Deutsche Oper am Rhein Duisburg: “Maria Stuarda” – 23.12.2017

Drama Queens in der JVA-Kantine

Kann man sich heute noch im Ernst vorstellen – Brexit hin und Sondierungsoperette her – dass amtierende Regierungschefinnen, mögen sie Merkel, May oder Sturgeon heißen, sich derartig verbal duellieren und sich Ausdrücke wie „nichtswürdige Hure“ oder „gemeine Bastardin“ an den Kopf werfen? Nicht wirklich. Da war in früheren Zeiten definitiv mehr Zicken-Zoff geboten, wie Queen Elizabeth – die erste, versteht sich – und Mary, Queen of Scots im berühmten dialogo delle due regine beweisen; zumindest in der dichterischen Phantasie Friedrich Schillers und des Librettisten Giuseppe Bardari. Dass sich die beiden impulsiven Damen tatsächlich nie persönlich begegnet sind, genierte die Maestri überhaupt nicht; historische Authentizität wird eh überschätzt und auf der Bühne ist gut erfunden stets besser als wirklich stattgefunden… Ohne diese Szene würde der Maria Stuarda, dem Mittelstück von Donizettis trilogia Inglese, definitiv das Salz in der Belcanto-Suppe fehlen, von schärferen Gewürzen ganz zu schweigen. An einen sinn- wie maßvollen Gebrauch politischer Macht glaubte der Komponist keinen Moment und entsprechend düstere Gesellschaftsbilder pflegte er in seinen Opern zu malen: Willkürherrschaft, Despotentum, blinde Gewalt wohin man schaut. Und das immer gerne vor der Kulisse des englischen Königshofs, denn das ersparte manchen Strauß mit der stets mißtrauischen päpstlichen oder habsburgischen Zensur… In England, na klar. Das galt dem Italiener damals eh als kaltes, nebelgeflutetes Märchenland irgendwo am Rande der Zivilisation, dessen Bewohnern man südlich des Alpenhauptkamms so ziemlich alles zutraute.

Musikdramatischen und emotionalen Sprengstoff enthält Maria Stuarda also genug. Leider blieb der in dieser rundherum enttäuschenden und faden Neuinszenierung der Rheinoper konsequent ungezündet, vielmehr zieht und quält sich die Handlung uninspiriert und holprig bis zum letalen Ende der Titel“heldin“ über die Runden. Verantwortet hat den kalten Opernkaffee Guy Joosten. Ein großer Welt- und Werkerklärer ist Joosten sicher noch nie gewesen, aber zumindest ein erfahrener und handwerklich versierter Theatermann, dem man zumindest eine nachvollziehbar erzählte Geschichte zutrauen durfte. Auch die hat er hier leider nicht geliefert, die Charaktere bleiben blass und austauschbar, die Sänger allein gelassen und der ganze Abend strahlt vor allem Lieblosigkeit, Leerlauf und Lethargie aus. Roel van Berckelaer hat genau das getan, was ein Bühnenbilder nicht tun darf: den Raum zubauen anstatt ihn zu definieren, ihn in jeder Hinsicht verengen und einschränken. Das Regieteam läßt die gesamte Oper im Knast spielen, die Bühne zeigt einen halbkreisförmigen zweistöckigen Aufbau mit vergitterten Zellentüren und einem offenen Eingang in der Mitte, im zweiten Akt kommen ein Getränkeautomat und ein paar Sitzgruppen dazu; offenbar ist man jetzt vom Zellenblock in die Kantine der JVA umgezogen. Immerhin kann sich der Chor zur Hinrichtung noch mit Flaschbier versorgen… Das hätte sich das Publikum an der Stelle eigentlich weit mehr verdient. Räumliche Logik findet nicht statt, beide Antagonistinnen sind schon im ersten Akt auf der Bühne, aus den Zellen wird nach Belieben rein- und rausgebummelt und die Königin (!) von England latscht beim ersten Auftritt zu ebener Erde herein, unter (!) ihren sich herumlümmelnden Untertanen hindurch… Spätestens jetzt ist klar: Das wird nichts, es wird höchstens noch schlechter. Lediglich in der Schlußszene findet dann doch – man hatte nicht mehr damit gerechnet – ein wenig Regie statt; dass wir es in Maria mit einem hochpolitischen und hochmanipulativem Charakter zu tun haben, der die eigene Niederlage als moralische Rache an der siegreichen Rivalin inszeniert, übersetzt sich zumindest im Ansatz. Und gleichzeitig steuerte auch Licht-Papst Stefan Bollinger doch noch einen Arbeitsnachweis bei, nachdem sich zuvor alles in öder Einheitsbeleuchtung abgespielt hatte.

