Bayerische Staatsoper: “Die Gezeichneten” – 1./7.7.2017

Getrippel im Bunker

„Frau, das versteht Ihr nicht, das ist Kunst!“ Dieser Satz – für den der Autor heutzutage locker einen Zehner in die Chauvi-Kasse zu entrichten hätte – fällt im dritten Akt von Franz Schrekers Die Gezeichneten, wenn das Volk von Genua die Insel Elysium besuchen darf und dort mit einer laut Libretto überbordend sinnlichen Schöpfung aus Parks, Wasserspielen, Skulpturen und Schönheiten konfrontiert wird, die laut Libretto das Maß menschlicher Vorstellung übersteigen… In Krzysztof Warlikowskis Neuinszenierung an der BSO versteht kaum jemand irgendwas, der Chor, der aus irgendeinem undefinierbaren Grund Masken in Form von Mäuseköpfen trägt, wandelt stumm durch einen kahlen Betonbunker mit trippelnden Tänzerinnen und bekommt ein Film-Medley aus Gruselklassikern der Stummfilmzeit vorgeführt: Golem, Frankenstein, Nosferatu. Alles Monster, die geliebt werden wollen, wie der Protagonist Alviano. Schon verstanden. Worüber das Volk und der Senat so begeistert sind? Keine Ahnung, muss sich wohl irgendwie um Kunst handeln.

Bunker mit Trippel-Tanz: “Die Gezeichneten” in München (Foto: Wilfried Hösl)

Man kann wirklich nicht behaupten, dass die BSO in dieser Saison in Sachen Regie, trotz prominenter Namen, sonderlich viel Fortune gehabt hätte… Und wenn nun sogar ein Regie-Schwergewicht wie Warlikowski an den Gezeichneten so fulminant scheitert, so ist das schon mehr als nur ärgerlich; schließlich geht es immer noch um eine Rehabilitierung dieses einst so populären und von den Nazis verfemten Musikers und seiner Werke. Da sind Inszenierungen wie diese ein Bärendienst. Dazu kommt im konkreten Fall noch, dass ich, aus teilweise sehr persönlichen Gründen, eine außerordentlich enge Beziehung zu diesem Stück pflege und Schrekers so rauschhaft-erotischer und zugleich mystischer und suggestiver Musik geradezu verfallen bin. Da schmerzt ein solches Regiefiasko dann doppelt.

Dabei hätten Die Gezeichneten mit ihrem zerstörerischen Dualismus von Schönheit und Häßlichkeit, von Erotik und Gewalt am Scheitelpunkt gesellschaftlicher Transformation als Stück für Warlikowski wie gemalt sein müssen. Schließlich geht es in Schrekers Opus um Kunst, Sehnsucht, Begehren, Obsessionen, Triebe und sexuelle Gier; aber auch übersteigerte Sensibilitäten, Wahn, Psychosen und Komplexe, um Selbstverwirklichung und -zerstörung, Lebens- und Todestrieb, das Vitale, das Kranke und das Abartige. Oder wie es im Stück als Motto formuliert wird: “Die Schönheit sei Beute des Starken!” Ein in höchstem Maße dialektisch wie psychologisch angelegtes Stück über die Auflösung von Ordnungen und die Orientierungslosigkeit in einer zunehmend unüberschaubaren Welt. Viel aktueller geht’s kaum.

