Bayerische Staatsoper: “Andrea Chénier” – 12./18./22.3.2017

One more day to Revolution?

Giordanos Verismo-Schinken feiert ein spätes München-Debüt

Wohl selten in der Geschichte der Kunstform Oper dürften soviele Menschen in einem Raum – noch dazu einem so großen wie dem Münchner Nationaltheater – in einem Moment exakt dasselbe gedacht haben; „Auf geht’s beim Schichtl“ nämlich. Nicht-Einwohnern der Landeshauptstadt muss man das vielleicht erklären: der Schichtl ist eine traditionelle Attraktion auf dem Oktoberfest, ein schräg-anachronistisches Jahrmarktskabarett mit Kultcharakter, dessen Programm stets darin gipfelt, dass ein willkürlich ausgewählter Zuschauer – meistens der, der am breitesten grinst – auf offener Bühne illusionsweise guillotiniert wird. Eine Münchner Institution. Schön. Und was haben Schichtl und Staatsoper miteinander zu tun? Nichts. Also… eigentlich nichts. Außer es wird Andrea Chénier gespielt, denn auch der Tenor-Titel-Held und seine Geliebte werden am Schluß der Oper einen Kopf kürzer gemacht. Schließlich spielt das Stück im historischen Rahmen der Französischen Revolution und da saßen die gekrönten und adeligen Häupter bekanntlich eher locker und Le Terreur machte irgendwann keine Unterschiede mehr, forderte seine Opfer, die Revolution fraß ihre Kinder und ihre Dichter gleich mit. Normalerweise endet die Oper mit einem bedeutungsschwangeren gemeinsamen Schreiten der Liebenden oder irgendeiner melodramatischen Pose vor Henkerskarren… Nicht so in dieser Neuinszenierung; hier wird tatsächlich geköpft und der abgetrennte Kopf des Publikumslieblings in detailrealistisch modellierter Pappmaché-Version in die Höhe gestemmt wie ein Pokal. Das ist nun wirklich Schichtl und nicht Staatsoper, dieser Schluß ist, muss man leider so sagen, Murks.

Spät ist dieser Andrea Chénier nun auch nach München gekommen, geschmeidige einhundertzwanzig Jahre nach der Uraufführung ging er nun erstmals in der Landeshauptstadt über die Bühne; man muss mit Repertoireerweiterungen schließlich vorsichtig sein… In den 1980er Jahren war das Werk schon einmal überaus populär gewesen und eine wahre Welle von Neuproduktionen hatte die Opernhäuser überrollt, Chenier all over the world. Außer in München, wo es zu jener Zeit eine einflussreiche Persönlichkeit in der Theaterleitung gab, die sich einer Ansetzung standhaft verweigerte und es wohl mit Thomas Bernhard hielt, der Dramatiker attestierte dem Komponisten nämlich, „widerlichen Heroenkitsch“ produziert zu haben… Was natürlich fulminant übertrieben ist! Natürlich ist Andrea Chénier ein kolportagehafter Reißer, inhaltlich und musikalisch gleichermaßen plakativ, ohne psychologischen Tiefgang oder nennenswerte Entwicklung der Charaktere und stets auf den Effekt hin getrimmt. So what? Das sind andere Opern des Standardrepertoires auch; und wenn man diese Machart ernst nimmt und entsprechend bedient, lassen sich die Massen durchaus davon begeistern; was diese Münchner Erstaufführung auf grandiose Weise beweist.

