BR-Symphonieorchester/ Simon Rattle – 25.1.2018

„Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen, Und jedermann erwartet sich ein Fest“ – die Worte des Theaterdirektors in Goethes Faust trafen die Stimmung im ausverkauften Herkulessaal ziemlich genau, auch alle Stehplätze waren weggegangen wie die vielzitierten warmen Leberkas-Semmeln… Denn er war wieder in town, Simon Rattle, Noch-Chef der Berliner Philharmoniker und immer ein gern gesehener Gast in der Landeshauptstadt. Und mitgebracht hat er Mahlers Lied von der Erde, eines seiner erklärten Lieblingswerke; kaum ein Stardirigent dürfte dieses Stück so häufig dirigiert haben und seine CD-Einspielung davon gehört für mich zu den Top Five der Diskographie.

Foto: Bayerischer Rundfunk

Bevor man allerdings wonnig in Mahlers bittersüße, affektsatte Weltschmerzmusik eintauchen durfte, war noch eine erste Konzerthälfte zu überstehen, die man, je nach Wohlwollen, als befremdlich und irritierend, oder aber als grotesk und ganz weit am Thema vorbei empfinden konnte. Robert Schumanns dritte Symphonie in Es-Dur trägt den Beinamen „Die Rheinische“; und in der Tat hat der Komponist hier seiner Wahlheimat und deren Einwohnern eine Huldigung komponiert, sprühend vor Fröhlichkeit, Witz, Esprit und einem Schuß Hybris… Alle Attribute, die diesem Menschenschlag gerne nachgesagt werden, finden sich hier musikalisch gebündelt. Eigentlich. Denn Rattle trieb der Musik jedweden Elan, Leichtigkeit und Charme auf geradezu rabiate Weise aus, warum auch immer. Trotz straffer, phasenweise fast rasanter tempi war der Klang schwer, wuchtig und regelrecht soßig. Pesante, molto pesante. Dick und knallig im forte und seltsam spannungsarm in den wenigen ruhigeren Passagen wurde drauflos musiziert. Auch das Orchester schien sich mit dieser Lesart nicht so recht anfreunden zu können und blieb um einiges hinter seinen Möglichkeiten, so unsauber und wenig transparent wie hier – vor allem in den ersten zehn Minuten – habe ich die Damen und Herren lange nicht gehört. Das klang weit mehr nach Brahms und seiner Griesgram-Symphonik als nach Schumann; schlimmer noch: nach mittelmäßig gespieltem Brahms.

Aber deswegen war ja vermutlich keiner gekommen, sondern wegen… Genau. Und das kam nach der Pause. Und wie! Da herrschte schon rein atmosphärisch und von der Körpersprache ein anderer Ansatz und schon der Einstieg in das „Trinklied vom Jammer der Erde“ zog einen hinein; elektrisierend, sinnlich, aufregend. Mahler ist eben absolute Bekenntnismusik, ein Absoften oder Relativieren ist nicht, ganz oder gar nicht. Rattle gehört zu den Dirigenten, die das verstehen und die Musik auf Lunge nehmen, so zerrissen, radikal und aufbegehrend wie sie geschrieben ist. Den bis ins Äußerste gesteigerten Sehnsuchtston, die Erotik des Vergänglichen, die Apotheose der Melancholie; das alles erfassen und gestalten nur wenige Interpreten so eindringlich wie er. Fin de Siecle at its best! Und auch das Orchester war jetzt unter Hochspannung unterwegs, scharf pointiert in den Bläsern, süffig in den Streichern und im Ganzen präsent, aufmerksam und wie aus dem berühmzen Guss.

Nicht ganz auf selbigem überragenden Level waren leider die beiden – für das Werk sehr wichtigen – Gesangssolisten. Magdalena Kožená besitzt einen wunderbaren Mezzosopran von seidig-sinnlichem Glanz und punktet entsprechend immer dort, wo sich ihre Stimme an den schwelgerisch weichen Streicherteppich schmiegen kann; wo das Orchester allerdings auftrumpft, stößt sie schnell an ihre Grenzen und sieht sich zum Forcieren genötigt, um überhaupt noch hörbar zu bleiben. Solche Probleme kennt Stuart Skelton höchstens vom Hörensagen, mit seinem XXL- Tenor trompetet er seine Soli bis unter die Fransen der Gobelins und läßt förmlich die Wände wackeln. Zwischentöne, Wortgestaltung gar? Leider nicht. Überhaupt wäre es schön gewesen, wenigstens hin und wieder ein paar Sätze Text zu verstehen…

Das erhoffte Orchesterfest hatte, wenn auch mit Verzögerung am Ende des Tages doch noch stattgefunden, dankbarer Jubel von den vollbesetzten Rängen.

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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