Staatstheater am Gärtnerplatz: “Dantons Tod” – 1.11.2018

Opern über die Französische Revolution gibt es nicht nur von einem, sondern mindestens von zweien; einer davon ist von Einem… Gottfried von Einem nämlich. Im Gegensatz zu Giordanos feurig-kolportagehaftem Revolutions-Reißer Andrea Chenier ist von Einems Dantons Tod allerdings eher eine Randnotiz der Operngeschichte geblieben. Was wenig wundert, schließlich wird hier keine Leidenschaftsgeschichte am Rand der Guillotine geboten, sondern ein vergleichsweise dröger und eher akademisch erzählter machtpolitischer und weltanschaulicher Diskurs der Revolutionsführer Danton und Robespierre; mit dem bekannt letalen Ende für ersteren und seine Mitstreiter. Bei so viel Haupt- und Staatsaktion ist für l’amour und passion wenig Raum, auch beide Frauenfiguren bleiben eher dekorativ denn dramaturgisch substanziell.

Uraufgeführt wurde Dantons Tod bei den Salzburger Festspielen 1947, die Erfahrung von NS-Diktatur und Krieg dürften die Konzeption des Werkes maßgeblich beeinflußt haben. Das zugrundeliegende Drama von Georg Büchner haben der Komponist und Kollege Boris Blacher zum Libretto eingedampft und auch der Einfluß Bertolt Brechts – den von Einem gerne in einer leitenden Position in Salzburg gesehen hätte – ist deutlich und gelegentlich grüßt auch Alban Berg herüber, etwa in der absurden Gesangseinlage der beiden Henker im Schlußbild, in denen man sogleich das Abbild der Handwerksburschen aus dem Wozzeck erkennt.

Tippen für die Revolution (Foto: Christian Pogo Zach)

In München hat man dem Werk bereits Ende der 1980er Jahre begegnen können, damals nicht am Gärtner- sondern am Max-Joseph-Platz, inszeniert als altbackener Deko-Schinken von schwer nachzuahmender Biederkeit. Da hat diese aktuelle Neuproduktion, trotz einiger etwas aufgesetzter Modernismen, visuell schon einiges mehr zu bieten. Günter Krämer setzt, wie von ihm gewohnt, auf einen schnörkellos präzisen Regiestil und konzentriert sich auf den zentralen Konflikt zwischen dem bräsig-dekadenten Lebemann Danton und dem asketisch-fanatischen Profilneurotiker Robespierre, ohne die anderen Charaktere zu vernachlässigen. Die Französische Revolution als historisches Ereignis findet sich in der optischen Umsetzung nicht wieder, statt Historismus und Lokalkolorit dominiert im Bühnenbild von Robert Schäfer eine eher moderne, zeitlos coole Ästhetik aus dunklen glatten Wänden, Leuchttischen und einer drehbaren Videowall mit Gefängnisgitter auf der Rückseite. Die Kostüme von Isabel Glathar sind größtenteils schwarz, vom uniformen Business-Look bis zu Hoodie und Sonnenbrille, nur Luciles leuchtendrotes Kleid sorgt für den farblichen Ausreißer und Hingucker des Abends. Besagte Lucile Desmoulins ist die Gattin des Revolutionärs Camille Desmoulins und den ganzen Abend damit beschäftigt, auf einem altmodischen Vervielfältigungsapparat Flugis auf rotem Papier zu produzieren, während die Machthaber propagandatechnisch bereits auf Laptop und Smartphone umgestiegen sind… Besagte rote Blätter werden später vom Chor aus dem zweiten und dritten Rang abgeworfen und im Gegensatz zum Kollegen Stölzl im Andrea Chenier erspart Krämer uns am Ende den Ausflug zum Schichtl (siehe Archiv April 2017), hier werden die Delinquenten ganz clean und unblutig per Lichteffekt um die Ecke gebracht.

Revolutionär und Muse: Matija Meić (Danton) und Sona MacDonald (Julie) – Foto: Christian Pogo Zach

Ein ganz starker Einfall der Regie ist es, die periphere Rolle der Julie zu einer Art Über-Ich oder personifiziertes Gewissen aufzuwerten und der relativ locker gefügten Dramaturgie des Librettos mit entsprechend gesetzten Büchner-Texten eine semantische Stütze einzuziehen; das funktioniert so homogen und nahtlos, als sei es schon immer so gedacht gewesen. Und wenn diese Rolle dann auch noch mit der großartigen Sona MacDonald besetzt ist, sind die Gänsehautmomente garantiert! Der langjährige Star des Residenztheaters mit ihrer elektrisierenden und unverwechselbaren Stimme und szenischen Präsenz zieht das Geschehen komplett an sich und wird zum eigentlichen Zentralgestirn des Abends, die Sänger können zeitweilig sehen, wo sie bleiben…

Mária Celeng (Lucile) und Alexandros Tsilogiannis (Camille) – Foto: Christian Pogo Zach

Dabei machen auch diese ihre Sache durch die Bank zumindest sehr solide bis überzeugend. Kleinere Abstriche sind bei Matija Meić als Danton zu machen, dessen wuchtiger und ausladender Baßbariton zwar durch Stimmgewalt und vokale Stamina beeindruckt, auf die Dauer aber durch die mangelnde Differenzierung den Hörer doch etwas ermüdet, da gibt die Rolle durchaus mehr Gestaltungsmöglichkeiten her. Daniel Prohaska gibt dem Fanatiker Robespierre mit blankgeschliffenen, auch in der Vollhöhe gut fokussierten Tenortönen Profil; dass mit dem Kerl nicht zu gut Kirschen essen ist, übersetzt sich sofort. Etwas breiter in der Stimmführung und dunkler im Timbre gibt Alexandros Tsilogiannis den feurigen Schöngeist und Idealisten Camille, seine Gattin Lucile wird von Mária Celeng mit viel Innigkeit und Schmelz gesungen; ein darstellerisch wie stimmlich sehr gut harmonierendes Paar. Etwas kerniger, aber auch grobkörniger tönen Juan Carlos Falcón als Hérault de Séchelles und Holger Ohlmann als Saint-Just. Ergänzt wird das Ensemble durch Liviu Holender (Herrmann), Christoph Seidl (Simon), Stefan Thomas (junger Mensch), Ann Katrin Naidu (Simons Weib) und Frances Luces (Eine Dame).

Am Pult führt GMD Anthony Bramall Chor und Orchester mit sicherer Hand durch den Abend, wobei die Orchesterbesetzung und die teilweise arg dicke und kompakte Instrumentierung – die per se nicht gerade sängerfreundlich sind – schon eine Herausforderung für die Gärtnerplatz-Akustik sind; vor allem in der Tribunalszene im zweiten Akt wird es schon grenzwertig laut…

Insgesamt eine gute und homogene Aufführung und eine lohnende Neubefragung des Werkes.

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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