Ruhrtriennale: “Pelléas et Mélisande” – 31.8.2017

Wo oder was ist Allemonde? Ein mysteriöser Ort, ein Düsterschloß irgendwo am Rande der Zivilisation, zwischen dem Meer und dichten Wäldern gelegen. Vor allem aber ist dieser Ort Schauplatz von Claude Debussys Pelléas et Mélisande, einer Oper, die so gar nicht opernhaft ist, sondern ein kunstvoll-sublim verrätseltes Stück Symbolismus, das sich gängigen Kategorien souverän entzieht. Deutlich mehr Rätsel als Lösungen bieten schon Handlung und Libretto, welches der Komponist selbst – Achtung, Gesamtkunstwerk!- aus dem gleichnamigen Dramentext von Maurice Maeterlinck herausdestilliert hat. Da geht es um eine lokal wie emotional heimatlose, geheimnisvolle Frau, zwei ungleiche Halbbrüder und einen degenerierten Familienclan, Sehnsüchte und verschüttete Emotionen, Einsamkeit und ganz viel psychologischen Unterbau. Die Musik dazu changiert in unzähligen Farben und subtiler Motivik und sagt fast immer etwas anderes als es den Anschein hat, bzw. füllt die Lücken, die der Text notwendigerweise gelassen hat. Allemonde ist nicht nur ein Schauplatz, es ist ein Zustand, ein inneres Bekenntnis, der Name einer Welt, die das Unaussprechliche zum Existenzprinzip erhoben hat; konkret findet anderswo statt. Kein Wunder also, dass dieses Werk erstens nie wirklich populär war und dass sich zweitens sämtliche ambitionierten Regisseure dieser Aufgabe irgendwann in ihrer Karriere stellen wollen, vielleicht sogar müssen.

Schloß Allemonde im Pott (Foto: Ben van Duin)

In dieser begeistert aufgenommenen Produktion der Ruhrtriennale – auf den Plakaten und im Netz neuerdings neckischerweise mit drei iii geschrieben – ist Allemonde dazu ein ganz besonderer Schauplatz, nämlich die Bochumer Jahrhunderthalle. Ein unglaublicher Glücksfall für das Festival, denn die behutsam restaurierte Industriehalle, ein früheres Walzwerk aus dem Jahr 1900, ist in jeder Inszenierung auch Protagonist, eröffnet Räume und Gestaltungsmöglichkeiten, bricht Sehgewohnheiten auf, wie das auf einer klassischen Guckkastenbühne nicht möglich wäre; dieser Raum lässt viel mit sich machen, macht aber auch etwas mit uns, den Zuschauern. Mit diesem Raum in Dialog zu treten und ihn ins Geschehen einzubinden, ist die Aufgabe des Regisseurs.

Eine Aufgabe, die Krysztof Warlikowski mit Bravour gemeistert hat; obwohl sich die Aufführung mit über dreieinhalb Stunden Nettospielzeit fast in Wagner-Dimensionen bewegt, vermag das Geschehen durchgehend zu fesseln, es fühlt sich an, als seien Publikum wie Künstler gemeinsam in diesem Schloß namens Jahrhunderthalle wie unter einem Bann, die Grenze zwischen Akteur und Zuschauer wird durchlässig. Bühnenbildnerin Malgorzata Szczęśniak hat sich für eine Längsbestuhlung mit einer steilen Zuschauertribüne entschieden, das Orchester sitzt in einem hölzernen, ein herrschaftliches Treppenhaus andeutenden Aufbau an der Stirnseite der Halle unter den fast wandhohen schmalen Fenstern; die zunehmende Abenddämmerung hat Lichtdesignerin Felice Ross sozusagen eininszeniert. Der gesamte obere Teil der Halle mit ihrer originalen Industriearchitektur ist sehr präsent, dazu ist die Längsseite rechts mit einer hohen Edelholz-Wand mit Türen abgeteilt, auf der linken Seite befinden sich Waschräume wie in einer Zeche und eine moderne, in grellen LED-Farben erleuchtete Bar, die für den im Stück so vielbesungenen Brunnen steht. Die eigentliche Spielfläche zwischen Orchester und Tribüne erinnert in ihrer elegant großbürgerlichen Aura mit Eichenparkett an die Essener Villa Hügel, der Arkel-Clan an eine Mischung aus Krupp und Dynasty, flankiert von einer stummen und irgendwie unheimlichen Dienerschaft. Dieses Ambiente bespielt Warlikowski sehr souverän, immer wieder sind mehr Personen auf der Bühne, als im Libretto vorgesehen; jeder ist ständig sicht- und damit angreifbar, eine atmosphärisch ungemein dicht und dennoch absolut schnörkellos gezeichnete Grundstimmung, die sich mit der äußerst intensiven Personenregie zu einem Opernabend mit Thriller-Spannung verdichtet. Dass auch kein Orchestergraben zu überspielen ist und die Zuschauer, zumindest in den vorderen Reihen, praktisch mit auf der Bühne sitzen, verstärkt diese entsprechend.

