Bayerische Staatsoper: “Tannhäuser” – 21./28.5.2017

Frauen mit Flitzebogen oder Kann denn Leere Sünde sein?

Wie und warum Romeo Castellucci den „Tannhäuser“ versenkt hat

Das allseits beliebte Internetportal Wikipedia definiert den Begriff „Oper“ wie folgt: „Als Oper (vom italienischen opera in musica, musikalisches Werk) bezeichnet man seit 1607 eine musikalische Gattung des Theaters, in der eine szenisch-dramatische Handlung durch Musik dargestellt wird.“ Das ist im Kern korrekt und praktisch jeden Abend in Häusern irgendwo auf der Welt mehr oder weniger so zu erleben… Es sei denn, die Regie des Abends liegt in den Händen von Romeo Castellucci. Da kann weder von Handlung noch von Theater die Rede sein; wer den italienischen Grenzgänger und Radikalkünstler Castellucci verpflichtet, weiß, was er bekommt: eine mehr oder weniger bildgewaltige, esoterisch angehauchte Performance, eine begehbare Kunstinstallation, ein raum- und lichtgewordenes Bilderrätsel, bzw. eine ganze Abfolge davon. Theater? Ist ein dehnbarer Begriff.

Feuerrrrrr Frrrrrrei! – Castelluccis Amzonen in Aktion (Foto: Wilfried Hösl)

Schon zur Ouvertüre setzt die Bilderflut ein, 29 halbbekleidete Frauen mit Flitzebogen marschieren auf, gruppieren sich schreitend oder kniend in Reihen und diversen Formationen (Choreographie: Cindy van Acker) und nehmen eine runde Hintergrundprojektion, die wechselnd ein Auge und ein Ohr darstellt, ins Visier und schießen, immer wenn im Orchester Tannhäusers Lied an Venus erklingt, die volle Salve von Pfeilen ab… Amors Pfeile, Liebe, die Göttin Venus. Schon klar. Jene Venus ist als unförmiges Etwas – Jabba the Hutt aus Star Wars läßt grüßen – in einen wabbeligen Berg aus Fleisch und Masse eingeschmolzen, der Typ in Schwarz, der offensichtlich Tannhäuser sein soll, klampft auf einer goldenen XXL-Version des Flitzebogens herum und steht ansonsten da wie bestellt und nicht abgeholt… Es ist nicht so, dass es nichts zu sehen gäbe an diesem Abend, im Gegentum. Ständig tauchen neue Merkwürdigkeiten auf: eine nackte Frau auf lebendigem Pferd, eine goldene Mondenscheibe – wir könnten auch Norma oder Salome spielen – ein goldener Pfeil, den Elisabeth Tannhäuser im Finale Zwo in den Rücken piekst und der im dritten Akt über der Bühne hängt, anderthalb Kilometer wallenden transparenten Vorhangstoff – der Landgraf hält dem abtrünigen Barden im wahrsten Sinne des Wortes eine Gardinenpredigt – und weiße Bademäntel zur Samurai-Frisur, eine Box mit einem hampelnden Kobold darin, ein Bataillon abgetrennter Füße und manch andere Präpotenzen; eigentlich ist es doch Parsifal, der dasteht wie der Ochs vorm Berge und nichts rafft, „Weißt Du, was Du sahst?“. Nö, keine Spur. Geht uns hier gute drei Stunden lang genauso. Den absoluten Tiefpunkt markiert der dritte Akt, in dem nichts weiter passiert, als das Statisten Bahren rein- und rausfahren und mittels alle fünf Minuten ausgetauschter Leichenpuppen den Prozess der Verwesung dokumentieren, von ganzen Nachbildungen im Madame Tussaud’s-Stil bis hin zum Aschehäufchen, die von Tannhäuser und Elisabeth, bzw. von Klaus und Anja – wie es auf den Sarkophagen zu lesen steht – zusammengefegt werden… Weil die Vereinigung der Liebenden ja nur im… Ja, ist bekannt. Gehts noch? Derweil werden drei der großen Highlights der Oper, Gebet, Abendstern und Romerzählung, beziehungs- und sinnfrei in den luftleeren Raum gesungen. Dieser dritte Akt ist so ziemlich das Peinlichste, was ich die letzten zehn Jahre auf einer Opernbühne gesehen habe.

Singen in der Leichenhalle: Christian Gerhaher als Wolfram (Foto: Wilfried Hösl)

Natürlich läßt sich über all diese Einfälle und den ganzen Assoziationsapparat wunderbar referieren – was Castellucci in einem eigenen Videoblog auch ausführlich tut – aber mit der Handlung und den Charakteren des Tannhäuser hat das alles Nullkommagarnichts zu tun. Die Bilder als solche kann man als Zuschauer betrachten, kann sie schön oder schrecklich finden, kitschig, banal oder was auch immer; aber welche Musik dazu gerade läuft, ist vollkommen egal. Die zentrale inhaltliche Frage des Werkes, nämlich die nach Schuld und Strafe und der Fundamentalopposition zwischen den Kräften des Eros und der Sublimierung, wird nichtmal im Ansatz gestellt. Oder anders gefragt: wie können Leere und Öde denn Sünde sein? Und noch dazu eine, die nichtmal durch die – angeblich – höchste moralische Authorität auf Erden verziehen werden kann? An dieser Frage kann man als Regisseur durchaus scheitern, ist schon vielen so gegangen, großen Namen eingeschlossen. Aber sie haben es zumindest versucht ohne sich in ein esoterisches, pseudo-intellektuelles Wolkenkuckucksheim zu flüchten.