Foto: Monika Rittershaus

Aber auch die musikalische Seite blieb weit hinter dem, was das Haus bei meinen letzten Besuchen zu bieten hatte. Sarah Ferede als Elisabetta war durch eine karottenrote Wuschelperücke und ein infam scheußliches Outfit (Kostüme: Eva Krämer) optisch schon sabotiert und konnte daher mildernde Umstände geltend machen. Dennoch wusste sie mit der Rolle wenig anzufangen und blieb entsprechend blass; von herrscherlichem Stolz, Giftigkeit und der Aura der Macht war leider gar nichts zu spüren. Stimmlich wird sie der Aufgabe mit schön timbriertem und kultiviert eingesetztem Mezzo gerecht, die Koloraturen und Spitzentöne bewältigt sie solide, wenn auch ohne zu glänzen. Insgesamt kommen ihre Qualitäten allerdings in weniger dramatisch angelegten Partien wie Adalgisa oder Charlotte wesentlich besser zur Geltung. Genau vice versa verhält es sich bei Olesya Golovneva in der Titelpartie; die selbstbewußte Machtpolitikerin übersetzt sich in ihrer Darstellung durchaus, der stimmliche Eindruck blieb jedoch zwiespältig, da der Sängerin für dieses Repertoire die erforderliche Leichtigkeit der Stimme, das messa di voce und der lyrische Schmelz fehlen. Die metallisch-harte, phasenweise fast scharfkantige Stimme scheint mir im Verismo oder im russischen Repertoire weitaus besser aufgehoben als im Belcanto, auch wenn sie sich gegen Ende deutlich steigerte und in der Finalarie zu einem differenzierteren Vortrag fand.

Die Schwächen der beiden Protagonistinnen nutze Gianluca Terranova, um die eher undankbare Partie des Grafen von Leicester – Bardari hat Schillers Leicester und Mortimer kurzerhand zu einer Figur verquirlt – in den Mittelpunkt zu rücken. Sein sprachliches und stilistisches „Heimspiel“ gewann Terranova mit Aplomb, servierte Donizettis affektsatte Kantilenen mit saftig-sinnlicher Tenorglut und mediterraner Klangpracht. Darstellerisch füllte er die von der Nicht-Regie gebotenen Freiräume mit einer perfekten Demonstration sämtlicher erdenklichen Tenor-Klischees. Die Adjutanten und politischen Büchsenspanner – modern nennt man so etwas spin doctors – der beiden Drama Queens waren mit Laimonas Pautienius als Lord Cecil und Wojtek Gierlach als Talbot eindrucksvoll besetzt, Maria Boiko als Marias Gesellschafterin Anna blieb rollengemäß im Hintergrund. Der Rheinopernchor in der Einstudierung von Gerhard Michalski entledigte sich seiner kurzen Auftritte solide.

Einsamkeit der Macht: Olesya Golovneva (Maria) in der Schlußszene (Foto: Monika Rittershaus)

Zu den wenigen Lichtblicken des Abends gehörte das temperamentvolle Spiel der Duisburger Philharmoniker, ein Sonderlob verdienten sich die Holzbläser für ihre schön ausgespielten Soli in der Ouvertüre. Leider setzte Lukas Beikircher am Pult etwas zu sehr auf Schmissigkeit und Rasanz und fegte über etliche klanglichen Feinheiten hinweg; an einigen Stellen hatte ich beinahe den Eindruck, auch der Dirigent wolle die Sache möglichst schnell hinter sich bringen…

Auch die sehr spärlich besetzten Ränge und der äußerst matte Zuspruch der erschienenen Duisburger Musikfreunde passten zur mauen und traurigen Atmosphäre des Abends. Nicht schön, den letzten Opernabend des Jahres 2017 habe ich mir definitiv anders vorgestellt.

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

Advertisements
This entry was posted in Oper. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

w

Connecting to %s