Davon ist den ganzen langen Abend wenig oder gar nichts zu spüren. Natürlich ist Warlikowski wieder mit seinem ganzen Team angereist, neben der Bühnen- und Kostümbildnerin Malgorzata Szczęśniak sind auch die Lichtdesignerin Felice Ross, der Video Artist Denis Guégin und der Choreograph Claude Bardouil mit von der Partie. Der Bühnenraum ähnelt sehr demjenigen zu Die Frau ohne Schatten: eine langgezogene Halle mit seitlichen Türen und Öffnungen, die zum Vordergrund hin geschlossen und optisch verkleinert werden kann, in diesem Fall nicht durch Flügeltüren, sondern durch eine verspiegelte, auch halbtransparent zu leuchtende Wand. Ansonsten begegnet man auf Schritt und Tritt den gewohnten Versatzstücken wie rein- und rausfahrenden Glaskästen, Sanatoriumsmöbeln, einem Bartresen und einem großen Konferenztisch. Im zweiten Akt verwandelt sich die Halle in ein Box Gym – Achtung Männlichkeitsrituale! – und im dritten in ein Museum. Den geheimnisvollen Sehnsuchtsort namens Elysium bekommen wir dagegen nicht zu sehen. Dafür stopft der Regisseur den Abend mit diversen Klischees, Motiven und Anspielungen aus der bildenden Kunst und dem Film voll, Maria Abramovićs Performance The artist ist present wird zitiert, ebenso Damian Hurst, Art Spiegelmans Graphic Novels und die Mäusemasken des Chores verweisen auf Kafkas Josephine die Sängerin. Um all das zu dechiffrieren bräuchte man eigentlich den ganzen Abend eine Standleitung zu Doktor Google und Professor Wikipedia… Das ist alles schön und gut und mag für Warlikowski selbst sicher Sinn machen; aber es führt an keiner Stelle wirklich ins Zentrum. Hier hat er einen Haufen Anmerkungen und Kommentare zum Stück und der Zeit inszeniert, es aber versäumt, die eigentliche Geschichte zu erzählen. Bei allseits bekannten Werken mag das funktionieren, bei einer Oper, die kaum jemand kennt, geht das gnadenlos schief.

Szene mit Testosteron-Attacke: Alastair Miles (Mitte) als Podestà im Gym (Foto: Wilfried Hösl)

Auch die drei Hauptcharaktere werden von der Regie verfehlt; so trägt Alviano zwar eine häßliche, an den Elefantenmenschen erinnernde Maske, wirkt aber unter der geschniegelten Genueser Mafia-Clique kein bißchen deplatziert und verströmt kein provozierendes Außenseiter-Flair und auch Carlotta kommt hier sehr reif und madamig rüber, die todgeweihte, innerlich ausbrennende Borderlinerin übersetzt sich trotz Sauerstoffinhalators kaum. Am heftigsten misslungen ist allerdings die Figur des Lebemanns und Herrenmenschen Tamare, der in seiner hemmungslosen Gier, seiner sexuellen Triebhaftigkeit seiner menschenverachtenden Arroganz ein Bruder Scarpias sein könnte und der hier zu einem konventionellen Operncharmeur zurechtgestutzt wird. So fehlen dem dramatischen Entwurf Fallhöhe und Glaubwürdigkeit. Aber auch die Führung des Personals offenbart ungewohnte Schwächen; immer wenn es wirklich zur Sache geht, bzw. gehen müsste, nimmt Warlikowski den Gang raus und setzt die Handelnden auf schicke Stahlrohrstühle, angetreten zum Rampensingen, Lustmord auf Designermöbel. Das reisst immer wieder klaffende Löcher in den szenischen Spannungsbogen und verschenkt die Schlüsselszenen. Definitiv zu viel des Guten ist auch eine eingeschobene Szene direkt nach der Pause, in der Alviano, im Sessel sitzend wie Graf Koks, mit Whiskyglas und Zigarre in rauchiger Diktion jenen berühmten sarkastischen Brief Schrekers verliest, in dem der Komponist sämtliche über ihn kursierenden bösartigen Urteile und Gerüchte zusammengeschrieben hat, um deren Absurdität zu entlarven… Der Text ist grandios und John Daszak macht ein Kabinettstück daraus; nur leider zieht diese Einlage den Abend noch zusätzlich in die Länge und die dadurch ausgedrückte Identifizierung Schrekers mit Alviano geht m.E. doch an der Sache vorbei.

Opernfigur, Komponist oder doch Sänger? John Daszak im Intermezzo (Foto: Wilfried Hösl)

Ein erheblich überzeugenderes Plädoyer für den Musikdramatiker Schreker gelingt Ingo Metzmacher am Pult des Staatsorchesters, der mit seinen mittlerweile 62 holden Lenzen nun endlich sein Hausdebüt am Max-Joseph-Platz feiern durfte. Nun ist Metzmacher nicht nur ein ausgewiesener Kenner und Aficionado der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, sondern auch ein Freund des – sagen wir mal: kontrollierten – Klangrausches. Angesichts dieser ungeheuer dicht instrumentierten und farbenreichen Musik mit ihren immensen Anforderungen an Transparenz und Emotionalität erweist sich seine Lesart als Glücksfall. Mit großem Stilgefühl findet der Dirigent die Balance zwischen flirrender Extase und schwüler Sinnlichkeit auf der einen und klarer Kante auf der anderen Seite. Das Staatsorchester präsentiert sich auch gegen Ende einer langen Saison in ausgezeichneter Form und setzt die Vorgaben vom Pult mit kultiviertem, klangsatten Spiel mustergültig um, auch das dynamische und stilistische Spektrum zwischem dauereregten Parlando und sinfonischem Schwelgen beeindruckt. Eine tolle Orchesterleistung, zumal kaum einer der Musiker jemals zuvor eine Schreker-Oper gespielt haben dürfte…