Oper ohne Graben: Phillip Addis (Pelléas), Leigh Melrose (Golaud), Barbara Hannigan (Mélisande) und Franz-Josef Selig (Arkel) – Foto: Ben van Duin

Dazu kommen zwei große Screens, auf denen Warlikowskis angestammter der Video Artist Denis Guégin leitmotivisch Ausschnitte aus Hitchcocks Die Vögel sowie beklemmende Filmaufnahmen von Schaafen auf dem Weg in den Schlachthof und Massendemonstrationen in Osteuropa zeigtf, dazu wird zuweilen auch das Bühnengeschehen selbst aus verschiedenen Blickwinkeln übertragen. Die Vogelbilder sind nicht die einzige Reminiszenz an den Altmeister des Suspense-Kinos, auch Mélisande erscheint in einigen Szenen in Cape, Kopftuch und Sonnenbrille als Wiedergängerin von Kim Novak in Vertigo… Für solche Assoziationen, Zitate und Anspielungen ist Warlokowski ja bekannt und zuweilen schießt er damit auch über das Ziel hinaus, doch diesmal sind diese Zeichen perfekt dosiert und sinnstiftend eingebaut. Natürlich gibt es auch diesmal einen gesprochenen Monolog, mit dem hier der Sänger des Golaud den Abend eröffnet: eine Reflexion über das Kennenlernen von Frau und Mann, die ersten Schritte, den Anfang und das Ende, sowohl einer Paarbeziehung wie auch der Gesellschaft an sich; inspiriert ist das von Christoffer Boes und seinem Film Reconstruction… Wieder was gelernt. Auf jeden Fall eine gute atmosphärische Einleitung; und wo sonst als an der Bar sollte diese Rede gehalten werden? Eben.

Gefeierter Mittelpunkt: Barbara Hannigan als Mélisande (Foto: Ben van Duin)

Dass die Regie so perfekt aufgeht, ist auch einem wunderbaren Ensemble eindrucksvoller Bühnenpersönlichkeiten zu danken. Allen voran Barbara Hannigan, eine Künstlerin, die noch so viel mehr ist als „nur“ eine Opernsängerin; die ie vermutlich wandelbarste und vielseitigste Singdarstellerin der Jetztzeit, in allen Stilen, Epochen und Konzeptionen zu Hause, ein Faszinosum auf der Bühne, zudem ja auch noch als Dirigentin tätig… Dass ihre Mélisande kein armes Hascherl sein kann, war zu erwarten, aber wie sie hier die Welt von Allemonde aufmischt, das ist ganz großes Kino. Eine irrlichternd irritierende, nahezu gespaltene Persönlichkeit; von einem Moment zum anderen von mondäner Diva auf trotziges Kind umschaltend, mal verhuscht, mal auftrumpfend und in jedem Moment erfüllt von berstender Emotion und erotischen Sehnsüchten, unwiderstehlich und undefinierbar. Mit hellem, biegsamen Sopran und phänomenaler Textgestaltung setzt Hannigan dieses emotionale Vexierspiel auch musikalisch großartig um, das ist schlicht ein Ereignis, dem sich niemand entziehen kann. Sich daneben noch behaupten zu können, ist für die Partner eine echte Herausforderung, die aber von den beiden ungleichen Stiefbrüdern Pelléas und Golaud eindrucksvoll bestanden wird. Auch hier setzt Warlikowski auf Klischeevermeidung und zeigt beide als betont männlich auftretende, zugleich aber unstete und ungefestigte Charaktere mit entsprechend wankelmütigem Gefühlshaushalt auf der Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft; während der elegante, fast ein wenig dandyhafte Pelléas mit blonder Künstlermähne und weißem Anzug der Leichtigkeit des Seins nachspürt, ringt Golaud mit seinem eigenen Selbstbild und greift dabei nicht selten zu Gewalt, sobald sich Widerstände zeigen. Von der Begegnung mit Mélisande werden alle beide aus der Bahn geworfen, die Katastrophe ist unvermeidlich.

