Bayerische Staatsoper: “La Traviata” – 29.6.2017

Wenn eine Aufführung von Günter Krämers historischer Traviata-Inszenierung an der Festspielkasse in drei Stunden ausverkauft ist und sich am Abend die Kartensucher unter Aufbietung diverser Nahkampftechniken vor der Gnadenpforte der Staatsoper drängeln, muss schon was Besonderes geboten sein… In der Tat hatte das Besetzungsbüro zum Start der – in doppelter Hinsicht – heißen Festspielphase eine Extraportion Star-Power kredenzt; zunächst den mittlerweile im Baritonfach wildernden Ex-Tenorissimo Plácido Domingo und dann auch noch Diana Damrau als Einspringerin für Dauer-Absagerin Sonya Yoncheva. Und nachdem sie Domingo zunächst ebenso laut tuschelnd wie vergeblich unter der Festgesellschaft des ersten (!) Aktes gesucht hatte, war dann irgendwann auch für die eventorientierte Fraktion im Publikum der Abend gerettet…

Ovationen für die Stars: Charles Castronovo (Alfredo), Diana Damrau (Violetta) und Plácido Domingo (Germont) – Foto: Wilfried Hösl

Diana Damrau hatte bereits 2014 in der Partie der Violetta auf der Staatsopernbühne triumphiert (siehe Archiv Juli 2014) und konnte ihre seinerzeitige Glanzleistung ohne Abstriche wiederholen, auch wenn ihr einige der Koloraturkaskaden im ersten Akt vielleicht nicht mehr ganz so mühelos leicht gelingen. Dafür sind auch diese mit Ausdruck erfüllt bis an die Grenze, der unverhohlene Hohn, den sie etwa der Phrase „in questo popoloso derserto che appellano Parigi“ untermischt und wie sie das letzte Wort förmlich ausspuckt, das gräbt sich ein und auch die vollkommen veränderte vokale Farbgebung, mit der sie die Reprise des „Gioire!“-Themas angeht ist ein Meisterstück sängerischer Nuancierung; nach dem Uneigentlichkeitsduett mit Alfredos Fern-Stimme kann sie die Selbstfeier des besinnungslosen Vergnügungstaumels nicht mehr mit derselben Verve und Selbstsicherheit singen wie zuvor. Nach der Pause wird der Abend dann endgültig zum Fest, denn in den Akten zwei und drei, wo zunehmend die innigen Töne, der Leidensausdruck und die Konfrontation mit dem Schicksal gefragt sind, schlägt Damraus Stunde als singende Tragödin allererster Ordnung.

Und dann setzt der Auftritt von Plácido Domingo als Germont senior noch einmal Energien frei, hier kam kein bürgerlicher Parvenu aus der Provinz auf die Bühne, sondern ein Grande von Spanien. Man kann über Sinn oder Unsinn seines späten Fachwechsels sicherlich geteilter Meinung sein und ein Bariton ist und wird Domingo gewiss nicht, Klangfarbe und Stimmcharakter sind nach wie vor die eines Tenors, nur dass keine eventuell kritischen Spitzentöne mehr zu bewältigen sind. Ausstrahlung und natürliche Authorität des Künstlers sind ungebrochen, eine Präsenz und Persönlichkeit wie sie in allen Epochen der Oper nur wenigen gegeben war und ist. Mit sparsamer Gestik beherrscht er das Geschehen, erstickt familiären Widerstand im Keim und bleibt dennoch Mensch. Und auch stimmlich präsentiert sich der Star in bemerkenswerter Verfassung, ausgeruht und erstaunlich frisch im Klang, souverän und stilsicher im Vortrag und das wunderbare bekannte Timbre leuchtet immer wieder auf. Ein bewegendes Gastspiel eines Ausnahmekünstlers – Gracias!

Da hatte Charles Castronovo, der eigentliche Tenor des Abends, verständlicherweise einen schweren Stand in der ohnehin eher undankbaren Partie des Alfredo. Von einem kurzen vokalen Schwächeanfall in der Cabaletta „O mio rimorso“ abgesehen, entledigte er sich der Aufgabe mit charmanter, gewinnender Erscheinung und geschmeidigem, lyrisch gehaltvollen Vortrag. Auch der Rest des Ensembles wußte zu überzeugen, irgendwie hatte man beinahe das Gefühl, dass schon Domingos Anwesenheit alle Mitwirkenden inspirierte und noch ein paar Umdrehungen mehr herauskitzelte…

Ganz sicher galt das für Chor und Orchester unter der engagierten Leitung von Andrea Battistoni. Es war nicht das erste Münchner Traviata-Dirigat des jungen Veroneser Maestro, allerdings mit Abstand sein bisher bestes, der Klang war ausgewogener, die Balance zwischen Orchester und Singstimmen überlegter, die Details besser herausgearbeitet. Auch wenn die Chöre nach wie vor etwas sehr al fresco musiziert wurden, konnte das insgesamt überzeugen und neugierig auf weitere Aufgaben machen.

Die (Fest)spiele haben begonnen, gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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