Zweiklassengesellschaft, beim Wort genommen (Foto: Wilfried Hösl)

Dabei darf, um nicht zu sagen: muss, auch gerne mal etwas dicker aufgetragen werden, gerade in den Chören und Straßenszenen gibt es gut was auf die Ohren und auch die schmachtvollen Arien vertragen den breiteren Pinselstrich. Den hat Dirigent Omer Meir Wellber bekanntlich drauf und gibt mit dem schwungvoll und musizierfreudig aufgelegten Staatsorchester dem Affen gehörig Zucker wo es angebracht ist, zeigt sich aber auch als sensibler Sängerbegleiter, der den Stimmen Raum zur Entfaltung gibt und der Partitur immer wieder Zwischentöne und weiche, melancholische Klangfarben verleiht, von denen man nicht unbedingt wusste, dass es sie hier gibt… Wellber dirigiert ein glutvolles Drama mit Mut zur großen Geste, ohne den klanglichen Fokus zu verlieren oder in undifferenziertes Lärmen zu verfallen; dafür wird er zu Recht gefeiert.

Die lange und durchaus strapaziöse Titelpartie steht bei jeder Chénier-Aufführung im Mittelpunkt des Interesses, von Dramaturgie und Gewichtung her ist das ein Tenor-Stück par excellence. Diesmal wurden noch ein paar Umdrehungen mehr an der Hysterieschraube gedreht, schließlich war SEINE Rückkehr Thema des Tages; nach gut fünfmonatiger Zwangspause zeigte sich Jonas Kaufmann wieder seinen Münchner Jüngern, äh… Fans und hat mit diesem Auftritt so manche Spekulationen beendet und angefacht zugleich. Dieser Chénier ist ein glühender Freigeist, ein Revolutionär wider Willen, getrieben von Leidenschaft und Pathos, aber nicht domestizierbar und Künstler durch und durch; kein planvoll handelnder Kämpfer, aber einer, der überall aneckt und in kein politisches System passt. Sich treu bleiben und den Kopf verlieren. Und dieses noch hingebungsvoll besingen, so lange es geht… Diesen Charakter versteht er jederzeit plastisch und glaubwürdig zu gestalten, da dürfte es derzeit keine bessere Besetzung geben. Vokal gibt Kaufmann den Poeten eher handfest als wirklich poetisch und scheint sich auf der dynamischen Ebene des Forte wohler zu fühlen als im rein Lyrischen; so punktet er vor allem dort, wo die schmetternde Stimmattacke gefragt ist, während in den leisen oder mitteltönigen Episoden doch der eine oder andere etwas fahle oder auch verrutschte Ton unterläuft. Das sorgte am Premierenabend noch für etwas gebremsten Schaum, im Laufe der Serie hat er sich zunehmend freigesungen. Das ist, schon klar, Jammern auf ganz hohem Niveau und es gab auch diesmal viel beeindruckenden Tenorgesang zu hören; aber bis zur Hochform fehlen hörbar doch noch ein paar Prozent.

Gar nichts fehlte hingegen bei Anja Harteros, die in ihrem Rollendebüt als Maddalena dieser relativ undankbaren Rolle ein Profil gab, das diese eigentlich gar nicht hergibt. Ihre Interpretation von „La mamma morta“, dank des Films Philadelphia das bekannteste Stück der Oper, ist die musikalische und emotionale Brennkammer des Abends, da erlebte man einmal mehr, wie diese wunderbare Künstlerin Emotion über die Stimme in Transzendenz zu wandeln versteht und wieder zurück, viereinhalb Minuten wie nicht von dieser Welt. Den Weg von der herablassenden Adelsgöre zur großen Diva zeichnet Harteros mit größter Suggestivität nach, verfügt über den leichten, mädchenhaften Ton ebenso wie über unbedingte Leidenschaft und echt veristisches Pathos. Als eine der ganz wenigen Sängerinnen der Jetztzeit versteht sie es, schon mit dem ersten Ton ihrer Rolle dem Abend eine Farbe, eine Präsenz hinzuzufügen, die vorher nicht da war; unter Melomanen ist dieses Phänomen längst als der „Anja-Effekt“ sprichwörtlich.