Die Entdeckung des Abends ist Phillip Addis als Pelléas. Der kanadische Bariton meistert die unangenehm hoch liegende, immer wieder zwischen Bariton- und Tenorlage changierende Tessitura mühelos und mit großer Geschmeidigkeit, die Stimme klingt in allen Lagen homogen und ausdrucksvoll, Mimik und Körpersprache spiegeln die Zerrissenheit der Figur umso eindringlicher. Dazu bietet Leigh Melrose mit seinem dunklen, leicht angerauhten Bariton schon klanglich einen markanten Kontrast. Als der rationalere und lebenserfahrenere Bruder übernimmt er sozusagen die Einführung mit besagtem gesprochenem Prolog, doch schon bald fällt die Maske, die Flasche, die er sich am Ende der Ansprache über den Schädel haut und die brutale Ohrfeige gegen Mélisande machen schnell klar, dass sich hier einer nicht im Griff hat und dass der gesellschaftliche Kit im Hause Arkel mehr als brüchig ist. Ähnlich gut wie dem Kollegen gelingt es auch ihm, seinem Vortrag im Laufe des Abends immer mehr Nuancen der Destruktion und Verunsicherung beizumischen. Ein ganz starkes Rollenporträt bietet auch Franz-Josef Selig als Arkel, zunächst der etwas steife Firmenpatriarch im Smoking, gerät auch er mehr und mehr in Mélisandes Bann und erkennt die Zusammenhänge, seinen großen Schlußgesang gestaltet er mit klangvollen Basstönen an der omnipräsenten Bar als Duett mit einem Glas Whisky, ebenso schlicht, treffend und berührend wie die gesamte Aufführung. Sara Mingardo bringt als Geneviève starke szenische Präsenz ein, ihre wenigen gesungenen Sätze treffen. Die kurze Partie des Hirten wird hier von Golaud gesungen, der Arzt von Caio Monteio.

Dialog an der Brunnen-Bar: Pelléas (Phillip Addis) und Mélisande (Barbara Hannigan) – Foto: Ben van Duin

Bei einer so spannenden Inszenierung droht das Orchester zuweilen in den Hintergrund zu geraten; vor allem wenn es sich wie hier räumlich genau dort befindet… Musikalisch konnte von einer Randerscheinung aber keine Rede sein, die Bochumer Symphoniker machten mit kraftvollem Ansatz und vollmundigem Klang durchaus auf sich aufmerksam. Dazu stand am Pult mit Sylvain Cambreling ein Dirigent, der das Werk bestens kennt und oft geleitet hat. Sicherlich kann man sich die Musik noch leichter, noch duftiger, noch flirrender gespielt vorstellen; aber hätte das in diesen Rahmen gepasst? Bei Cambreling behält der Klang eine erdige Note, ist etwas breiter und dunkler als man es gewohnt ist, was aber zum Ambiente und zur Inszenierung wunderbar passt. Die motivische Struktur arbeitet Cambreling mit großer Klarheit heraus, die musikalischen Schilderungen von Licht, Schatten und Natur, so charakteristisch für Debussy, werden stets plastisch. Ein besonderes Thema in solchen Locations wie der Jahrhunderthalle sind natürlich Akustik und Tontechnik, heute auch „Sound Design“ genannt… Auch diesmal war die Einrichtung durch Thomas Wegner und sein Team wieder hervorragend; plastisch, räumlich, von großer Natürlichkeit und perfekter Balance zwischen Orchester und Singstimmen.

Die Saison 2017/18 ist eröffnet, und sie darf gerne so weitergehen. Ein großartiger Abend, bei den imaginären Opern-Oscars wäre diese Produktion in mehreren Kategorien nominiert, darunter „Beste Aufführung“, „Beste Regie“ und – selbstverständlich – „Beste weibliche Hauptrolle“.

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

Advertisements
This entry was posted in Oper. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s