Deutsche Oper am Rhein Duisburg: “Die Fledermaus” – 25.12.2018

Jailhouse Waltz an Rhein und Ruhr

Straußens Fledermaus, in Musikerkreisen gerne mal als “Flugratte” verballhornt, gehört zu den alljährlich durchgenudelten Spielplanklassikern zum Jahresende und -wechsel, zumeist in mehr oder weniger prähistorischen Inszenierungen von oder nach Otto Schenk mit Bühnenbildern der Kategorie “Bis dass der TÜV uns scheidet”. Und wenn sich tatsächlich mal einer erdreistet, was Anderes zu wagen, geht es in der Regel schief… Dennoch muß es alle paar Jahrzehnte dann doch sein, wenn auch der 97. Anstrich nichts mehr bringt und sich die Spaxn zum Zusammentackern der Kulissen beim besten Willen nicht weiter reindrehen lassen; dann muß eine NEUinszenierung her. Und damit fangen die Probleme an, denn es soll ja lustig sein, aber nicht blöde, modern, aber nicht zu flippig und schon mit Anspruch, aber nicht zu verkopft… