Bayerische Staatsoper: “Otello” – 15.12.2018

Il postino di Venezia

Verdis „Otello“ an der Bayerischen Staatsoper zwischen Sensation und Mißverständnis

Der Sturm kracht, wütet, tobt. Das Orchester entfaltet in voller Raserei die Elemente und ruft die Titanen herbei. Wir sind bei Giuseppe Verdi und Otello. Ganz klar. Was sehen wir? Auf jeden Fall schonmal keine von der Windmaschine synchron geschleuderten Mäntel und Frisuren und keine bemüht gebückten Chormassen… Da steht eine schöne, großgewachsene und charismatische Frau in einem weitgehend leergeräumten bürgerlichen Salon mit Holzvertäfelung, Stuckdecke und Kamin. Der Raum hat schon bessere Tage gesehen, seine Bewohner auch. Der Sturm ist kein Wetterphänomen, sondern ein seelisches, ein Aufschrei der Psyche. So ist das bei Verdi und so ist es zuletzt auch des öfteren zu sehen gewesen. Das Flagschiff legt an und der Sieger kehrt heim… So ist das bei Verdi; und das sollte man auch hören, denn das machtvoll auftrumpfende „Esultate!“ des Titelhelden ist eines der gewaltigsten Entrées der Operngeschichte, Otello tritt nicht einfach auf, er sprengt alles weg was im Weg sein könnte… Und hier? Nichts. Eine Türe geht auf und eine graumäusige undefinierbare Gestalt in einer Art Nachtwächter- oder Postbotenuniform (Kostüme: Annelies Vanlaere) schleicht herein, ringt sich ein, hier irgendwie sinnfreies „Esultate“ ab und flatscht sich aufs Bett. Ja doch, liebe Fans, es ist wirklich Jonas Kaufmann; auch wenn er mit der seltsamen Haarfrisur nicht so ausschaut… Dieser Moment erweist sich leider als szenisch irgendwie richtungsweisend für den weiteren Verlauf des Abends, der ersten und mit ausgereiztem Hysteriepegel erwarteten Neuinszenierung der Saison.

Verloren im Raum: Otello (Jonas Kaufmann) und Desdemona (Anja Harteros) – Foto: Wilfried Hösl

Dabei hat Amélie Niermeyer, bislang am Haus mit einer eher belanglosen Bebilderung von Donizettis La Favorite vertreten (siehe Archiv November 2016), einen durchaus packend intensiven Theaterabend inszeniert, an dem es den drei Protagonisten immer wieder gelingt, mit faszinierender Körperlichkeit und Präsenz ein dichtmaschiges Beziehungsnetz zu flechten und dieses unter Strom zu setzen. Was wir erleben, ist eine zugespitzte Version einer Ehehölle à la Strindberg oder Tenessee Williams mit einem Gruß von Sartre; Komplexe, Lebenslügen und Traumata wohin man blickt, ungeschickte Zärtlichkeiten und unbeherrschte Aggressionen wechseln einander ab und sind in einzelnen Momenten kaum noch klar unterscheidbar. Bühnenbildner Christian Schmidt hat diese explosive Konstellation in strenge Räume geradezu eingesperrt; der etwas abgeranzte Salon des Eingangsbildes findet sich eingeschachtelt in einem größeren, in etwas dunkleren Farben gehaltenen, der dem inneren ansonsten vollkommen entspricht. Beide Räume schieben sich in einander oder von einander weg, schreiben sich optisch fort oder brechen ihre Symmetrie und sind in sich wandelbar, die Kamine sind mal links oder mal rechts, die Türen ebenso und zu den Aktbeginnen liegt derselbe Raum auch noch als 360°-Videoeinspielung über der Szene und dreht das Ganze gefühlt um die eigene Achse.

