Deutsche Oper am Rhein Duisburg: “Madama Butterfly” – 3.6.2017

Puccinis Madama Butterfly ist ein tolles Stück! Doch, wirklich! Muss man das eigens erwähnen? Aber ja, denn in neunundneunzig Prozent aller Aufführungen ist davon wenig oder gar nichts zu bemerken; Generationen von Dirigenten und Regisseuren haben sich an Puccinis Oeuvre, und an diesem ganz speziell, aufs Schwerste versündigt und eine rührselige, von übersüßtem Instrumentalgeplätscher ertränkte Nippon-Schmonzette gemacht, in deren Verniedlichungsästhetik Sentimentalität und kolonialistische Weltsicht eine unheilvolle Allianz eingehen. Ob das Werk trotzdem so populär ist oder gerade deswegen, ist die Frage…

Um das Werk vor der eigenen Aufführungsgeschichte zu retten, sind drei Faktoren nötig: ein Regisseur, der den ganzen Nippes und den pseudo-folkloristischen Ballast konsequent abräumt und mit aller gebotenen Härte die grausame Geschichte dieser schändlich betrogenen Frau erzählt, dann ein Dirigent, der die Partitur ernstnimmt, den Unterschied zwischen Emotion und Larmoyanz kennt und die immer wieder frappierende Modernität der Musik herausarbeitet. Und schließlich eine Interpretin der Titelpartie, die nicht nur deren stimmlichen Herausforderungen gewachsen ist, sondern die Figur mit Leben füllt. In dieser famosen Neuproduktion der Deutschen Oper am Rhein sind alle drei vorhanden.

Der aus dem drittgrößten Land der iberischen Halbinsel stammende Joan Anton Rechi hat an Rhein und Ruhr mit Massenets Werther (Archiv Januar 2015) und Donizettis L’elisir d’amore (Archiv Oktober 2016) bereits zwei äußerst originelle und bildmächtige Inszenierungen vorgelegt, mit entsprechender Spannung konnte man seiner Version der Butterfly entgegensehen. Und das zu Recht, denn Rechi setzte noch einen drauf. Dabei fällt der erste Akt noch für seine Verhältnisse relativ unspektakulär aus: er spielt zur Gänze in der Eingangshalle des US-Konsulates in Nagasaki (Bühnenbild: Alfons Flores), wuchtige, kalte Macht- und Einschüchterungsarchitektur mit Säulen, Ledersesseln und einem XXL-Sternenbanner im Hintergrund. Das von Pinkerton erworbene Liebesnest gibt es nur als Modellhäuschen, das bewundernd herumgereicht wird, Cio-Cio-Sans Verwandschaft präsentiert sich in diversen Stadien der Verwestlichung (Kostüme: Mercè Paloma), die Personenführung ist, wie von Rechi nicht anders gewohnt, präzise, sinnvoll und schnörkellos. Dieses Ambiente ist, bei aller Liebe zum Detail, ein irrealer, symbolischer Ort, die Sphäre der Besatzer, eine geschlossene Welt, die das Land drumherum ausblendet… „Ovunque al mondo lo Yankee vagabondo“ singen Konsul und Offizier bei Puccini. Ja, genau; heute sind wir hier, morgen woanders und überall sind wir die Größten. Die Verführungsszene am Schluß des ersten Aktes meistert Rechi ohne Peinlichkeit; nachdem Pinkerton genervt festgestellt hat, aus wievielen Schichten und Tüchern so eine japanische Damenoberbekleidung besteht, fährt die Drehbühne ein Bett herein und es wird zur Verrichtung geschritten… Zu den letzten Takten rotiert es wieder herein; jetzt ist der amante weg, es ist ein neuer Tag. Butterfly steht auf und das Inferno beginnt mit Fliegermotoren, Pfeifen und einer gewaltigen Detonation, die Halle stürzt ein und Frau Schmetterling steht als Schattenriss vor Qualm und Blendlicht. Offenbar ist es der 9. August 1945 und die Atombombe ist auf Nagasaki gefallen. Pause.

