Staatstheater Stuttgart: “Elektra” – 26.2.2017

Es gibt Opernabende – auch wenn sie wie hier am Nachmittag stattfinden – an denen es einen nach dem letzten Takt innerlich fast zerreisst; die Begeisterung, das Adrenalin kochen und wollen raus, sich in einem Bravo-Schrei entladen… Und doch ist die Kehle erstmal wie zugeschnürt. Weil es in diesem Moment eben mehr war als „nur“ eine Oper. Weil man sich einige Stunden, oder auch nichtmal zwei davon, in einem Grenzbereich aufgehalten hat. Das kennt wohl jeder Opernbegeisterte und diese Aufführungen sind stets die ganz Besonderen, die nachwirken und sich einbrennen. Und nicht allzu selten geht es dabei um Elektra.

Gerade erst an der heimatlichen Staatsoper genossen, ging es diesen Monat mit Elektra in die Verlängerung, Schauplatzwechsel eingeschlossen, nach Stuttgart, wo sich Strauss’ und Hofmannsthals Antiken-Hysterical in einer vollkommen anderen Interpretation ereignete. Wo Herbert Wernicke in München auf Stilisierung, archetypische Bildhaftigkeit und Gestik setzte, holt Peter Konwitschny in seiner Version die Geschichte aus dem Antikenumfeld komplett heraus, konkretisiert Spiel und Schauplatz und erzählt mit einer unglaublichen Dynamik. Er erzählt die Geschichte vom schicksalsmächtigen, grausamen Familienclan als Psychothriller von heute mit Handelnden, die uns auf beunruhigende Art nahe sind und die uns etwas angehen; und er erzählt sie so konsequent zuende gedacht, so brillant analysiert und so emotional packend, wie sie vielleicht noch nie zuvor erzählt worden ist. Natürlich gibt es auch hier sämtliche Qualitäten und Charakteristika dieses Meisterregisseurs zu erleben; die unglaublich dichte Personenführung, die detailverliebte Charakterzeichnung, die virtuose Balance von Wahnsinn und Lakonik und nicht zuletzt eine dezidierte und knallharte Deutung der Fabel. Dazu gehört auch, das Geschehen immer wieder ironisch zu brechen, etwa wenn Klytämnestra der Soufleuse einen ihrer zahlreichen Vormittags-Whiskys abgibt und mit ihr anstößt, oder wenn der tote Agamemnon sich von seiner mörderischen Gattin eine Fluppe klaut, diese genüßlich raucht und ihr im Vorbeigehen die falsche Neuigkeit von Orests Tod zuraunt…

Konwitschny zeigt uns nicht nur eine Freakshow oder eine Sammlung von Neurotikern, sondern vor allem, wie der Fluch einer bösen Tat die Beteiligten für den Rest ihres Lebens innerlich zerstört und am Ende zwangsläufig die gesamte Gesellschaftsordnung in den Abgrund reisst. Das beginnt mit einem szenischen Vorspiel, in dem Papa Agamemnon (Bernhard Conrad) mit den drei kleinen Kindern in und um die ominöse Badewanne herumtollt, Familiengaudi zwischen Quietschentchen und Kriegsschiffmodell… Wenn alle Platz genommen haben, ist Schluß mit lustig, in der verspiegelten Rückwand öffnen sich zwei Türen, Auftritt Klytämnestra, ganz große Diva im Hollywood-Style, ein neckisches Winken, dann grüßen die lieben Kleinen im Chor „Hallo, Onkel Ägisth“ und schon hat Agamemnon das Beil vorm Latz und die Musik setzt ein. Großes Kino, Traumatisierung live und unplugged, wir sind alle dabei gewesen und richtig drin im Drama. Die Spiegelwand teilt sich und der von Hans-Joachim Schlieker gestaltete Bühnenraum wird sichtbar, ein Appartment mit weißer Leder-Sitzgarnitur, edel und unpersönlich, ein Schauplatz, wie man ihn aus diversen Konwitschny-Inszenierungen durchaus kennt. Die Badewanne mit dem toten Agamemnon bleibt ebenso die ganze Zeit auf der Bühne wie die Tatwaffe, Verdrängung unmöglich. Zugleich hat der Mord einen Countdown des Schreckens in Gang gesetzt, die roten Ziffern einer monumentalen, auf die Rückwand projezierten Digitaluhr (Video: Signe Krogh) zählen runter bis zum Tod Klytämnestras und setzen sich, als letztes Bild des Abends, mit Beginn einer neuen Ordnung und eines neuen Herrschaftssystems wieder in Bewegung, jetzt aber in rasendem Tempo vorwärtszählend…

