Mixed Munich Arts: “Carmen” – 6.9.2017

East Side Story statt Zigeunerfasching

Ein Veranstalter namens „Opera incognita“ bringt Bizets Carmen auf die Bühne… Das klingt im ersten Moment eher nach einem guten Witz; schließlich handelt es sich hier um die, zusammen mit der Zauberflöte, meistgespielte Oper weltweit. So absurd ist die Sache dann aber doch nicht, denn in dieser in Koproduktion mit der hochgeschätzten Initiative Zuflucht Kultur e.V. wird der berühmte Schuh daraus und bei Carmen bleibt kein Stein auf dem anderen und zwar auf allen Ebenen: szenisch, dramaturgisch und auch musikalisch. Es ist schon Bizets Musik, die wir zu hören bekommen, aber eben nicht nur. Es ist schon die Geschichte, die wir kennen, aber anders. Es ist ein unkonventioneller, frischer, unbekümmerter Blick auf ein Meisterwerk, das dadurch wirklich beinahe zu einer Opera incognita wird…

Zu reden ist auch hier vom Schauplatz; „Oper in industrieller Architektur“ scheint das Motto dieses Saisonstarts zu sein. Natürlich ist das Mixed Munich Arts, ein ehemaliges Heizkraftwerk in der Maxvorstadt, etliche Nummern kleiner als die Jahrhunderthalle und verfügt auch bei weitem nicht über die technische Ausstattung. Den morbiden Charme der ausgeweideten und zum Kunstort umgewidmeten Turbinenhalle strahlt der Raum dennoch aus und liefert die perfekte Kulisse für das Regiekonzept von Andreas Wiedermann. Den Bühnenbildner konnte man in diesem Fall einsparen, denn es ist schon alles da: ein langgezogener – und quer bestuhlter – Raum mit haushohen rohen Betonwänden, an der als Bühne dienenden Stirnseite befinden sich in luftiger Höhe zwei Galerien, an den Längsseiten weitere Balkone und Treppen. Spanien, Sevilla, die Corrida und jegliches pseudofolkloristische Gedöns kommen nicht vor; Wiedermann verlegt die Handlung in eine Textilfabrik irgendwo in Südostasien, dem Maghreb oder in Osteuropa. Die Näherinnen werden wie Sklavinnen gehalten, bewacht und drangsaliert von einer Hooligantruppe von Aufsehern; Ausbeutung, sexualisierte Gewalt, Bestechung und Faustrecht gehören sichtlich zum Alltag, kein Ambiente, das die guten Seiten des Menschen zum Vorschein bringt… Zu ertragen ist das alles nur mit den Drogen, die von den beiden wunderbar klischeeselig ausstaffierten Billig-Ganoven Dancaire und Remendado regelmäßig in dieses geschlossene System eingeschmuggelt werden. Der Drang nach Freiheit, von der im Stück alle singen, gewinnt so nochmal eine andere, so gar nicht mehr heroische Bedeutung. Diese Deutung mag nicht jedem Opernfan gefallen, aber sie geht nahtlos auf, die Analogie stimmt, die Darstellung ist hart, schnörkellos und genau; East Side Story statt Zigeunerfasching.

Es lebe die Freiheit! – Cornelia Lanz (Carmen) und Ensemble (Foto: Misha Jackl)

Und wo sich gewisse Diskrepanzem zum Text ergeben, werden diese durch die Übersetzung in den an die Wand projezierten Übertitel ausgeglichen. Die Personenführung ist lebhaft und durchaus drastisch, auch wenn die Kollektiv-Auftritte wegen der großen Distanzen manchmal wie Massensprints wirken. Der Akzent der Inszenierung liegt klar auf der zentralen Dreiecksbeziehung Carmen-José-Escamillo und auf dem atmosphärischen Hintergrund, existenzielle seelische Not als Brandbeschleuniger für großes musikalisches Drama. Das funktioniert mit großer Wucht und Eindringlichkeit.

Und wenn schon anders, dann auch richtig anders mag sich der Regisseur gedacht haben. Deswegen wird das Stück hier rückwärts erzählt… Das hat ja schon Prosper Merrimée in der literarischen Vorlage getan, in seiner Novelle berichtet der inhaftierte José einem Besucher, wie es dazu kommen konnte. Dementsprechend beginnt der Abend mit dem Vorspiel zum vierten Akt, der dann durchläuft bis zum Beginn des Schlußduettes. Darauf folgen der dritte und der zweite, sowie nach einer – leider arg störenden – Pause der erste Akt; freilich ohne die Ouvertüre. Die wird dann ganz am Ende nachgereicht, wenn auch um die Hälfte gekürzt… Dazwischen erleben wir das Schlußduett, dann ein eingeschobenes Kaddish für Carmen und die letzten Sätze der Oper. Nunja. Hat es das gebraucht? Nein, mehr als eine nette intellektuelle Spielerei nach dem Motto „Gab es noch nie, machen wir mal so!“ ist dabei nicht herausgekommen.

