Bayerische Staatsoper: “Rusalka” – 18.6.2017

Die Romantiker an sich hatten schon ein Faible für das „feuchte Gezücht“; nicht nur Wagner mit seinen Rhine Maidens, auch sonst schwimmen sie durch Oper, Malerei und Literatur: Undinen, Melusinen und Rusalken in Hülle und Fülle. Der Plot ist mehr oder weniger immer derselbe: ein im Wasser lebendes Geisterwesen, im Regelfall weiblich und wohlgeformt, sehnt sich nach dem Erwerb einer menschlichen Seele, nach Liebe, Leidenschaft und einer Rolle in der Welt der Menschen. Durch mehr oder weniger faulen Zauber transformiert, folgt eine tragische Liebesgeschichte zum Manne, der sie nicht versteht und ihrer bald überdrüssig wird; da diese Männer zumeist Tenöre sind, ist das kein Wunder und die Katastrophe vorprogrammiert.

So auch in Antonin Dvořáks Version. Hier kommen die Geschichte und ihre Protagonistin aus Böhmens Wald und Teich und schmeichelnd umkleidet von schönster musikalischer Hochromantik, auch und gerade unterhalb des Wasserspiegels. Doch wer nun darin ein naives Märchen sehen will, der irrt. Hier werden durchaus die Essentials verhandelt, man muss nur zuhören. Sehnsüchte, Grenzüberschreitung, Enttäuschung und Verrat, Liebe bis zum Tod und die bohrende Frage, was das denn eigentlich ist, die menschliche Seele und was den Menschen zum Menschen macht. Die Erotik des Unbekannten, Unbenennbaren natürlich nicht zu vergessen…

Die Prinzengarde war auf der Jagd… (Foto: Wilfried Hösl)

Neu ist diese Rusalka nicht, bereits 2010 hat Martin Kušej – mittlerweile Hausherr next door im Residenztheater – diese Inszenierung erarbeitet und ein unglaublich packendes, durchdachtes Stück Musiktheater geschaffen, dass auch nach sieben Jahren und zahlreichen Wiederaufnahmen nichts an Intensität und Nervenkitzel verloren hat. Kušej gehört ohnehin zu den ambitioniertesten Bildererfindern unter den heutigen Topregisseuren und besticht zusammen mit seinem Bühnenbildner Martin Zehetgruber durch Szenen von illusionsloser Lakonik und kühler Präzision. Nicht „romantisch“ im herkömmlichen Sinn, aber in jedem Moment kenntlich. Kušej rückt die Geschichte gnadenlos ins Heute, zeigt das Reich des Wassermanns als Gefängnis und Spießerhölle, der visuelle Bezug auf reale Mißbrauchsskandale aus Österreich ist unverkennbar, Inzest, Tyrannei und brutale Unterdrückung prägen das Bild, so einem Wassermann möchte man im Leben nicht begegnen und atmet fast auf, als er in Handschellen abgeführt wird. Dem gegenüber die Welt des Prinzen, auch diese liebelos und sinnentleert, eine Trachtenparty zwischen hohen grauen Wänden, einzige Zuflucht für die entwurzelte Rusalka ist ein Aquarium als domestziertes Symbol des Wasserreichs, in das sie in vollem Hochzeitskleid eintaucht; eine Szene, die nicht umsonst ikonographisch geworden ist. Die Inszenierung wimmelt von starken Einfällen und doch ist die erzählerische Linie jeden Moment gewahrt. DAS ist Opernregie, wie sie sein soll, da dürfen so einige Kollegen gerne mal vorbeischauen und lernen…!