Die Sänger haben hoffentlich ihre anderthalb Monate bezahlten Urlaub, im Vertrag vermutlich als „Probenzeit“ ausgewiesen, genossen. Jedenfalls wurde ihnen nichts abverlangt, was Profis nicht in höchstens dreißig Minuten Stellprobe hinbekommen hätten. Sie können sich irgendwo hinstellen, wo gerade Platz ist, machen was ihnen einfällt oder auch mal zwischendurch rausgehen, ohne dass das wen interessiert, solange sie beim nächsten Einsatz wieder an Ort und Stelle sind… Castellucci hat den Tannhäuser nicht inszeniert, sondern versenkt bis auf den Grund des Sankt Andreas-Grabens.

Gardinenpredigt: Georg Zeppenfeld (Landgraf Hermann) und Anja Harteros (Elisabeth) – Foto: Wilfried Hösl

Das ist umso ärgerlicher, weil mit dieser Besetzung eine Aufführung mit Referenzcharakter möglich gewesen wäre; so beschränkte sich dieser auf die musikalische Seite, wo die BSO ihre Kernkompetenz in Sachen Wagner einmal mehr demonstrierte. Und nicht nur das; vieles, was an diesem Abend zu hören ist, hat man so tatsächlich selten oder nie zuvor gehört. Eine Elisabeth etwa wie die von Anja Harteros, die nicht einfach nur betörend schön und mit herzerwärmender Innigkeit singt, sondern wie immer auch einen ungemein spannenden Charakter formt. Dass diese junge Frau, von der sie umgebenden Macho-Gesellschaft in die Rolle des Idols und der „reinen“ Muse und Lichtgestalt gedrängt, im Kern zutiefst verunsichert ist und nur zu gerne mit dem Außenseiter Tannhäuser den Aus- und Aufbruch wagen würde, wird in jeder Note spürbar. Ist halt nicht, aus den bekannten Gründen. Und doch ist sie bereit alles zu wagen, Partei zu ergreifen und jene ihr zugedachte Rolle einzunehmen; nur eben viel radikaler, ehrlicher und selbstbestimmter, als gedacht und gewünscht. Dieser Akt der Selbstfindung vollzieht sich im zweiten Akt wie unter dem ominösen Brennglas; das Gebet im dritten Akt ist die letzte Stufe davon und gerät Harteros mit weich fließender Kantilene und schillernder Farbgebung als hymnische Entäußerung einer großen Seele. Solche dialektisch aufgebauten Figuren sind ja nun für Wagner typisch; und mit solchen Interpreten findet es Erfüllung. Ähnliches gilt für Christian Gerhaher als Wolfram. Eine sonst oft etwas blass gezeichnete Partie, der ewige Zweite, der zwar auf Knopfdruck schöngeistiges Geseiche abzuliefern versteht, im wahren Leben und Lieben aber nicht so recht weiss; Wartburg’s darling sozusagen. Nicht so bei Gerhaher, durch die immer wieder schier unglaubliche Fülle baritonaler Schattierungen und seine stimmliche wie emotionale Präsenz gestaltet er einen echten Widerpart, unter dessen kultivierter Fassade es gewaltig brodelt. Gerhaher singt mit vollendeter Noblesse, macht aber auch klar, wo Schluß ist mit lustig. Sein Abendstern-Lied wird geradezu zur Abrechnung mit sich selbst, ein traumverlorener und zugleich traumatischer Abgesang. Dass beide Künstler diese Intensität vollkommen ohne szenische Hilfe erzielen, belegt erneut deren absoluten Ausnahmerang. Den nimmt auch Georg Zeppenfeld ein, unter den deutschsprachigen Bässen hat er sich längst ins amtierende Spitzentrio gesungen. Auch sein Landgraf Hermann ist wieder ein Muster an sonorer Klangpracht und -fülle, kerniger Tiefe und balsamischer Schönheit in Tateinheit mit exemplarischer Textbehandlung. Kein Bagatelladeliger, sondern ein Sonnenkönig auf Kommunalebene, der keinen Widerspruch und auch sonst wenig neben sich duldet.