Dass diese neue Ordnung auch nichts Gutes mit sich bringt, kann man bei Konwitschny als gegeben ansehen. Und in der Tat verläuft der Übergang mit größtmöglicher Brutalität und der neue Machthaber ist nicht etwa Orest, der hier eher eine Marionette ist, sondern jene sonst immer völlig unbeachtete Gestalt namens „Der Pfleger des Orest“; Sebastian Bollacher gibt ihn in blütenweißem Mao-Anzug als Oberhaupt einer Art Doomsday-Sekte, die nun die Macht übernimmt. Da ist das blöde Beil überflüssig, das wird mit modernerem Gerät erledigt, das Mörderpaar wird auf offener Bühne erschossen. Aber damit nicht genug; um die neue Ordnung zu etablieren, muss die alte ausgelöscht werden, entsprechend werden alle Einwohner des Ortes während der Schlußszene grüppchenweise auf die Bühne getrieben und mit Maschinengewehr-Salven niedergemäht, nicht nur Elektra und Chrysothemis, die Mägde und Diener, sondern auch ein ganzes Statistenheer, darunter zwei Nonnen, ein Müllkutscher und ein Fahrradkurier… Das mag vielleicht nicht wörtlich so im Text stehen, ist aber bestechend logisch und konsequent aus der Musik heraus entwickelt, denn die ekstatischen Orchesterwogen dieser Finalszene sind ja nichts anderes als die pompöse Feier eines Massakers. Konwitschny setzt freilich noch einen drauf und illustriert das Morden mit Feuerwerksbildern über den gesamten Bühnenraum, bevor inmitten der Schlußmonolog aus Heiner Müllers Hamletmaschine eingeblendet wird: „Hier spricht Elektra. Im Herzen der Finsternis. Unter der Sonne der Folter. An die Metropolen der Welt. Im Namen der Opfer…“. Ein grausames, desillusioniertes Fazit. Echt hart, echt groß; echt Konwitschny eben!

Elektra

Elektra

Göttinnen des Gemetzels: Rebecca Teem (Elektra) und Simone Schneider (Chrysothemis) in der Schlußszene – Foto: Martin Sigmund

Musikalisch war der Nachmittag kaum weniger großartig als szenisch. Was gerade der Vergleich dieser Aufführungen in München und hier in Stuttgart einmal mehr gezeigt hat: die eigentliche Schlüsselposition in diesem Werk ist das Dirigentenpult. Ich bin sicher, dass die Protagonisten der Münchner Serie froh gewesen wären, einen musikalischen Leiter wie Ulf Schirmer am Bock zu haben, der sie bei aller Drastik und aller Klanggewalt nicht erschlägt, der sie atmen läßt und ihnen Rechnung trägt. Was nicht heißt, dass Schirmer sich mit purer Divenbegleitung begnügen oder die Wucht des Orchesters absoften würde, er formt die Musik plastisch aus, fächert das Klangbild soweit auf, wie die stets etwas schwierige Akustik des Hauses das zuläßt und sucht immer den Erzählfluss der Partitur; Strauss einmal nicht als erratischer Block, sondern als dynamisch gestaltetes Narrativ. Das Stuttgarter Staatsorchester folgt dieser Lesart mit großer Leidenschaft und Genauigkeit. Coolness bewiesen Dirigent und Musiker auch kurz vor dem Ende, als eine Beleuchtungspanne für einige Sekunden Unterbrechung sorgte; nach einer sonoren Ansage vom Chef, von wo es weitergeht, waren alle sofort wieder in der Spur.