Einmal Wasser, immer Wasser: Kristine Opolais als Rusalka (Foto: Wilfried Hösl)

Getragen wird die Inszenierung auch im siebten Jahr von einem fabelhaften und sehr gut auf einander eingespielten Ensemble, immerhin drei der fünf Hauptrollensänger und zwei der Comprimarii des Abends waren bereits in der Premiere dabei. Im Zentrum steht, damals wie heute, Kristine Opolais in der Titelpartie. Für die Künstlerin war diese Rusalka ein Meilenstein in der Karriere und sie ist bis heute aus der Inszenierung nicht wegzudenken; eine solche Kongruenz von Darstellerin und Bühnencharakter findet man selten. Opolais verkörpert die unglückliche Nixe auf dem Weg zur liebenden Frau und retour mit schonungslosem darstellerischen wie stimmlichen Einsatz, eine der eindrucksvollsten Sing-Schauspielerinnen unserer Tage. Dass ihr Vortrag unter rein vokalen Gesichtspunkten zuweilen problematisch sein kann, ist bekannt, aber auch hier zeigte sie sich an diesem Abend erfreulich konsolidiert, mit deutlich weniger Schärfen und Unebenheiten als zuletzt.

Daheim im Wasserreich: Rusalka (Kristine Opolais) und der Wassermann (Günther Groissböck) – Foto: Wilfried Hösl

Ebenfalls schon in der Premiere im Einsatz war Günther Groissböck als Wassermann, der übrigens auch im tschechischen Text so heißt. Die im ersten Akt eher bräsig und liebevoll ironisch angehauchte Musik, die Dvořák ihm komponiert hat, konterkarieren Regisseur und Interpret mit ihrer erwähnt brutalen Sichtweise und Groissböcks prachtvoll ausladender Schwarzbaß tönt in der Tat angsteinflößend durch die Tiefe. Widerspruch? Nicht wirklich. Zumal dem Sänger im großen Dialog mit Rusalka im zweiten Akt mit einem Mal auch unglaublich sanfte und ergreifende Töne gelingen und verschüttete Emotionen freiwerden. Auch Dmyrto Popov als Prinz gehört schon beinahe zum Inventar der Produktion und er ist im Laufe der Zeit hörbar immer mehr in die Rolle hineingewachsen. Er mag nicht der charismatischste Darsteller sein und zuweilen das letzte Quentchen Glanz vermissen lassen, aber sein Vortrag ist von großer Musikalität und Stilgefühl geprägt und auch die gefürchteten Höhenanforderungen bewältigt er locker und unangestrengt. Helena Zubanovich gibt als Ježibaba die verhärmte Hausfrau, die lieber nichts von allem wissen will und trumpft in der Beschwörungsszene mit bruchlos pastosem Alt und sicherer Höhe auf; hier wird die Premierenbesetzung sogar deutlich übertroffen. Die kurze, aber effektvolle Partie der Fremden Fürstin singt Nadia Krasteva mit erotischer Offensive und viel weiblicher Präsenz, wenn auch in der Höhe nicht immer ganz mühelos. Ulrich Reß als Förster, Tara Erraught als Küchenjunge, Sean Michael Plumb als Jäger sowie Evgeniya Sotnikova, Rachael Wilson und Alyona Abramowa als Waldnymphen runden die vorzügliche Ensembleleistung ab.

Und doch fand die eigentliche Sensation im Orchestergraben statt. Denn dort gab Andris Nelsons, von der sonst so gut geölten Marketingmaschine des Hauses praktisch unbeworben, sein spektakuläres Debüt am Pult der BSO. Dass Dvořák zu den Lieblingskomponisten des lettischen Stardirigenten gehört, ist Stammbesuchern der BR-Symphoniekonzerte natürlich längst bekannt und auch das Staatsorchester klang mit einem Mal, als habe es nie etwas anderes gespielt. Nelsons macht das Orchester zum Protagonisten, der dunkle, samtig glänzende Klangteppich entfaltet eine geradezu magische Präsenz und zieht den Zuhörer in den Sog der Geschichte hinein. Sogar der dritte Akt, der sich ja durchaus auch mal ziehen kann, wird hier zum Hör-Thriller. Nelsons vermag die atmosphärischen Exkurse und Lyrismen der Partitur auszukosten und wunderbar aufzufächern, ohne dass dies auf Kosten von Kontur und Transparenz geht; so vital, differenziert und – im besten Sinne – theatral habe ich das Werk bisher nichtmal im Ansatz gehört. Das war nicht eine andere Interpretation, das war gefühlt ein anderes Stück.

Ob dieses Debüt etwas mit der Jahreszahl 2021 zu tun hat? Nelsons’ Vertrag als Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra läuft bis 2022… Träumen wird man doch mal dürfen!

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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