Gleich gehts auf beim Schichtl: Anja Harteros (Maddalena) und Jonas Kaufmann (Chénier) kurz vor knapp (Foto: Wilfried Hösl)

Die größte gestalterische Herausforderung in dieser Oper bedeutet die Partie des Carlo Gerard, der als einziger der Protagonisten eine echte charakterliche Entwicklung erlebt; vom grimmigen Proletarier mit Rachephantasien steigt er in der Revolution zu einem höheren Apparatschik auf, einem großgewordenen Westentaschendespoten, um dann in seiner berühmten Arie „Nemico della patria“ und der Wiederbegegnung mit Maddalena seine humanitären Ideale wieder zu entdecken… Nicht nur in jener Arie – nicht umsonst ein Strunzstück sämtlicher namhaften italienischen Baritone von Bastianini bis Cappuccilli – begeistert Luca Salsi mit kraftvoll-opulentem Vortrag, wunderbarer Legatokultur und samtweichem Schmelz. Dies war sicherlich ein Durchbruch für den Künstler und dürfte seiner Karriere einen gewaltigen Schub versetzt haben; zu gönnen ist das dem sympathisch bodenständig wirkenden Sänger aus dem Verdi-Land um Parma allemal.

Aber die Castingabteilung hat nicht nur bei den drei Hauptrollen einmal mehr ganze Arbeit geleistet, das gesamte Ensemble zeigte sich auf hohem Niveau homogen, bis in die Kleinpartien gab es keine Ausfälle zu beklagen, dafür einige ausgesprochene Glanzpunkte zu würdigen. Allen voran ist hier Doris Soffel zu nennen, die aus der Contessa di Coigny eine Allegorie auf das Ancien Règime macht, eine Verkörperung einer aufgeplusterten und tyrannischen Gesellschaft, die unablässig um sich selbst kreist und alle (Mit)menschlichkeit und Verantwortung längst verloren hat; mit einer in Stimme und Spiel nachgerade lustvoll ausgespielten Dekadenz rückt Soffel die Partie in die Nähe einer Herodias oder Klytämnestra en miniature, ihre groteske Gavotte und ihr hysterisches Lachen zum Ende des ersten Aktes geht unter die Haut. Einen vergleichbaren Gruselfaktor erzielt auch Elena Zilio als die alte Madelon, die ihren letzten verbliebenen Enkel mit dem Eifer des Fanatikers Robbespierres Herrschaft als Kanonenfutter aufdrängt; auch hier konnte es einem ganz schön flau werden… Erfreulich diszipliniert und mit aalglatter Präsenz gibt Kevin Conners den umtriebigen „Incredibile“, den prinzipienlosen Agenten und Handlanger des Systems. Die BSO-Debütantin J’nai Bridges ist als Bersi ein echter Hingucker, zu singen hat sie leider recht wenig. Abgerundet wird das Ensemble durch die Auftritte von Andrea Borghini (Roucher), Nathaniel Webster (Fléville), Ulrich Reß (Abbate), Christian Rieger (Fouquier-Tinville), Kristof Klorek (Dumas) und Anatoly Sivko (Schmidt). Nicht zu vergessen natürlich Tim Kuypers, dessen Rolle als Revolutionär Mathieu von der Regie deutlich aufgewertet wird; in der Maske des Joker aus Batman und eingehüllt in eine schmutzige Trikolore schleicht er sich wie ein böser Geist durch den Abend, an allen Schauplätzen anwesend mit einer hinterhältig-brutalen Präsenz; die schon vor Stückbeginn eingeschobene und dann während der Handlung mehrfach gesungene Carmagnole wird zum unheilvollen Personalmotiv dieses sinistren Charakters. Ein sehr überzeugender Einfall!

