Bayerische Staatsoper: “Les Vêpres siciliennes” – Bayerische Staatsoper, 25.3.2018

Zombie-Fasching in der Mülltüte

Ein enervierender Verdi-Abend an der Bayerischen Staatsoper

Ja, auch die größten Künstler haben ihre laufenden Rechnungen zu begleichen; und bei Giuseppe Verdi kam Ende 1853 der lukrative Auftrag der „Grande Boutique“, wie der Maestro die Pariser Opéra gerne süffisant betitelt hat, für eine neue abendfüllende Oper zur Aufbesserung der Haushaltskasse gerade recht. Ein Zweckbündnis, der Schornstein mußte rauchen und der Lappen hochgehen. Als Libretto diente ein hastig zusammengeleimtes Machwerk aus der Schreibwerkstatt des notorischen Massenproduzenten Eugene Scribe, welches zudem nichtmal ein Originaltext war, denn mehrere Szenen daraus hatte man einige Spielzeiten zuvor schon praktisch wortgleich dem Kollegen Donizetti für dessen Le Duc d’Albe aufs Auge gedrückt… Giuseppe was not amused und revanchierte sich mit einer ebenso lieblos hingerotzten Partitur; Les Vêpres siciliennes dürfte von allen Verdi-Opern nach 1851 die wohl schwächste und langweiligste sein. Abgesehen von ein paar schönen und affektgesättigten, typischen Verdi-Momenten wie Procidas hitverdächtiger Auftrittsarie „O toi, Palerme“, dem Finale des zweiten Aktes oder dem großen Terzett im vierten Akt, besteht das Werk hauptsächlich aus Leerlauf, aufgesetzter Schmissigkeit – bei Verdi immer ein Zeichen von Zeitnot oder Lustlosigkeit – und einer auf die Dauer enervierenden musikalischen Langatmigkeit. Eine öde Geldarbeit, in der das Feuer der Inspiration durchgehend auf absoluter Sparflamme brennt.

Warum man das heute noch spielt? Ganz ehrlich: je ne sais pas. Keine Ahnung. Um da etwas zu retten bedürfte es schon einer wirklich zündenden Idee, eines szenischen Geniestreiches und einer in höchstem Maße stilkompetenten Riege charismatischer Spitzensänger. Von alldem ist in dieser rundherum mißglückten Neuproduktion der Bayerischen Staatsoper nichts zu sehen oder zu hören. Und wenn man kein Glück hat, kommt bekanntlich oft noch Pech dazu… In diesem Fall, dass Sopran und Tenor ausgetauscht werden mussten und in diesen beiden Partien die Auswahl mehr als überschaubar ist.

Bayerische Grusel-Oper mit Erwin Schrott (Mitte) als Procida – Foto: Wilfried Hösl

Vor knapp vier Jahren hatte Jungregisseur Antú Romero Nunes an selbiger Stätte mit Rossinis Guillaume Tell sein Opern-Debüt gegeben und den Alpen-Thriller gehörig vor die Wand gefahren (Archiv Juli 2014), weitere Anfragen aus der Opernwelt sind danach – verständlicherweise – ausgeblieben. Bis jetzt. Nun durfte er, warum auch immer, nochmal ran. Dazugelernt hat Nunes offenbar nicht, im Gegenteil, seine Vêpres sind eher noch ärgerlicher und dilettantischer ausgefallen als der Erstversuch; und das liegt sicher nicht nur an der mediokren Qualität der Vorlage. Die konkrete Geschichte, der sizilianische Volksaufstand gegen die französischen Besatzungstruppen im Jahr 1282, interessiert Nunes kaum, er setzt auf eine vom Ende her gedachte Subtextinszenierung. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden, das kann funktionieren; allerdings nur unter zwei Voraussetzungen: nämlich dass der Subtext an sich stimmig ist und sich irgendwie aus der Geschichte herleiten, bzw. an diese andocken läßt und zum anderen, dass die Bilder von entsprechender Imagination und Kraft sind, um den Abend zu tragen. Ersteres ist vielleicht noch in Ansätzen erfüllt, letzteres überhaupt nicht. Der Regisseur und sein Team zeigen uns eine morbide, düstere Szenerie, bevölkert von grell geschminkten Popanzen in grotesk übersteigerten Kostümen (Victoria Behr), ulkigen Zombies und (Schmunzel)monstern mit grünlichen Totenköpfen. Das Bühnenbild von Matthias Koch besteht aus einem wechselnd drappierbaren, überdimensionalen Müllsack aus schwarzer Plastikfolie, es hängen Leichen und Spukgestalten von der Decke, Montford hat eine Art Madonnenfigur im Aquarium, zur verhinderten Hochzeit regnet es Konfetti und Procida trägt ein geradezu abenteuerlich scheußliches Gewand, eine Mischung aus Escamillo, Winnetou und La Bayadere. Was sich jetzt vielleicht nach einer zünftig-abgefahrenen Rocky Horror Verdi Show anhört, ist leider in Wirklichkeit ganz kalter Regiekaffee, da der ganze Zombie-Fasching reine Staffage für antiquiertes Rampensingen bleibt, eine Verzahnung der Ebenen, bzw. eine konsequente Umsetzung findet nicht statt.

