Hofspielhaus München: “Orfeo – Eine transkulturelle Oper” – 17.4.2018

Blick zurück im Schmerz

Zuflucht Kultur läßt Orpheus nach Syrien reisen

Drah Di net um, schau schau, der Kommissar geht um… hieß ein bekannter Titel des österreichischen Kult-Barden Falco. Mit dem antiken Kult-Barden Orpheus ist es ganz ähnlich; zwar darf er die ehernen Gesetze der Existenz brechen und seine geliebte Gattin aus dem Totenreich zurück ins Leben holen; eben weil er die Mächte der Unterwelt mit seinem überirdischen Gesang um den Finger gewickelt hat… An der Bedingung, sie auf der Reise zwischen den Welten keines Blickes zu würdigen und sich „net umzudrahn“, scheitert er freilich; Blick zurück, Eurydike futsch, alles auf Anfang. Für einen Platz unter den Grundmythen der Menschheit hat es allemal gereicht und seine Geschichte von der Kraft der Liebe, des Mutes, der Kunst und von der Unzulänglichkeit ist in Musik, Literatur und Kunst unzählige Male erzählt worden.

Nun ist eine weitere Version dazugekommen, auf die Bühne (?) des Münchner Hofspielhauses gebracht vom Ensemble Zuflucht Kultur e.V. Von edler Einfalt, stiller Größe und arkadischen Gefilden handelt dieser Orfeo gar nicht, vielmehr steht der Kampf von Liebe und Kunst gegen Hass und Verblendung im Mittelpunkt. Wie in allen Produktionen von Zuflucht Kultur e.V. performen europäische Musiker und Darsteller mit geflüchteten Künstlern, deren Geschichten und Lieder sich wie eine zweite Schicht zwischen die bekannten Werke schieben und diese reflektieren. Nach den Mozart-Opern Così fan tutte, Zaide und Idomeneo sowie Bizets Carmen haben wir es hier mit einem zuvor noch nicht existierenden Werk zu tun, einem klassischen pasticcio. Gefüllt ist diese Musiktheater-Pastete mit Arien und Duetten aus den Orpheus-Vertonungen von Monteverdi, Graun, Gluck und Haydn – allesamt auf deutsch gesungen – sowie syrischen Liedern und Tänzen und Sprechtexten von Khalil Gibran und Orhan Pamuk. Die klassische Orpheus-Sage wird in eine moderne, oder besser gesagt zeitlose, Rahmenhandlung eingefasst und aktuell interpretiert; Eurydike stirbt nicht an einem Schlangenbiss und geht in die Unterwelt, sie reist nach Syrien und schließt sich dem IS an. Der Dramaturg Sascha Fersch und die Regisseurin Annette Lubosch schaffen eine Analogie, die auf den ersten Blick durchaus plausibel erscheint – die Schlange als Symbol der Verführung, Hasspropaganda als Seelengift und ein durch Krieg verwüstetes Land als Inbegriff der Hölle – die aber im Endeffekt nicht aufgeht. Denn schließlich ist politische und religiöse Radikalisierung kein Schicksalsschlag, sondern ein Prozess, dessen Beginn und Ende aus der Person selbst kommen. Wenn Orpheus nun die Terrorfürsten, früher Furien, ansingt und dann die Gattin widerspruchslos mit zurück nimmt, macht das die Chose nicht gerade glaubwürdig. Schwerer allerdings wiegt, dass die Verzahnung beider Ebenen nicht gelungen ist. Zwar läßt sich anhand der Musiknummern der Handlungsverlauf einigermaßen mitverfolgen, allerdings werden Arien, Einlagen und Sprechsequenzen weitgehend beziehungslos aneinander gereiht, so dass der Eindruck eines reinen Potpourris entsteht, viel zu selten entstehen die einzelnen Nummern organisch aus der Handlung. Das war bei den bisherigen Produktionen von Zuflucht Kultur wesentlich besser und sinnstiftender gelöst.