Action in der Fabrik (Foto: Volkmar Walther)

Von zentraler Bedeutung ist natürlich – wie in allen Produktionen von Zuflucht Kultur e.V. – die Mitwirkung von Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Diese bringen nicht nur ihre Geschichten und Persönlichkeiten mit auf die Bühne, sondern sind integraler Bestandteil, ihre Stimmen und Klänge, an mehreren Stellen fließen arabische Liebeslieder in die Partitur ein, bzw. ergänzen die Handlung; das funktioniert erstaunlich bruchlos und harmonisch, zumal diese Gesänge auch dramaturgisch klug an den jeweiligen Stellen platziert sind, eine ganz eigene und stimmungsvolle Hörerfahrung. Zwischendurch schleichen sich zudem ein paar Takte Jazz oder Rap ein… Maître Georges wird es verzeihen. Vielleicht hätte er auch seine Freude dran, qui sait? Ein besonderes Kabinettstück liefert der durch sein aufsehenerregendes Schicksal mittlerweile medial sehr bekannte afghanische Künstler Ahmad Shakib Pouya, der als Zuniga im zweiten Akt ein selbstgeschriebenes Lied vorträgt, eine höhnische Ansprache an Carmen, die den Subalternen dem höheren Dienstgrad vorzieht; im Libretto ist das ein knapper Satz, hier dagegen gewinnt der Moment Tiefe. Stellvertretend für das Ensemble seien hier Rami Alrojoleh und Ayden Antanyos als Wirtspaar Lillas & Pastia, die beiden Schwestern Wisam und Walaa Kanaieh als Carmens – hinzuerfundene – Freundinnen Maria und Manuelita sowie natürlich der Chor der Opera Incognita und der Flüchtlingschor Zuflucht genannt, die alle mit viel Leidenschaftdie ungewöhnliche Konzeption mit Leben füllen und dabei mit spürbarer Begeisterung auch ihre eigenen Geschichten einbringen. Wer am Sinn eines solchen Projektes zweifelt oder gar etwas von Instrumentalisierung oder Retraumatisierung schwatzt, der hat mit Sicherheit noch keinen der Auftritte von Zuflucht Kultur live erlebt.

Umschwärmter Mittelpunkt: Cornelia Lanz als Carmen (Foto: Misha Jackl)

Trotzdem ist das natürlich in erster Linie eine Opernaufführung, über deren Gelingen das Sängerensemble entscheidet; und auch da kann die Produktion sich hören lassen. Vor der Leistung von Cornelia Lanz als Initiatorin und Projektleiterin alleine müsste man schon sämtliche Hüte ziehen bis zum Boden; aber sie singt dazu auch noch die Titelpartie und bringt schon im Alleingang den Beton zum Beben. Schade nur, dass die Rückblende-Dramaturgie ihr den spektakulären ersten Auftritt verbaut hat, denn diese Carmen ist ein Ereignis – von knisternder Erotik und glühendem Freiheitswillen, eine Kämpferin. Und auch ein durchaus sinistrer Charakter, die für ihren Traum vom freien, selbstbestimmten Leben außerhalb der Fabrik auch ungeniert lügt, manipuliert und über Leichen geht… Wo das Spiel endet und das Gefühl beginnt, weiß diese Frau vermutlich selbst nicht mehr, ein einsam um sich kreisender Fixstern im Universum der Fabrik, strahlend und zum Tode verurteilt. All das gießt Lanz mit fulminanter Intensität in jeden Takt, verführt mit schmeichelzartem Mezzo-Balsam und fast liedhafter Schlichtheit und läßt zugleich den doppelten Boden, die Irritationen und Zwischentöne durchscheinen. Prends garde a toi! Selten war dieser gute Rat so angebracht wie hier.

Anton Klotzner (José) und Cornelia Lanz (Carmen) – Foto: Volkmar Walther

Ihr eigentliches Gegenstück ist dabei nicht José, den Anton Klotzner mit baritonal gefärbten Stentortönen und einigen Höhenproblemen in die Halle wuchtet, sondern Escamillo. Der kommt von irgendwo außerhalb, trägt goldene Panzerketten zur polierten Glatze und fährt mit großer Geste auf der Vespa vor… Ein Ferrari-Fahrer mit VW-Motor, wer er wirklich ist und welche Funktion er hat, kümmert nicht. Torsten Petsch gibt eine hinreißend selbstironische performance als prolliger Bruce Willis-Verschnitt, der sich bei wichtigen Angelegenheiten wie Torero-Lied und Messerkampf mit einer Line auf Vordermann bringt. Auch stimmlich macht er belle figure und ist in allen Lagen durchgehend präsent und gesanglich differenziert. Julia Bachmann als Micaëla demonstriert in ihrer Arie nicht nur Gesangskultur, sondern auch Schwindelfreiheit geschätzte fünfzehn Meter über dem Bühnenboden. Mit jungen und unverbrauchten Stimmen und quirliger Bühnenpräsenz machen Anne Elizabeth Sorbara als Frasquita und Judith Beifuß als Mercedes ebenso auf sich aufmerksam wie Tom Amir als Dancaire und Moralès und Yoèd Sorek als Remendado; letztere sind ein virtuoses Gaunerpärchen, mit dem man sich besser nicht anlegt…

Die größte Herausforderung betrifft verständlicherweise das Orchester der Opera Incognita; tapfer kämpfen die ganz in der Ecke postierten zwölf Damen und Herren unter der Leitung von Ernst Bartmann gegen die problematische Raumakustik an. Der eher bläserlastige Klang wirkt zuweilen eher kompakt als federnd und fügt sich damit in das Konzept ein; einziger Wermutstropfen ist, dass die Entfernungen eine gewisse Nivellierung von Tempo und Dynamik erfordern, damit Orchester und Sänger zusammen bleiben.

Wer diesen spannenden und aufregend unkonventionellen Opernabend sehen und Carmen einmal ganz anders erleben will, hat dazu noch morgen und übermorgen, 15. und 16. September, Gelegenheit, Karten gibt es unter www.muenchenticket.de.

Gehabt Euch wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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