So weit, so ambitioniert und auch spannend. Die Sache hat allerdings einen gewaltigen Haken: sie paßt nicht zum Stück. Verdi und sein Librettist Arrigo Boito erzählen in ihrer Oper eine komplett andere Geschichte. Diese handelt von der grausamen wie planvollen Zerstörung des Protagonisten, teils durch die perfide Intrige Jagos, teils durch einen eigenen Hang zur Selbstzerstörung, der erst das Einfallstor für erstere öffnet. Der erste Akt schafft die Fallhöhe für den Rest des Stückes, zeigt Otello als dreifachen Sieger und Helden: als militärischen Sieger und Stürmebezwinger, dann als herrscherliche Autorität und Friedensstifter und schließlich als leidenschaftlich Liebenden. Wenn nämlicher Otello nun vom ersten Moment traumatisiert und verunsichert auftritt, ein natural born loser vom Scheitel bis zur Sohle, funktioniert die Geschichte nicht und die Intrige wird obsolet. Genau dies passiert bei Niermeyer, aus einer großen Tragödie wird eine kleingezimmerte Beziehungskiste von maximaler Beliebigkeit und ohne tragische Fallhöhe; hier agiert kein LEONE, kein Löwe von San Marco, sondern höchstens il postino, der Postbote von Venedig. Dessen Geschichte weder Shakespeare noch Verdi und Boito erzählt haben… Und auch wenn Desdemona hier deutlich mehr Präsenz auf der Bühne hat als üblich; ein irgendwie gearteter feministischer Ansatz läßt sich aus Niermeyers Regie ebenfalls nicht herauslesen. So ist diese Inszenierung am Ende des Tages eine Themaverfehlung auf hohem handwerklichen Niveau.

Davon kann im Orchestergraben keine Rede sein; im Gegenteil, hier wächst das Staatsorchester unter den magischen Händen von Kirill Petrenko noch einmal über sich hinaus und zelebriert einen Opernthriller, wie er farbenreicher, intensiver und funkelnder kaum gespielt und gestaltet werden könnte. Schon der berühmte Beginn der Oper macht gnadenlos deutlich, was hier passiert; bei mittelguten und auch bei einigen besseren Dirigenten – die mediokren übergehe ich jetzt mal – hört man zumeist einen großen Knall gefolgt von grummelndem Leerlauf bevor das Orchester zum nächsten Knalleffekt ansetzt… bei Petrenko gibt es weder Löcher noch Leerlauf, es stürmt und wütet und tobt in jedem Takt, egal ob laut oder leise oder für den Moment gar nicht gespielt wird, die unerbittlich treibende nervöse Energie der Szene bleibt immer präsent und intensiviert sich, von der großen Chorhymne „Dio, folgor della bufera“ bis hin zum „Esultate“ als Zielpunkt der gesamten Szene. Das ist Hardcore- Dirigieren, ohne dass man das Gefühl hat, einem Dressurakt beizuwohnen, das ist einfach unfassbar gut strukturiert, präzise und kraftvoll, ein lustvoller Blick in den Abgrund. Das kennt der Kulturschock aus den Aufnahmen von Toscanini und Carlos Kleiber; live erlebt hat er es zum ersten Mal. Und das ist ja erst die Introduzione! Dann geht es ja noch knapp vier Akte so weiter… Eigentlich müßte man jede einzelne Szene dieses phänomenalen Dirigates einzeln analysieren und würdigen, denn ein Ur-Erlebnis folgt in diesen zweieinhalb orchestralen Sternstunden dem anderen. Petrenko entfaltet einen schier unglaublichen Farbreichtum und hält den Klang dabei immer schlank, transparent und flexibel und verliert bei aller Detailarbeit nie den großen Spannungsbogen über die gesamte Partitur. Keine Phrase, kein Einsatz, kein Detail erklingt hier irgendwie so und ohne Grund, sondern mit größtmöglicher Stringenz und Klarheit.

Das Paar in Aktion (Foto: Wilfried Hösl)

Auch was die Besetzung angeht liefen Münchens Melomanen plus die entsprechenden Reisekader bereits im Vorfeld heiß, viel prominenter kann man einen Otello derzeit kaum besetzen und natürlich hat es Jonas Kaufmann in der Titelpartie sein müssen, darunter wollte man es nicht machen… Allerdings erweist sich Kaufmann, neben dem Regiekonzept, als der zweite heikle Punkt des Abends. Als bekannt intensiver Darsteller wirft sich der Künstler – wie gerne, sei mal dahingestellt – auch in diese Deutung und erfüllt sie szenisch mit maximaler Eindringlichkeit; dass hier eine ganze entscheidende Komponente fehlt, hat nicht er zu verantworten. Allerdings ist, im Gegensatz zur klangtechnisch entsprechend aufgehübschten DVD-Einspielung, live kaum zu überhören, dass Kaufmann einfach nicht über eine Otello-Stimme verfügt. Das baritonal angehauchte Timbre paßt soweit, doch für die großen Ausbrüche fehlt es an Durchschlagskraft, Wucht und Raserei; er teilt sich die Partie klug ein und schafft auch Momente wie „Si, pel ciel“, „Ora e per sempre Addio“ oder das „Esultate!“ irgendwie, ohne allerdings die geforderten Höhepunkte zu setzen oder sich ins Gedächtnis einzubrennen. So domestiziert wie Otello bei Niermeyer inszeniert ist, so klingt er leider bei Kaufmann, darüber können auch etliche schön herausgearbeitete lyrische Momente nicht hinwegtrösten.