Sizilianischer Totentanz mit Erwin Schrott (Procida), Leonardo Caimi (Henri) und Rachel Willis-Sorensen (Hélène) – Foto: Wilfried Hösl

Das gilt auch für den einzigen zumindest originell gedachten Einfall, um den vom Haus bis zuletzt ein großes Geheimnis gemacht wurde: die notorische Ballettmusik wird vom dritten an den Übergang zwischen dem vierten und fünften Akt verlegt und – Wow, was sind wir oberaffengeil modern! – mit krachender Techno-Musik unterlegt, die mit dem Orchesterspiel eine Art Dialog darstellen soll. Aha. Zu diesen wummernden und jaulenden Klangcollagen im Programm als „Sound Interference“ aufgeführt – von Nick und Clemens Prokop führt die SOL Dance Company in der Choreographie von Dustin Klein eine eher nichtssagende Pantomime auf. Eine Einlage, die ebenso aufgesetzt und sinnfrei rüberkommt wie der ganze Rest dieses traurigen Arrangements. Im Gegensatz zum ominösen Pferdchen-Ballett in Kriegenburgs Walküre-Inszenierung bleibt diese allerdings unausgebuht, das Publikum verübelt diesmal schweigend..

Nun ist es ja Tradition an der BSO, dass auch größere Regie-Ausfälle zumeist durch eine hochkarätige musikalische Einstudierung zumindest teilweise kompensiert werden… Doch auch das ist hier nicht wirklich gelungen, die Besetzung von dreien der vier Hauptpartien blieb doch deutlich unter dem, was man an einem Champions League-Haus in einer Neuproduktion erwarten darf.

Mit weitem Abstand am besten hat sich George Petean in der Partie des brutalen Statthalters Montford aus der Affäre gezogen; ein weiteres Exemplar aus der Reihe der grausamen und dabei ungeniert im Selbstmitleid badenden Verdi-Väter. Petean ist der einzige Protagonist des Abends, der die französische Sprache und Stilistik wirklich beherrscht, sein Bariton hat das nötige Gewicht, die geschwungene Phrasierung und die abgerundete Phonation, die man für Verdi nunmal braucht, zudem singt er auch in Ausdruck und Dynamik wesentlich differenzierter als man das von ihm gewohnt ist. Als einziger kann Erwin Schrott als Procida zumindest in Sachen Kraft und Stimmvolumen mithalten, allerdings fehlen dem Baßbariton Schrott die Tieftöne und Frequenzen eines echten basso profondo und auch gestalterisch ist er als fanatisch-patriotischer Hassprediger und Meuchelmörder kaum glaubwürdig, da stolziert eher ein Pfau im abstrusen Goldfummel durch die Landschaft; wer das Stück nicht kennt, dürfte kaum kapiert haben, mit wem man es zu tun hat. Auch stimmlich baute Schrott im Laufe der Aufführung immer mehr ab, sein Material klang von Akt zu Akt fahler und mulmiger, fast wie ausgebleicht. Was seine zahlreich erschienenen Fans – und Faninnen – allerdings nicht zu irritieren schien…

Foto: Wilfried Hösl

Dem Liebespaar war die Blässe dagegen nicht nur ins Gesicht geschminkt, auch als Charaktere wurden beide nicht wirklich greifbar. Das liegt zum einen an der äußerst holzschnitthaften und unglaubwürdigen Charakterzeichnung des Librettos, aber auch daran, dass Rachel Willis-Sørensen als Hélène und Leonardo Caimi als Henri mit der gesanglichen Bewältigung ihrer Partien schon hinreichend gefordert waren und für semantischen Mehrwert keine Kapazitäten mehr aufrufen konnten. Beide verfügen über angenehm, wenngleich nicht sonderlich individuell timbrierte und eher kleinformatige Stimmen, die im Großraum des Nationaltheaters wenig Präsenz entwickeln. Willis-Sørensen, an ihrem Dresdner Stammhaus vor allem im Mozart-Repertoire unterwegs, überzeugt am meisten mit der schwungvoll und höhensicher bewältigten Bolero-Arie im fünften Akt, mit der deutlich tieferen Tessitura der ersten beiden Akte kommt sie weniger gut zurecht. Caimi hatte am Premierenabend auf sich aufmerksam gemacht, als er zu Beginn des fünften Aktes nahtlos für den schwächelnden Kollegen Bryan Hymel übernommen hatte… Caimis Material ist leichtgängig und von jugendlich hellem Klang, in der Höhe allerdings nicht immer krisenfest; unter normalen Umständen sicherlich in dieser Partie an der BSO unterbesetzt.

Für die zahlreichen Comprimarii gibt es in diesem Stück wenig Profilierungsmöglichkeiten, zumeist treten sie nur für einen oder zwei Sätze aus dem Kollektiv heraus. So warfen sich Helena Zubanovich (Ninetta) und Matthew Grills (Danieli) auf sizilianischer und Galeano Salas (Mainfroid), Callum Thorpe (Robert), Long Long (Thibaut), Johannes Kammler (Vaudemont) und Alexander Milev (Bethune) auf französischer Seite fröhlich ins vokale Getümmel. Der Staatsopernchor in der Einstudierung von Stellario Fagone ist für eine Verdi-Oper relativ peripher beschäftigt, entledigt sich der Aufgabe mit Verve und Routine.

Eine relativ undankbare Aufgabe hatte Stefan Soltesz, der in dieser letzten Vorstellung der Serie die Stabführung von Premierendirigent Omer Meir Wellber übernommen hatte und nun eine Ansammlung von Aushilfen – das „richtige“ Staatsorchester ist auf großer Tour – auf Linie halten und den Abend möglichst patzerfrei über die Runden bringen musste. Das gelang ihm, trotz gelegentlich etwas unwirscher Körpersprache, so gut, wie es unter den Umständen gelingen konnte.

Das Publikum an diesem frühen Sonntagabend ließ das Gebotene mehr über sich ergehen als dass es merklich Anteil genommen hätte. Das wäre angesichts der blutleeren Aufführung auch zu viel verlangt gewesen. Bitte ganz schnell entsorgen! – Der nötige Müllsack in XXL ist ja schon da…

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

Advertisements
This entry was posted in Oper, Uncategorized. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

w

Connecting to %s