Immer schön nach vorne… Sela Bieri (Eurydike) und Cornelia Lanz (Orpheus) – Foto: Stefanie Simbeck

Das gilt auch für die Rahmenhandlung. In der treffen wir einen Philosophen namens Al Mustafa, der auf ein Schiff ins Exil wartet und derweil die Schar seiner jugendlichen Anhänger mit weisen Geschichten unterhält; gefragt, etwas über die Liebe zu erzählen, berichtet er von Orpheus und Eurydike, zwei aus der Gruppe stehen auf, schlüpfen in antikisierende Kostüme und die Sage beginnt… So weit, so gut. Wer Al Mustafa wirklich ist und vor allem welche Funktion er hat – Spielleiter, Erzähler, Alter Ego oder von allem etwas – wird leider nicht deutlich, denn rätselhafterweise taucht er auch in der Unterwelt auf und bricht ohne erkennbaren Sinn die Fiktionsebene auf. Dabei bietet der seit 2010 in Deutschland lebende irakische Schauspieler Ayden Antanyos, bereits in Zaide und Carmen im Einsatz, eine eindrucksvolle Darstellung mit starker Präsenz und persönlicher Autorität. Dem regelmäßigen Besucher der Zuflucht Kultur-Aufführungen ebenfalls schon bekannt sind die syrischen Schwestern Wissam und Walaa Kanaieh, die hier mit ansteckender Tanz- und Sangesfreude den doppelten Liebesgott Amor verkörpern. Den finsteren Unterweltfürsten Pluto gibt Maher Hamida mit selbstgeschriebenen Rap-Songs und Charon wurde durch die kurzfristige Erkrankung des Darstellers von der Regisseurin selbst gedoubelt.

Im Mittelpunkt steht natürlich das tragische Liebespaar mit seinen Arien und Duetten. Den Part des Orpheus übernahm selbstredend Cornelia Lanz und bot mit ihrem geradezu verschwenderisch schönen und farbenreichen Samtmezzo das volle Spektrum der Emotionen, von zärtlicher Hingabe, tiefer Trauer und wilder Entschlossenheit bis hin zu bodenloser Depression; die den Opernpart abschließende berühmte Gluck-Arie „Ach, ich habe sie verloren“ berührte nicht nur die Furien, sondern auch die Zuschauer bis ins Mark, wobei die unmittelbare räumliche Nähe zwischen Sängern und Publikum noch das Ihrige beitrug; hier waren Stimmen sozusagen an der Quelle zu erleben, wie es sonst nur den Kollegen auf der Bühne vorbehalten ist. Eine Partnerin auf Augenhöhe war Sela Bieri als passioniert leidende Eurydike mit feinherbem Soprantimbre und schwebender, kristallklarer Leichtigkeit in der Höhe, beide Stimmen flossen in den Duetten wunderbar harmonisch ineinander.

Das Ensemble (Foto: Stefanie Simbeck)

Nun ist das Hofspielhaus, unweit der mondänen Maximilianstraße gelegen, alles andere als eine echte Theaterbühne; die kahlen Betonwände – hier mit Graffiti und arabischen Schriftzügen geschmückt – und die drangvolle Enge der Bestuhlung sorgen für eine gepflegte Luftschutzbunker-Atmosphäre und bieten szenisch und beleuchtungstechnisch kaum Möglichkeiten. Regie ist hier wirklich nur, wenn sich die Darsteller möglichst unfallfrei aneinander vorbei quetschen und den Zuschauern in der ersten Reihe möglichst selten auf die Füße treten.

Entsprechend minimalistisch fällt natürlich auch das instrumentale Fundament aus. Norbert Groh greift beherzt in die Tasten von Klavier und Akkordeon und hat die Arien mit viel Geschick und Klangphantasie der Kleinstbesetzung angepasst und arrangiert, die Geigerin Esther Schöpf setzt immer wieder virtuose oder besinnliche Akzente.

Auch wenn es im Dramaturgie-Gebälk immer wieder vernehmlich knirscht, ist Cornelia Lanz und ihrem Ensemble hier wieder ein unkonventioneller, emotionaler und hochorigineller Abend gelungen, der den Untertitel „Eine transkulturelle Oper“ durchaus zu Recht trägt.

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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