Jubelarien nach den Arien: Luca Salsi, Anja Harteros und Jonas Kaufmann nach vollendetem Werk (Foto: Wilfried Hösl)

Überhaupt geriet auch die szenische Seite kaum weniger spektakulär als die musikalische: Opernregie ist ja bekanntlich nur eine Komponente im künstlerischen Portfolio von Philipp Stölzl, der auch als Werbemensch und Produzent von Musikvideos und Kinofilmen unterwegs ist. Sonderlich nett ist das Publikum beim Debüt in seiner Heimatstadt nicht mit ihm umgegangen, der Applaus wurde am Premierenabend von erbitterten Buh-Rufen durchzogen. Alles wegen des Ausflugs zum Schichtl? Oder passte da einigen „die janze Richtung“ nicht? Abgesehen von dem albernen Schluß und drei oder vier kleinen handwerklichen Ungeschicklichkeiten – die dann doch ein wenig den Quereinsteiger verraten – hat sich der Regisseur nichts zuschulden kommen lassen und hat eine lebendige Inszenierung vorgelegt, die einiges fürs Auge bietet und mit der Haus und Publikum eigentlich die nächsten Spielzeiten gut leben können. Und das ist doch bedeutend mehr als viele Kollegen von sich behaupten können… Stölzl beläßt die Handlung in der vorgegebenen Epoche; alles andere würde bei der extrem engen Verzahnung von Handlung und Personal mit den historischen Vorgaben auch wenig Sinn machen; Schauplätze und Kostüme (mit viel Freude am Detail entworfen von Anke Winckler) sind also Französische Revolution. Allerdings sorgt die technisch sehr ambitionierte und sich ständig bewegende Bühnenkonzeption dafür, dass nie der Eindruck eines bloßen Kostümschinkens entsteht. Wie schon letztes Jahr bei Cav(alleria) und Pag(liacci) in Salzburg setzt Stölzl auch hier auf eine kleinteilige, setzkastenartige Konstruktion, die es erlaubt, immer mehrere Handlungsstränge, bzw. parallele Ereignisse simultan abzubilden; besonders eindrucksvoll im ersten Bild, wo der dekadente Adelssalon der Gräfin kontrastiert wird mit der Ansicht der im Souterrain zusammengepferchten Dienerschaft. Selbiges Gewölbe dient im zweiten Bild dann als klandestiner Treffpunkt der Liebenden in der Kanalisation – Der dritte Mann läßt grüßen – und später noch als Lazarett und Gefängnis. Doch Stölzl und seine Co-Bühnenbildnerin Heike Vollmer bauen nicht nur in die Tiefe, sondern auch in die Höhe, zeigen Bordell, Verwaltungssitz und Richtplatz in mehrstöckiger Bauweise, lediglich für den Gerichtssaal hat man mehr Platz gebraucht und fährt die Kulissen kurzerhand nach hinten. Eine gewisse Nähe zur Ästhetik des Musicals kann und will die Inszenierung nicht verleugnen, ein Hauch von Les Miserables liegt in der Luft und irgendwie hätte es gepasst, anstelle des Improviso „One more day to revolution“ anzustimmen… Das Stück (ver)trägt auch das.

Einen so in sich stimmigen Opernabend erlebt man selten und die Freude und die offensichtlich extrem gute und kollegiale Atmosphäre unter den Mitwirkenden übertrug sich auch beim Schlußapplaus aufs ganze Haus; da wurde bei allen Vorstellungen mitgefiebert, geredet, umarmt und man freute sich über den Applaus für die Kollegen… Schön zu sehen, so sollte es eigentlich immer sein! Andrea Chénier, der Verismo-Schinken, ist endlich angekommen in München; und zwar gut abgehangen und kräftig gesalzen.

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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One Response to Bayerische Staatsoper: “Andrea Chénier” – 12./18./22.3.2017

  1. Michaela says:

    Super, Fabian! Dein Artikel macht mal wieder nicht nur Spaß zu lesen, sondern zeigt wirklich, dass ein humorvoll – hier im Gegensatz zu Zynismus! spannender Schreibstil wirklich bereichernd ist und dass es TATSÄCHLICH möglich ist, ehrlich gemeinte Kritik respektvoll rüberzubringen, ganz im Gegensatz zu dem, was teilweise in EINSCHLÄGIGEN süddeutschen Zeitungen zu lesen war bzw. ist!

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