Knalleffekt zur Pause (Foto: Hans-Jörg Michel)

So ähnlich jedenfalls, eine platte 1:1-Umsetzung vermeidet die Regie, auch wenn die Assoziation doch recht eindeutig ist; die bühnenfüllende Trümmerwüste, in der der zweite Teil der Oper spielt, steht für die Ausweitung der Kampfzone, die seelische wird in der militärischen Zerstörung gespiegelt, die individuelle Tragödie wird zur Menschheitstragödie. Die zuvor so prächtige Fahne dient, zerrissen und verrußt, jetzt als Zeltplane und aus Überbleibseln hat sich Cio-Cio-San eine Art Wachturm gebaut. Land des Lächelns? Nicht die Spur. Und der Regisseur entfesselt mit seinem erstklassigen Ensemble ein beeindruckendes Kammerspiel auf Trümmern, lässt uns in die emotionalen Abgründe schauen; dieses Endspiel geht alle an. Natürlich kollidiert das Bühnengeschehen in manchen Details mit dem Libretto, aber die Analogie stimmt und zieht in ihren Bann. Diese Geschichte kann überall auf der Welt geschehen, „Ovunque al mondo“. So hat man Madama Butterfly noch nicht gesehen und erlebt.

Grandiose Titelheldin: Liana Aleksanyan (Foto: Hans-Jörg Michel)

Getragen wird diese hochspannende Konzeption durch die großartige Liana Aleksanyan in der Titelpartie. Eine der anspruchsvollsten Sopranpartien der italienischen Oper, schließlich fordert sie stimmliche Durchschlagskraft und Dramatik, aber eben auch rührende Naivität, mädchenhafte Frische und die Aura einer unerschütterlichen Liebe und seelischen Größe… Und all das will auch noch in Töne gebannt werden. Aleksanyan schafft das mit frappierender Leichtigkeit und Natürlichkeit, man hört an keiner Stelle Anstrengung oder Technik, Stimme wie Emotion scheinen förmlich aus ihr hinauszuströmen, bei einem lyrischen Grundton und mild leuchtendem Timbre besitzt ihr Material Körperlichkeit, strahlt Kraft und Energie aus, im zartschmelzenden Piano ebenso wie in der fulminanten Spitzentonattacke. So bietet sie selbst dem kraftstrotzenden Tenor des kurzfristig eingesprungenen Gianluca Terranova Paroli. Das Rollenfach des selbstherrlichen, latent schmierigen Verführers scheint dem Künstler auf den Leib geschrieben, sein Pinkerton ist ein Bruder im Geiste des Römers Pollione, den er letztes Jahr in Essen verkörpert hat (Archiv Oktober 2016). Gesanglich trumpft Terranova ungeniert auf, verbindet strahlendes Tenormetall mit stilistischer Kompetenz; die Frage nach seinem sängerischen Vorbild ist nach drei Takten beantwortet… Richard Šveda überzeugt in der eher undankbaren Partie des Konsuls Sharpless mit geschmeidiger Baritonpräsenz und zeigt eindringlich die Wandlung vom smarten Polit-Ehrgeizling zum mitfühlenden Freund. Überhaupt glänzt das Rheinopern-Ensemble mit einer Reihe eindrucksvoller Rollenporträts: Maria Kataeva gibt die treue Dienerin Suzuki mit Distinktion und großer Wärme; ein Jammer, dass Puccini kein großer Fan der Mezzosopranstimme gewesen ist… Florian Simson singt den Kuppler Goro mit messerscharf pointierter Diktion und dem Gebaren eines Westentaschen-Mephistos, Lukasz Konieczny versrüht als Zio Bonzo knorrige Baßtöne voller Gift und Galle und Bruce Rankin ist ein stolzer Yamadori. Auch der von Christoph Kurig einstudierte Chor macht seine Sache verläßlich.

A night in the embassy… (Foto: Hans-Jörg Michel)

Der erst 29jährige – und noch jünger aussehende – usbekische Dirigent Aziz Shokhakimov am Pult der Duisburger Philharmoniker macht vom ersten Moment an klar, was hier gespielt wird. Mit forschem, aber nicht ruppigem Zugriff und straffen Tempi befreit er die Musik von jedwedem Schwulst und sorgt für jenen unerbittlichen Drive und innere Dynamik, die gut gespielten Puccini ausmachen, verbunden mit einem ausgeprägten Sinn für die musikalische Dramaturgie und die Synthese von Melos und Schärfe. Die Sänger können sich jederzeit darauf verlassen und ihre Partien entsprechend frei gestalten, der Orchesterklang ist differenziert und trägt die Emotionen der Protagonisten. Ein Puccini-Dirigat wie es auch an größeren Häusern die absolute Ausnahme ist!

Damit ist der Rheinoper nach dem Otello im Herbst bereits die zweite in jeder Hinsicht begeisternde Neuproduktion in einer Saison gelungen; so läßt sich die zwischendurch verlorene Pole Position unter den Opernhäusern im bevölkerungsreichsten Bundesland wieder zurückgewinnen…

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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