sprachmächtigkeit im Dialog zwischen Orchester und Solisten aufruft, ist beeindruckend, ein Wirbel von Ideen und Melodien, ein rasantes Wechselspiel von zart und hart, perlenden Lyrismen, knalligen Akkordballungen und virtuosem Tastendonner. Die melodische Faktur wirkt auf spielerische Weise zerklüftet, ein Einfall jagt den anderen und jeder Ruhepol der Musik wird umgehend wieder zerlegt und neu zusammengebaut. Das erfordert vom Solisten nicht nur höchste Virtuosität und Technik, sondern auch einen guten Schuss genialischen Wahnsinns, um die Exzentrik der Musik umzusetzen… Marc-André Hamelin ist unter den heutigen Spitzenpianisten als der Mann für solche Fälle bekannt und ließ es krachen, grooven, perlen und funkeln, dass es eine Freude war und zog gemeinsam mit Petrenko sogar über dieses vogelwuide Werk einen beeindruckenden Spannungsbogen. Mit einer herrlich impressionistisch flirrenden, fast an Debussy erinnernden, Rachmaninov-Zugabe leitete Hamelin überlegt über zum zweiten Teil.

Mit Rachmaninovs Symphonischen Tänzen op.45 fand dieser äußerst spannende und emotional begeisternde Abend ein krönendes Finale. Vor knapp einem Monat hatte Mariss Jansons mit dem BR-Symphonieorchester in Sachen op.45 bereits vorgelegt (siehe Archiv Januar 2017), nun ließ Petrenko seine Version folgen. Um es ganz direkt zu sagen: das waren schon keine zwei Interpretationen mehr, das waren eher zwei verschiedene Stücke. Von der Eleganz, tänzerischen Leichtigkeit und bittersüßen Melancholie, die Jansons entfaltet hatte, ist hier nichts zu spüren, bei Petrenko hört sich Rachmaninovs Lebensresummée betont düster, dramatisch, beinahe brutal an, die Momente der lyrischen Ruhe kommen vor, wirken aber hier wie in Anführungszeichen gesetzt, wie etwas, an das der Komponist selbst nicht mehr glaubt. Dieser Abschied ist kein heiterer, sondern erfüllt einerseits von großer dramatischer Attitüde, andererseits von Desillision und Schmerz. Bei Petrenko weist die Musik deutlich stärker hinüber ins 20. Jahrhundert, eine klangliche Dystopie des Überganges, eine gewaltsame Metamorphose ohne Romantikfilter; hier läßt Stravinskij mit seinem Sacre nicht nur grüßen, er steht schon fast im Raum. Dementsprechend setzt Petrenko auch die finalen Akordballungen hart und nüchtern, eher ein Schlußschlag als ein Schlußpunkt. Dass dabei aber auch die rhythmische Vielfalt und der orchestrale Farbenreichtum der Partitur voll zu ihrem Recht kamen, ist das eigentliche Wunder dieser zweiten Halbzeit.

Da gibt es auch im Vergleich kein „Der war besser“, da gibt es nur die Dankbarkeit, beides erlebt zu haben.

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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