Elena Pankratova ist als Venus wahrlich nicht zu beneiden, da jedweder darstellerischen Möglichkeit beraubt und im Finale der Oper auch noch in die Engelsloge verbannt… Dafür nimmt sie sich den großen Auftritt beim Schlußapplaus, so nach dem Motto „Besser spät als nie“. Stimmlich gibt es gewiss Partien, in denen ihre Qualitäten noch besser zur Geltung kommen, ihr voluminöser, metallisch grundierter Sopran wirkt hier mehr heroisch auftrumpfend als mystisch verführend. Nichts auszusetzen gibt es an der Combo der Minnesänger, angeführt vom frisch vorangesungenen Walther von Dean Power und dem kantigen Biterolf von Peter Lobert und ergänzt durch Ulrich Reß als Heinrich und Ralf Lukas als Reinmar. Elsa Benoit als Hirte darf dem szenisch agierenden Kinderstatisten aus dem Off ihre Stimme leihen.

Frau Venus (Elena Pankratova) als Jabba (Foto:Wilfried Hösl)

Nun heisst das Werk allerdings Tannhäuser… Und das nicht ganz zu Unrecht, denn mit der Titelfigur steht und fällt es zu ganz großen Teilen. Um mal im Bild zu bleiben: hier wackelte es, fiel aber nicht. Klaus Florian Vogt, für gewöhnlich eher auf die Weichei-Rollen wie Lohengrin, Erik oder Parsifal abonniert, hat sich nun erstmals das Testosteronmonster Tannhäuser vorgenommen. Konnte das gutgehen? Kaum, denn Vogts Stimme klingt nunmal wie sie klingt: hell, körperlos und leicht weinerlich; ein „Heldensopran“, wie es in einem Pausengespräch hieß. Entsprechend hat man Phrasen wie „Schmachvoll des Himmels Mittlerin verkannt…“ oder auch das berühmt-berüchtigte „Erbarm Dich mein“ wohl selten so larmoyant gesungen gehört. Dass ich nicht zu den Fans dieses Künstlers gehöre, dürfte mittlerweile bekannt sein. Dennoch geriet dieses Rollendebüt nicht zu dem Debakel, das manch einer befürchtet hatte; Vogt hält konditionell ohne nennenswerte Abnutzung durch, hat die Höhe und bleibt vokal durchgehend in der Spur, abgesehen von den üblichen Problemen mit sehr langbogigen Phrasen. Für eine wirklich adäquate Interpretation reicht das dennoch nicht aus, wie meist bei ihm klingt alles gleich und monochrom und ausdrucksneutral; ihm und dem Kollegen Gerhaher im Sängerwettstreit alternierend zuzuhören hatte schon etwas leicht Sadomasochistisches an sich… Oder war das etwa so gewollt?

Wie die Zeit vergeht… Klaus Florian Vogt in der Titelpartie (Foto: Wilfried Hösl)

Ganz sicher so gewollt war natürlich, was aus dem Orchestergraben kam. Kirill Petrenko stellt mit dem bestens disponierten Staatsorchester eine Lesart vor, die sich diametral von denen seiner beiden Vorgänger im GMD-Amt unterscheidet, oder besser gesagt, die eine Synthese bildet zwischen Mehtas schwelgend-romantischem Breitwand-Sound und Naganos kristalliner Transparenz. Klar und durchhörbar ist auch hier das Orchesterspiel, setzt klare Kanten ebenso wie sinnlich blühende Klangfarben, Poesie mit Muskeln sozusagen. Die wie immer bei Petrenko überwältigende Detailarbeit birgt, das sei nicht verschwiegen, auch zuweilen die Gefahr der Tüftelei. Dem entgeht der Dirigent vor allem im ersten Akt nicht immer, das rauschhaft bacchantische Bekenntnis der Venusberg-Musik bleibt eine Spur zu kontrolliert, zu abgesichert; zur Szene passt das, zu den Vorgaben des Komponisten eher weniger. Das ändert sich im Verlauf des Abends, mit Beginn des zweiten Aktes wird das Dirigat ungleich freier, auch wenn sich Petrenko durchaus Zeit lässt. Das kann er sich trauen, da die tempi nie nur einfach langsam, sondern auch mit Sinn und Innenspannung gefüllt sind. Atemberaubendes gelingt ihm nicht nur im Zusammenspiel mit den Solisten, sondern auch mit dem von Sören Eckhoff präparierten Staatsopernchor; nach zwei doch sehr durchwachsenen Premierenleistungen zeigten sich die Damen und Herren wieder von ihrer besten Seite und boten eine differenzierte und klanglich abgerundete Performance. Unglaublich, wie dynamisch, konsequent und spannend sogar der so ausgelutschte Einzug der Gäste plötzlich klingen kann! Die holde Kunst, hier wurde sie zur Tat.

Die Bravo-Buh-Kontroverse beim Auftritt des Regieteams war mindestens so laut und deftig wie bei der Premiere der Alden-Inszenierung vor 23 Jahren. Jene war immerhin 19 Jahre im Repertoire geblieben; ein ähnliches Bühnenleben dürfte Castelluccis Bemühung nicht beschieden sein, vielmehr hört man, dass es um die Repertoirefähigkeit der Produktion schlecht bestellt sein soll. Ob der Meister selbst der Welt noch den Tannhäuser schuldig geblieben ist, wie er selbst meinte, sei dahingestellt; Castellucci ist es auf jeden Fall.

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

Advertisements
This entry was posted in Oper. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s