Bayreuther Festspiele: “Tristan und Isolde” 20.8.2017 / “Parsifal” 21.8.2017

Zu den unzähligen Mythen, mit denen der Weg zum Festspielhügel und wieder hinunter geradezu gepflastert sind, gehört auch derjenige von der „Werkstatt Bayreuth“. Damit ist der Umstand gemeint, dass eine Inszenierung hier nicht, wie sonst im Theaterbetrieb üblich, einmal erarbeitet, gespielt und danach im Repertoire mehr oder weniger sich selbst überlassen bleibt, sondern dass jede einzelne Neuproduktion in ihren fünf Jahren Laufzeit jährlich vom Regieteam geprüft, überarbeitet und von Neuem zur Diskussion gestellt wird; der Tristan anno 2015 und derjenige anno 2017 können sich also durchaus von einander unterscheiden, im besten Fall eine gewisse künstlerische Eigendynamik entwickeln…

Eine exzellente Gelegenheit also, die beiden besagten Produktionen nach zwei, bzw. einem Jahr Pause noch einmal in Augen- und Ohrenschein zu nehmen und auf ihre künstlerische Entwicklung hin zu befragen. Diese hat auch unüberhörbar stattgefunden, allerdings in erster Linie auf musikalischem Gebiet, während das Fazit in szenischer Hinsicht leider einigermassen ernüchternd ausfiel. Das gilt sowohl für Katharina Wagners Inszenierung von Tristan und Isolde, als auch und ganz besonders für den Parsifal in der Visualisierung durch Uwe Eric Laufenberg. Die Hoffnung auf zumindest ein wenig Ergebniskosmetik oder Abänderung der peinlichsten Szenen war schnell dahin; man konnte eher den Eindruck gewinnen, als habe er mit voller Absicht jeden noch so albernen Einfall originalgetreu neueinstudiert… Dass Laufenberg ein Problem mit Journalisten hat und auf jedwede Kritik an seiner Arbeit äußerst angefressen reagiert, ist nicht erst seit dem letzten Festspielsommer bekannt. Und einzustecken hatte er da einiges, seine Inszenierung war schließlich auf der ganzen Linie durchgefallen. Und das vollkommen zu Recht, dieses Konglomerat aus religiösen Komplexen und Versatzstücken, visueller Überfachtung und purem Kitsch kommt über eine peinlich misslungene Bebilderung keinen Moment lang hinaus; eine naive Gutmenschen-Schmonzette aus dem Zweistromland, mit der die Festspiele jetzt noch drei weitere Spielzeiten leben müssen. War es wirklich so schrecklich, was Jonathan Meese vorhatte? Man kann es sich eigentlich nicht vorstellen. (siehe Archiv September 2016)

Zumindes im Detail nachgebessert hat dagegen Katharina Wagner mit ihrem Team beim Tristan. Geblieben sind natürlich die betont kalten Bühnenbilder von Frank Philipp Schlößmann, Markes knallgelbe Mannschgerl-Armee (Kostüme: Thomas Kaiser) und auch „das Ding“, jenes undefinierbare Metallobjekt, dessen Funktion und Bedeutung sich vermutlich exklusiv dem Regieteam erschließt. Auch die Hebebühne im ersten Akt fährt weiterhin munter und sinnfrei auf und nieder und noch immer muss sich Kurwenal im zweiten Akt ächzend und mit Schmackes gegen die Mauer werfen, was den Beginn des Liebesduettes immens stört; spätestens hier hätte sich der Urgroßvater sicherlich ans Haupt gelangt… Überarbeitet und homogener als im Premierenjahr erschien mir diesmal die Lichtregie von Reinhard Traub. Auch im dritten Akt, von Anfang an der überzeugendste der Inszenierung, gab es – so mein Gedächtnis mich nicht täuscht – die eine oder andere Änderung; etwa im intensiveren Spiel Tristans mit den Erscheinungen Isoldens und auch die Schlußszene hatte ich im Detail anders in Erinnerung. Den größten Unterschied zu 2015 bildete allerdings die deutlich aufgeweichte Konzeption der Marke-Figur, der heuer längst nicht so böse und gewalttätig rüberkam… Zwar ist Isolde nach wie vor kein Ende neben Tristan vergönnt, doch wird sie diesmal von Marke nicht brutal weggezerrt und nach hinten gestossen; vielmehr nimmt er sie am Arm und führt sie raus, so nach dem Motto „Komm weg hier, das musst Du Dir nicht anschauen“… Die Preisfrage lautet nun ob dies eine gewollte Akzentverschiebung war oder ob der neue Interpret René Pape die Regie souverän ignoriert hat. (siehe Archiv August 2015)

Kein Liebestod – Die Schlußszene nach Katharina Wagner (Foto: Enrico Nawrath)

