Auf DVD: “Otello” aus dem Royal Opera House bei Sony Classical

„Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen“ heißt ein berühmtes Zitat aus dem dritten Akt von Schillers Die Verschwörung des Fiesco zu Genua. Das Stück kennt heute vermutlich keiner mehr, aber das Zitat ist immer ein schöner Aufhänger wenn es um Otello geht; sei es Shakespeare oder Verdi. Und Verdi hat die „Schuldigkeit“, die Anforderung an seinen Protagonisten in höchstmögliche Regionen gelegt; nicht umsonst spricht der Mohr des Tages Jonas Kaufmann im mitgelieferten Making of von einem „Mount Everest des Tenorgesanges“… Allerdings. Und da gleich den Erstversuch abfilmen und vermarkten zu lassen, anstatt die ungeheure Partie erstmal in der einen oder anderen Inszenierung zu singen und reifen zu lassen; das zeugt schon von gehöriger Chuzpe.

Für alle, die letztes Jahr an der Themse nicht persönlich dabeisein konnten, gibt’s nun den von Sony Classical produzierten Live-Mitschnitt auf zwei Silberscheiben in Bild und Ton. Wobei man auf ersteres auch gut und gern hätte verzichten können, denn Regisseur Keith Warner hat zum Werk und den darin verhandelten Affekten wenig, um nicht zu sagen nichts, zu erzählen. Die optische Komponente des Abends beschränkte sich auf das elegant-praktikable Bühnenbild von Boris Kudlička, schwarze bühnenhohe und gelegentlich schießschartenartig durchbrochene Wände, die sich munter gegeneinander verschieben und variable Raumeindrücke schaffen. Beliebig und nett schaut das aus; im Gegensatz zu den diffus historisierenden und nichtssagenden Kostümen von Kaspar Glaner. Vor und zwischen den Wänden hat Warner die Handlung bieder arrangiert, langweiliges Stehtheater mit gelegentlichen unmotivierten Hüpf-Einlagen des Chores, dazu hantiert Jago zuweilen mit einer weißen und einer schwarzen Theatermaske… Mehr ist nicht geboten.

Bekanntlich gehört Antonio Pappano zu den von mir hochgeschätzten Maestri, ein echter Operndirigent, der Sänger tragen, inspirieren und befeuern kann, der Partituren zum Singen bringt und für jeden Komponisten die adäquate Farbgebung und Stilistik findet. Qualitäten, von denen man auch in diesem Mitschnitt vieles wiederfindet, die Tempi sind stimmig und in sinnstiftender Balance, die Sängerbegleitung ist gewohnt sensibel, der Klang hat, soweit sich dies medial aufgezeichnet sagen läßt, Wärme, Leichtigkeit und Fülle. Dennoch überzeugt mich dieses Otello-Dirigat nicht zur Gänze; bereits den einleitenden Sturm hat man schon gewaltiger, aufwühlender, existenzieller dirigiert gehört und auch im weiteren Verlauf des Abends dominiert der Schönklang zuweilen über die Wildheit und Kühnheit der Komposition und der Dirigent verfällt ein wenig in den Begleitmodus, ein paar Zwischentöne und Doppelbödigkeiten mehr sind vorstellbar und wären nice to have gewesen…

Und, hat der Mohr – auch wenn er hier naturbelassen und ungeschwärzt auftritt – seine Schuldigkeit getan? Nun, fürs erste definitiv! Die Einschränkung muss man machen, denn niemand wird diese Rolle im ersten Anlauf wirklich füllen, selbst ein Jonas Kaufmann befindet sich noch auf dem Weg zum Otello, wenn auch auf einem sehr guten. Das baritonale, bronzefarbene Timbre – in anderen Rollen seines Repertoires zuweilen gewöhnungsbedürftig – passt für Otello bestens, das vokale Farbspektrum und die nach wie vor intakte lyrische Linienführung sind auch hier seine Trumpfkarten. Über die archaische, trompetenhaft strahlende Durchschlagskraft für Momente wie „Ora e per sempre Addio“ und „Si, pel ciel marmoreo giuro“, das berühmte „Esultate!“ nicht zu vergessen, verfügt Kaufmann nicht; aber das tut seit Johan Botha derzeit niemand mehr. Was Kaufmann, auch darstellerisch, noch abgeht, ist die provozierende Aura des Andersartigen, das erratische Moment, die undomestizierbare Kraft dieses gebrochenen Helden. Hier trägt selbstredend die unvorhandene Regie große Mitschuld, dass er, mangels stringenter Personenführung, immer wieder in den Musterkoffer der tenoralen Standardgesten greift… Dafür setzt der Künstler an anderen Stellen Glanzpunkte, etwa in der Sterbeszene: die aufsteigende Linie des „O Gloria!“ verströmt nochmal allen sinnlich-luziden Tenorstrahl, bevor mit dem „Otello fu“ alles in einem einzigen Moment in sich zusammenstürzt. Ein Abgesang auf den Heldenleben in neun Takten, ein magischer Augenblick.

Die Desdemona von Maria Agresta hat rein gesanglich alles zu bieten, was die Rolle erfordert: ein technisch gut geführter leichtgängiger Sopran mit sicherer glockenheller Höhe und famoser Pianokultur. Nur jener bewegende Herzenston und melancholisch sinnliche Zauber, den eine Freni, eine Ricciarelli, eine Tomowa-Sintow oder Harteros in dieser Rolle entfaltet haben, will sich hier (noch) nicht einstellen. Der neuerdings gerne gebuchte kanadische Tenor Frédéric Antoun gibt einen schönstimmigen, wenn auch darstellerisch sehr passiven, fast schon phlegmatisch wirkenden Cassio, von den kleineren Partien macht In Sung Sim als Lodovico mit warm timbriertem, schön strömendem Bass auf sich aufmerksam, während Kai Rüütel (Emilia), Thomas Atkins (Roderigo) und Simon Shibambu (Montano) sehr im Hintergrund bleiben.

Leider gibt es noch eine weitere Hauptrolle in diesem Stück: Jago. Der ist keine supporting cast, sondern als dämonischer Gegenspieler und psychologische Komplementärfigur zur Titelrolle; eine schlechte Besetzung der Partie ruiniert die gesamte Aufführung. Und ein schlechterer Jago als der von Marco Vratogna dürfte kaum je den Weg auf runde Scheiben, seien es schwarze oder silberne, gefunden haben. Darstellerisch blass, hölzern und absolut unbedrohlich und stimmlich farb- und modulationsarm bleibt Vratogna der Rolle nahezu alles schuldig, statt einer saftigen, glutvollen Verdi-Stimme hört man eine Art heiseren, beengten Sprechgesang mit mühsam herausgestemmten Höhen; Highlights wie die Traumerzählung oder das Credo verpuffen wirkungslos und reißen riesige Spannungslücken in den Handlungsverlauf. Wie hat der sonst so sachkundigen Castingabteilung der Royal Opera ein solch spielentscheidender Fehlgriff unterlaufen können?!

Man hätte Jonas Kaufmann für sein Rollendebüt wirklich ein weniger mediokres Umfeld gewünscht. Im Herbst gibt es übrigens einen neuen Otello an der Bayerischen Staatsoper; wiederum mit Kaufmann, dazu Anja Harteros und Gerald Finley, am Pult Kirill Petrenko himself… Hey Sony Classical, hättet Ihr das nicht abwarten können?

Gehabt Euch wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

Advertisements
This entry was posted in Media, Oper. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s