Auf CD: “La clemenza di Tito” bei Deutsche Gramophon

Auch wenn sie offiziell zum Kanon der sieben „großen“ Mozart-Opern zählt, so steht die praktisch simultan mit der Zauberflöte komponierte Clemenza di Tito von jeher tief im Schatten des Figaro, des Don Giovanni oder gar der Zauberflöte und ist als Gutmenschen-Schmonzette aus dem alten Rom verschrien. Schließlich gibt es hier keinen dämonischen Womanizer mit ellenlang zu besingendem Register, keinen Märchenprinzen oder lustigen Vogelfänger und weder Kammerkätzchen noch sternflammende Königinnen samt Entourage; Freimaurer-Gedöns ist ebensowenig geboten wie den Aufstand probende Proletarier. Stattdessen hat Mozart einen latent drögen Diskurs über Ehre, Freundschaft und herrscherliche Tugenden komponiert, vom notorischen Metastasio in wohlgesetzt-blutleere Libretto-Floskeln gegossen; ein vollkommen motivationsloses Happy End inklusive. Szenisch ist die Clemenza mit ihrem Urvertrauen in herrscherliche Weisheit und Milde angesichts des heute grassierenden Polit-Rowdytums eine echte Challenge, doch soweit ließ man es im mondänen Baden-Baden, wo diese Aufnahme entstand, gar nicht erst kommen. Hier gilt es der Musik allein, in konzertanter Form und auf der sicheren Seite.

Diese Einspielung markiert die Vorschlußrunde der Gesamtaufnahme jener glorreichen Sieben auf dem Gelbettiket, die nunmehr dritte nach Karl Böhm und John Eliot Gardiner und die erste des neuen Jahrtausends. Mit Yannick Nézet-Séguin und dem Chamber Orchestra of Europe sind ein charismatischer und erfolgreicher Maestro der jungen Generation und ein bewährtes Hochglanzorchester am Start, die sich im Laufe der Serie schon bestens aufeinander abgestimmt haben und den Sängern eine luxuriös funkelnde Unterlage bereiten. Vielleicht sogar eine Spur zu gut… Denn bei aller Klangschönheit und -kultur – die Holzbläser-Soli hat man selten so gut und eloquent gehört – geraten Dirigat und Orchesterspiel doch auch ein wenig glatt, auf hohem Niveau erwartbar und mit wenig Theaterblut. Nézet-Séguin setzt sich sowohl von Böhms ungeniert romantisierender Lesart wie auch von Gardiners strenger historischer Aufführungspraxis ab, ohne jedoch wirklich Farbe zu bekennen oder einen eigenen Mozart-Stil zu entwickeln; so historisch informiert wie nötig und so modern wie möglich. Auch die tempi sind überwiegend straff und zügig, aber auch immer wieder von plötzlichen Schwankungen geprägt, deren Logik sich beim Hören nicht durchgängig übersetzt.

Ein ähnliches Bild vermittelt die Sängerbesetzung: auch hier wurde nicht an großen Namen und vokalem Luxus gespart. So erlebt man viel wunderbar gepflegten und technisch hochklassigen Mozart-Gesang, allerdings relativ wenig Charakterzeichnung und gestalterisches Profil. Solches entwickelt am stärksten Joyce di Donato als Sesto; zwar könnte man sich auch diese Partie extrovertierter und dramatischer interpretiert vorstellen, doch zeichnet die Künstlerin eine hörbare Entwicklung ihrer Figur nach; mit dem von ihr gewohnten vokalen Farbenreichtum und dem erfüllten, warmherzigen Vortrag setzt Di Donato in ihren beiden großen Arien die Glanzpunkte der Aufnahme. Auch die impulsive, rachedurstige Kaisertochter Vitellia gewinnt durch den fulminanten Gesang von Marina Rebeka Kontur und Verve. Rebeka macht deutlich, warum sie derzeit international als erste Besetzung für die dramatischeren Mozart-Partien gilt, die Stimme hat dramatischen Furor, aber auch die nötige Elastizität und Sensibilität für die lyrischen Abschnitte. Ein Hörvergnügen sind die vor jugendlicher Frische und Leichtigkeit strahlenden Stimmen von Regula Mühlemann als Servilia und Tara Erraught als Annio; letztere hat das Bayerische Staatsopernpublikum auch schon als Sesto überzeugt (siehe Archiv Februar 2014). Einen kernigen und durchaus attraktiven Baßbariton zeigt Adam Plachetka als Publio, beinahe etwas zu sympathisch für den kaltherzigen kaiserlichen Handlanger.

Allerdings gibt es da noch die sozusagen Titelfigur, the emperor Titus himself. Und den singt – natürlich – Rolando Villazón, der einzige Sänger, der bisher in sämtlichen Aufnahmen des Zyklus besetzt war. Quo vadis, Rolando? Um es mal mit den alten Römern zu sagen. Gut unterwegs ist er auf jeden Fall, als Buchautor, Radiomoderator, Regisseur… Und Tenor? Ach ja, da war mal was. Eine tolle Stimme nämlich, voller Leidenschaft, Strahlkraft und Sinnlichkeit, eine Stimme voll von… Ja, Magie. Jetzt zeichnen die Mikrophone der DG gnadenlos auf, was davon noch übrig ist und wie er dem (über)strapazierten Organ mühsam ein paar kontrollierte Töne abpresst. Das gelingt in der berühmten Bravourarie, „Se all’impero, amici dei“ im zweiten Akt erstaunlicherweise wesentlich besser als in der lyrischeren ersten „Del più sublime soglio“, taktweise scheint beinahe der alte Rolando-Sound wieder durch. In der für nächstes Jahr geplanten Zauberflöte soll Villazón übrigens nicht den Tenorprinzen Tamino singen, sondern die Bariton-, bzw. Schauspielerrolle des Papageno… Im Sport nennt man so etwas „Höchststrafe“.

Die Clemenza entstand übrigens 1791, also gerade zwei Jahre nach der französischen Revolution. Mon très chèr Yannick – davon hätte ich gerne etwas gehört in dieser Einspielung!

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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