Auch die Hauptpartien sind bei Schreker stets schwer zu besetzen, schließlich verlangt der Komponist dramatische Durchschlagskraft, präzise und verständliche Artikulation und Textbehandlung sowie Stimmen von großer sinnlich-erotischer Präsenz und unverwechselbarer Persönlichkeit, im Fall des Tenors ist auch eine strahlende, ungefährdete Höhe gefragt. Im Großen und Ganzen war all das auch geboten; das Ensemble glänzte vielleicht nicht durch die ganz großen Namen, wohl aber durch Kompetenz und Homogenität auf hohem Niveau. Von den drei Protagonisten hinterließ Christopher Maltman als Tamare den stärksten Eindruck, sein markantes und doch nie kantig klingendes Material verfügt über einen betont virilen Grundton, geschmeidige Tongebung und suggestive Wortgestaltung in allen Lagen. Darstellerisch hat dieser faszinierend vielseitige Künstler bekanntlich noch mehr drauf als er hier zeigen durfte… Ähnliches gilt auch für die wie immer ausstrahlungsstarke Catherine Naglestad als Carlotta, auch wenn ihr opulenter, schön fließender Sopran für die Partie vielleicht eine Spur zu reif klingt und ich in der tieferen Lage ein wenig die Mezzofarben vermisst habe. Aber das ist, wie so oft, auf sehr hohem Niveau gejammert… John Daszak als Alviano kostete nicht nur die besagte Sprecheinlage mit beißender Ironie und gut dosiertem Pathos aus, sondern gestaltet die Partie ohne Sentimentalität und vordergründige Mitleidsheischung, mit ausgezeichneter Textdeutlichkeit und großer Eindringlichkeit. Die sehr metallisch-hell timbrierte Stimme mag nicht über das größte Farbspektrum verfügen, bildet den zerrissenen Charakter aber sinnfällig ab; dazu verfügt Daszak gerade im dritten Akt, wo für viele Kollegen stimmlich Ende der Fahnenstange ist, über beeindruckende Reserven und Höhenstrahl. Da gibt es derzeit wenig Konkurrenz.

Malsession mit Besuch: Catherine Naglestad (Carlotta) – Foto: Wilfried Hösl

Tomasz Konieczny legt die – vom Komponisten so beabsichtigte – Doppelrolle des Herzog Adorno und des Capitano di Giustizia stimmlich wie darstellerisch sehr rustikal an, ein wenig mehr an Eleganz und dafür weniger Wurstigkeit im Auftreten hätten der Interpretation nicht geschadet. Alastair Miles ist ein optisch etwas zerzauster, vokal aber würdevoller und sonorer Podestà, dessen latent karikierende Charakterzeichnung durch die Musik von der Regie leider nicht aufgenommen wurde. Als die Sechserbande der adeligen Verbrecher überzeugten Kevin Conners (Menaldo Negroni), Matthew Grills (Guidobaldo Usodimare), Sean Michael Plumb (Michelotto Cibo), Andrea Borghini (Gonsalvo Fieschi), Peter Lobert (Julian Pinelli) und Andreas Wolf (Paolo Calvi) ebenso wie Dean Power als Zuhälter und Auftragsmörder Pietro und Paula Iancic als Ginevra Scotti und der Rest der sehr langen, aus Studiosängern und Chorsolisten gebildeten Besetzungsliste.

Beim Premierenpublikum kam das Gebotene sehr mäßig an; an einen vergleichbar kurzen und matten Applaus für eine Neuinszenierung kann ich mich kaum erinnern, sogar die drei oder vier Buh-Rufe fürs Regieteam klangen mehr nach müder Routine als nach echter Empörung… Die Chancen auf weitere Schreker-Entdeckungen in der Landeshauptstadt dürften nach diesem Abend kaum gestiegen sein. Und das ist ein Jammer.

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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