Evan LeRoy Johnson (Cassio) und Gerald Finley (Iago) – Foto: Wilfried Hösl

Da ist Gerald Finley als Iago schon auf ganz anderem Level unterwegs; angesichts seiner nuancierten Gestaltung mag man kaum glauben, dass der Künstler die Partie in dieser Premierenserie zum ersten Mal überhaupt verkörpert. Gewiss hat er nicht die „klassische“ italienische Verdi-Stimme und kommt eher von Mozart und dem Zwischenfach und singt den hasserfüllten Nihilisten mit bemerkenswerter Eleganz und Klangkultur; das Böse reißt nicht die Pforte ein, sondern fließt und schleicht sich fast unmerklich in Otellos Seele… Finleys Iago hat auch nichts militärisch-zackiges an sich und wirkt in der toughen Männergesellschaft beinahe verloren. Und doch verbirgt sich hinter der freundlichen Attitüde das begriffslose, unbeherrschbare Böse, die Perfidie eines diabolischen Spaßmachers, auch ohne grell geschminktes Gesicht denkt man immer wieder an den Joker aus Batman. Ein fantastisches Rollenporträt!

Im Gegensatz zu den beiden cavalieri verfügt Anja Harteros als Desdemona über langjährige Rollenerfahrung, auch in der Münchner Vorgänger-Inszenierung war sie bereits mehrfach zu erleben. Und doch reißt eine Sängerin von ihrer überragenden Klasse nie nur eine bewährte „Masche“ ab, sondern gestaltet und erfindet die Partie mit jedem Mal neu. Die ihr von der Regie aufgetragenen zusätzlichen stummen Auftritte nutzt sie zu weiterer Profilierung des Charakters, ebenso wie es in ihrem Vortrag keinen beziehungslosen Schöngesang gibt. Im Vergleich zu früheren Desdemona-Auftritten wirkt Harteros’ Stimme gereifter, voller und auch etwas „sehniger“, was ihr in den Auseinandersetzungen mit dem verblendeten Gatten zugute kommt; gleichzeitig singt sie die verträumten „Salce“- Phrasen und das folgende Ave Maria mit derselben fast transzendenten Klarheit und Schönheit wie eh und je.

Die supporting cast ist auch diesmal wieder auf konstant gutem Niveau. Mit Evan LeRoy Johnson als Cassio gibt ein lyrischer Tenor mit Potenzial zu mehr sein Hausdebüt und überzeugt ebenso wie Galeano Salas als Rodrigo, Milan Siljanov als Montano und die eingesprungene Cristina Damian als Emilia. Lediglich Bálint Szabó fällt mit seinem hohl und reibeisenrauen Material als Lodovico deutlich ab. Ein großes Lob gebührt dem Staatsopernchor in der Einstudierung von Jörn Hinnerk Andresen, was die Damen und Herren in der Sturmszene an Power und Präzision einbringen, ist großes Kino.

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

Advertisements
This entry was posted in Oper. Bookmark the permalink.

3 Responses to Bayerische Staatsoper: “Otello” – 15.12.2018

  1. Waltraud Riegler says:

    Wie man sich täuschen kann oder vorgefasste Meinungen sind stabil: Sören Eckhoff hat mitnichten den Chor einstudiert, es war Jörn Hinnerk Andresen …………..

    • fabiusst says:

      Liebe Frau Riegler, Sie haben Recht, danke für den Hinweis! Der Grund für den Irrtum ist allerdings keine “vorgefasste Meinung”, sondern die Tatsache, dass in diversen Publikationen der BSO Sören Eckhoff angegeben ist.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s