Bayerische Staatsoper: “Lucia di Lammermoor” – 9.12.2017

Einspringen gehören – während der alljährlichen winterlichen Bazillenoffensive zumal – zum Theateralltag und in neunundneunzig Prozent der Fälle verlaufen sie eher unspektakulär; ein Sänger meldet sich unpäßlicherweise ab und wird durch einen, noch oder schon wieder, gesunden Kollegen ersetzt. Den einen Zuschauer freuts, der andere nölt etwas und dem dritten ist es wurscht, weil er beide nicht kennt… Und am Ende des Tages ist man dem Einspringer dankbar, weil er oder sie die Vorstellung gerettet oder zumindest ermöglicht hat und verabschiedet ihn oder sie mit freundlichem Applaus. Und dann gibt es noch das eine Prozent, diejenigen Einspringer, die dem Abend ihren Stempel aufdrücken, die Koordinaten verschieben und das Besondere stattfinden lassen, jene Glücksmomente, die einen Abend unvergesslich machen und Karrieren verändern.

So einen Abend markierte diese Lucia-Vorstellung. Ausgerechnet Diana Damrau hatte es erwischt, Publikumsliebling, bayerische Kammersängerin und derzeitige Branchenführerin in Sachen Belcanto. Und jetzt? Holte man – ein Bravo an die Castingabteilung – Adela Zaharia von der Düsseldorfer Rheinoper. Die jetzt eigentlich fällige, vom oiden Gaius Julius entliehene Kritikerphrase lautet „Sie kam, sang und siegte“… Klingt ausgelutscht, ist aber die Wahrheit, denn ein ähnlich begeisterndes BSO-Debüt, zumal einspringenderweise, hat man lange nicht erlebt. Sollte die Künstlerin angesichts des bis in den letzten Winkel besetzten Nationaltheaters und der Kollegen aus der Weltspitze nervös gewesen sein, so war davon zumindest nichts zu bemerken; im Gegenteil. Hier trat eine Sängerin auf, um auf Augenhöhe zu agieren, zu erobern, nach den Sternen zu greifen. Zaharias Stimme klingt in den unteren Lagen herb und erdig, um sich in der Höhe zu strahlender Luzidität zu entfalten. Das Timbre ist sinnlich und individuell, der Vortrag ausdrucksstark und intensiv und die Ausstrahlung faszinierend. Ihre Lucia ist weicher und träumerischer als Damraus extrem extrovertiert-berechnende Interpretation, wird bestimmt von Stimmungskontrasten und emotionalen Wechselbädern, für die Zaharia stets die adäquaten Stimmfarben findet, geerdet und entschwebend zugleich, kulminierend in der berühmten Wahnsinnsszene. Schon hier gab es kaum noch ein Halten und am Ende gab es Ovationen, wie sie sonst eher den etablierten Freunden des Hauses zuteil werden. Liebes Leitungsteam der BSO, Ihr wisst, was zu tun ist?!

Ovationen für Lucia (Adela Zaharia) und Edgardo (Piotr Beczala) – Foto: Wilfried Hösl

Dennoch hätte die Oper auch den Titel Sir Edgardo di Ravenswood tragen können, denn mit Piotr Beczala hatte der Abend ein weiteres Glanzlicht zu bieten. Wie immer die pure Wonne, dieser herrlich strahlenden und zugleich sinnlich schimmernden Stimme zu lauschen, der exquisiten Gesangstechnik und Phrasierung und dem ergreifenden Gefühlsausdruck in jeder Note. Der romantische Desperado kam ihr ebenso zu seinem Recht wie die glühende Emphase des ritterlichen Liebhabers. Beczalas Stimme ist in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich gewachsen, hat an Dramatik, Volumen und Kraft gewonnen und doch ihren lyrischen Grundton und ihre genuine Schönheit behalten; das Ergebnis einer hochintelligenten und homogenen Stimm- und Karriereentwicklung, wie sie heute leider selten geworden ist… Chapeau!

Was wäre ein romantisches Opern-Liebespaar ohne den entsprechenden Gegenspieler? Eben. Und mit Ludovic Tézier als Lucias rücksichtslosem und rachsüchtigen Bruder Enrico trat geradezu ein Bilderbuch-Bösewicht auf, von raumgreifender Präsenz, sparsam präzisem Spiel und markantem Vortrag. Tézier mischt seinen Kantilenen die unabdingbare Prise vergifteter dolcezza bei, die diesem Highland-Tyrannen erst seine Bedrohlichkeit und Unwiderstehlichkeit verleiht. Solide, wenngleich nicht auf diesem überragenden Level angesiedelt, zeigte sich die supporting cast, angefangen bei Nicolas Testé als Raimondo über Galeano Salas (Arturo) bis zu Alyona Abramowa (Alisa) und Sergiu Saplacan (Normanno).

Orchesterproben? Haben ohrenscheinlich eher nicht stattgefunden… Jedenfalls waren das Staatsorchester und vor allem der Chor im Eingangsbild ziemlich ungeordnet und mäßig koordiniert unterwegs und Antonino Fogliani musste sich gewaltig anstrengen, die Truppe auf Linie zu bringen. Das klappte im Laufe des Abends immer besser, das Orchesterspiel gewann zunehmend an Sicherheit und Kontur und zu den schaurig-schönen Arien der Protagonisten spendierten die Damen und Herren im Graben dann auch eine Ration Klangkultur…

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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