Zum Fest wurde der Abend in erster Linie durch das famose, farbenreich und sinnlich schillernde Spiel des Festspielorchesters unter der Leitung von Christian Thielemann. Hatte jener vor zwei Jahren noch durch eine unkonventionelle und nicht immer ganz nachvollziehbare Tempowahl irritiert, so klang diesmal alles wie aus einem Guss, bestens ausgeformt und -differenziert. Bereits der Einstieg mit dem sagenumwobenen Tristan-Akkord sorgte für pure Gänsehaut; Töne und Klänge, die mit einem Mal da sind, den Raum erfüllen und ihn definieren. Das geht so halt wirklich nur in Bayreuth. Auch im Folgenden findet Thielemann die Balance zwischen Schwelgen und Schweigen, zwischen sinnlicher Glut und orchestraler Transparenz, die tempi wirken ausgewogen und organisch entwickelt, die Musik hat Zug und innere Spannkraft und die Ruhepunkte werden ausgekostet, ohne verschleppt zu wirken; in Szenen wie Markes Monolog oder einigen Momenten Tristans im dritten Akt geht das nicht nur unter die Haut, sondern schon hart an die Grenze des emotional Verkraftbaren. Auch im großen Liebesduett des zweiten Aktes – am Hügel selbstverständlich komplett und ohne Strich gespielt – bauen Dirigent und Sänger jenes aus Leidenschaft, Energie, Klarheit und einer Prise Geheimnis komponierte Spannungsfeld auf, das eine große von einer guten Tristan-Aufführung unterscheidet.

Star-crossed lovers einmal anders: Stephen Gould (Tristan) und Petra Lang (Isolde) im zweiten Akt – Foto: Enrico Nawrath

Dazu kam eine famose Ensembleleistung, die in Stephen Gould als Tristan und Bayreuth-Rückkehrer René Pape als Marke ihre Glanzpunkte hatte. Gould, optisch sichtlich verschlankt und gelöster im Spiel als noch vor zwei Jahren, zeigte sich einmal mehr in überragender vokaler Verfassung, glänzte nicht nur wie gewohnt mit seinen bekanntlich schier endlosen stimmlichen Reserven und beeindruckendem Stehvermögen, sondern auch mit vielen dynamischen und stimmgestalterischen Nuancen; das bewegende Porträt eines Menschen, der sich zunehmend von ritterlich-höfischen Kodizes befreit und ohne Rücksicht auf Verluste seine Emotionen lebt. Da braucht es wahrlich keinen magischen Trank, welcher in dieser Inszenierung ja auch unverkostet und in hohem Bogen über die Reeling geht… Da wollte Pape dem Kollegen nicht nachstehen und legte in seinen Monolog alles, was er an Klangpracht und balsamischer Schönheit zu bieten hat; und das ist bekanntlich immens viel. Jedes Wort und jede Phrase mit Ausdruck und Tiefe erfüllt läßt der Künstler zwanzig magische Minuten lang praktisch die Zeit stehen und schafft einen ganz eigenen emotionalen Raum. Da verlor auch die missliche Deutung der Figur durch die Regie komplett an Bedeutung, siehe oben. Ein triumphales Hügel-Comeback, vom Publikum mit stehenden Ovationen bedacht, die der Künstler sichtlich bewegt aufnahm. Seit der Premiere am Start sind Christa Mayer als Brangäne mit viel Wärme in Stimme und Spiel und Iain Paterson als markanter Kurwenal, beides in sich absolut stimmige und erstklassige Rollenporträts. Eher unauffällig blieben Raimund Nolte als Melot und Kay Stiefermann als Steuermann, während die doch recht enge Stimmführung und der nasale Vortrag von Tansel Akzeybek als Hirte und junger Seemann wenig Freude machten.

Und schließlich, last but not least, die weibliche Titelrolle. Bereits im letzten Jahr hatte Petra Lang die Premierenbesetzung Evelyn Herlitzius abgelöst… Welcher der beiden Künstlerinnen man nun den Vorzug gibt, ist in hohem Maße Geschmackssache. Lang verfügt sicherlich nicht über die explosive Bühnenpräsenz und das genuin hochdramatisch angelegte Material der Kollegin, es ist kaum zu überhören, dass hier ein hoher Mezzosopran noch auf dem Weg in die sängerische Königsklasse ist. Die Register sind nicht immer perfekt verblendet, zuweilen knackt es etwas im Vokalgebälk und vom Text ist leider kaum ein Wort zu verstehen. Dennoch bewältigt sie die Partie sehr respektabel und gibt ihr ein durchaus spannendes individuelles Profil. Den herrschaftlichen Stolz und die unbeugsame Wildheit der irischen Maid im ersten Akt gestaltet Lang furios und absolut glaubwürdig und auch im Liebesduett findet sie den adäquaten sinnlichen Tonfall, die Höhe ist zuweilen etwas schmal, aber stets zuverlässig und technisch sicher. Lediglich bei der mystischen Weltvergessenheit des Schlußgesanges sind Abstriche zu machen, hier wirkt ihr Vortrag noch die entscheidende Spur zu geerdet und zu erarbeitet.