Gerade im Vergleich der beiden Produktionen stach die Partie der Klytämnestra besonders hervor, denn sie wurde dort wie hier von Doris Soffel verkörpert; zwei szenische Sichtweisen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Dass die Künstlerin in der ungleich extrovertierteren und spielintensiveren Interpretation von Konwitschny noch sehr viel eindrucksvoller zur Geltung kommt als in der statisch angelegten von Wernicke, versteht sich eigentlich von selbst… Dass der Regisseur seiner Protagonistin neben der großen Konfrontation mit Elektra, dem dramatischen und emotionalen Epizentrum der Oper, noch zwei weitere stumme Auftritte gönnt, gibt der großen Charakterdarstellerin die Möglichkeit, die zunehmende seelische und physische Zerrüttung der Figur noch eindrucksvoller und intensiver zu gestalten: im Prolog jeder Zoll eine Königin, stolz, schön und herrschaftlich, im Finale eine zombiesk umhertaumelnde Erscheinung, kaum noch ihrer mächtig. Und dazwischen eine Getriebene, dem Alkohol und dem Größenwahn verfallen, die noch einen aussichtslosen Kampf gegen ihre Angst und ihre Komplexe führt. Die Gefahr einer Überzeichnung liegt hier so nahe wie in wenigen anderen Rollen des Repertoires, aber Soffel behält in jedem Moment die haarscharfe Balance zwischen Dekadenz, Hysterie und Gefährlichkeit; da kriegt man es im Parkett mit der Angst zu tun. Das immer noch sinnlich blühende Timbre, die mustergültigeTextbehandlung und der dramatisch pointierte Vortrag runden dieses fabelhafte Rollenporträt ab; Klytämnestra ist nicht nur Doris Soffels Signature Role, es ist schlicht ein Erlebnis!

elektra-leipzig-9-800x600Das Mutter-Monster als Kraftfeld: Doris Soffel als Klytämnestra (hier in der Leipziger Premiere dieser Inszenierung, Foto: Andreas Birkigt)

Wie schon letztes Jahr in Essen (Archiv April 2016) hatte sie es mit Rebecca Teem in der Titelpartie zu tun. Die Sopranistin profitierte offenkundig am meisten von Schirmers differenziertem Dirigat, sie musste ihre nicht wirklich riesige, aber tragfähige Stimme nirgends übermäßig strapazieren und klang entsprechend frei, auch gegen Ende der Serie noch bemerkenswert frisch und hatte für den fulminanten Schlußgesang noch Reserven. Im Vergleich zum Rollendebüt 2016 hat sie sich die Partie hörbar in den Körper gesungen, bietet mehr an Schattierungen und teilt sich die Rolle stimmlich besser ein. Und auch sie geht voll in der Inszenierung auf, dass hier eine frühere Königstochter am Werk ist, können nicht mal die strähnigen Haare und der schlabbrige Hausanzug ganz vergessen machen. Diese Elektra ist ein Freak in der überkandidelten Designerlandschaft dieses Hofes, keine stumpf vor sich hinbrütende Nornengestalt, sondern eine durch und durch boshafte Intelligenzbestie, die ihren Hass zwar zu kontrollieren gelernt hat, ihn aber immer aufs Neue nährt und ihn geradezu genießt.

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Die Uhr läuft ab, nicht nur für Elektra (Rebecca Teem) – Foto: Martin Sigmund

Als Chrysothemis fügte sich die einen Tag zuvor eingesprungene Melanie Diener erfreulich gut ein, sicherlich durch den eher passiven Charakter der Figur begünstigt. Das hier notwendige jugendliche Timbre besitzt sie nach wie vor, hat aber, insbesondere in der Höhe, immer wieder mit Intonationsproblemen zu kämpfen. Der Orest von Shigeo Ishino läßt sich am besten als „dezent“ bezeichnen, er verfügt über einen nicht allzu voluminösen Bariton von angenehmer Stimmfarbe, Phrasierung und Phonation sind sorgfältig. Mit seiner freundlichen, etwas blässlichen Ausstrahlung passt auch er perfekt ins Regiekonzept, ebenso wie der joviale und routiniert gesungene Torsten Hofmann als (Onkel) Ägisth. Das Hausensemble zeigte sich sehr homogen, auch wenn bei den Mägden der eine oder andere etwas schrillere oder schärfere Ton zu vernehmen war und der junge Diener mit der sadistischen Tessitura seines kurzen Auftritts einige Mühe hatte…

Gehabt Euch also wohl und hört was Schaurig Schönes,

Euer Fabius

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