Orientalischer Blumenhain (Foto: Enrico Nawrath)

Besonders gespannt war ich tags darauf im Parsifal auf das Dirigat von Hartmut Haenchen, der diesmal die gesamte Probenzeit mit Orchester, Chor und Sängern nutzen konnte, um seine Lesart sozusagen „pur“ und unverwässert vorzustellen. Das gelang auch mit durchschlagendem Erfolg; die noch im letzten Jahr zuweilen aufgetretenen Wackler und Abstimmungsprobleme waren ausgestanden und das Orchesterspiel klang an keiner Stelle mehr nach Kompromiss oder Durchkommen, das war bis ins Letzte ausgearbeitet, die Übergänge fließend und schnörkellos, das Klangbild trennscharf und farbecht, die tempi straff. Letztere stellen beim Parsifal – zumal am Hügel, wo Toscanini, Knappertsbusch und Levine Langsamkeitsrekorde aufgestellt haben – bekanntlich stets eine Glaubensfrage dar. Haenchen ist mit 1.45 Stunden für den ersten Akt und einer Gesamtspielzeit von knapp unter vier Stunden eher zügig unterwegs, das Dirigat wirkt weder verschleppt noch überhastet, zumal der Haenchen jegliche aufgedunsene Feierlichkeit konsequent meidet. Über die Interpretation an sich kann man auch in diesem Jahr diskutieren; der im Vorjahr geäußerte Wunsch nach etwas mehr orchestralem Schmelz und etwas weniger Nüchternheit wurde mir auch diesmal nicht erfüllt.

Der nach einem „richtigen“ Tenor für die Titelpartie allerdings schon; Andreas Schager kam, sang und siegte und ließ den Rollenvorgänger komplett vergessen. Schager verfügt über die perfekte physique du rôle, so glaubwürdig dürfte die Partie seit dem jungen Peter Hofmann nicht mehr verkörpert worden sein. Im Gegensatz zu jenem verfügt er nicht nur über kernig-jugendlichen Schmelz, sondern auch über eine sehr sichere und verlässliche Technik, die wenigen Stellen, wo es richtig zur Sache geht wie „Amfortas! Die Wunde!“ oder den Schluß bewältigt er nicht nur, er macht sie zu unvergesslichen Höhepunkten; so strahlend ist der heilige Speer selten zurückgebracht worden, selbst wenn es sich bei Laufenberg nur noch um kreuzförmig zusammengewurschteltes Kleinholz handelt.

Der neue Titelheld Andreas Schager (Foto: Enrico Nawrath)

Da fühlte sich Elena Pankratova denn auch animiert, ihrer ohnehin fulminanten Kundry noch eine Extra-Ration Vokalerotik und Sängerfeuer hinzuzufügen und ihre letztjährige performance noch einmal zu toppen. Trotz einer vielleicht nicht in jedem Moment klischeefreien Gestaltung ist die Künstlerin zweifellos auf dem Weg, eine der interessantesten Sängerinnen in diesem Fach zu werden. Sein grandioses Rollenporträt aus dem Vorjahr hat auch Georg Zeppenfeld als Gurnemanz einschränkungslos wiederholt und beim Schlußapplaus entsprechend „abgeräumt“. Im direkten Vergleich zum Kollegen Pape am Vorabend mag sein Bass eine Spur weniger balsamisch klingen, dafür von immenser Sehnigkeit und Intensität, wundervoll kultiviert in der Linienführung , homogen und klangsatt in allen Registern und mit exzellenter Textgestaltung. Ein einziger Genuß! Womit übrigens die drei deutschsprachigen Baß-Giganten – Günther Groissböck sang den Pogner in den neuen Meistersingern – heuer auf dem Hügel vollzählig versammelt waren; so und nicht anders gehört sich das bei den Bayreuther Festspielen! Einen stärkeren Eindruck als im Vorjahr hinterließ Ryan McKinney, dessen Amfortas diesmal ausgeglichener und weniger flach klang, Karl-Heinz Lehner steuerte wiederum einen kraftvollen und so gar nicht siech tönenden Titurel bei. Mit großem Applaus und Bravo-Salven bedacht wurde der neue Klingsor Derek Welton; der junge Australier besitzt in der Tat eine markante Stimme von großer Durchschlagskraft und Schwärze, sollte aber noch an einer geschmeidigeren Artikulation arbeiten. Die kleinen Partien waren durchgehend solide besetzt, wobei der schmächtige Tansel Akzeybek und der riesenhafte Timo Riihonen ein optisch leicht skurriles Gralsritter-Duo abgaben…

Bleibt als angenehme Pflicht schließlich noch die alljährliche Huldigung an den Festspielchor unter der Leitung von Eberhard Friedrich, der auch diesmal wieder mit Kraft, Schönheit und sagenhaftem Einsatz für etliche große Momente sorgte.

„Gar viel und schön ward hier in dieser Halle von Euch, Ihr lieben Sänger, schon gesungen…“ – Das Zitat stammt zwar aus dem Tannhäuser – erst 2019 wieder im Festspielprogramm – , es passt aber einfach wunderbar zu diesem Festspielsommer. Szenisch hingegen arbeiten in der Werkstatt Bayreuth beileibe nicht nur Meister…

Gehabt Euch wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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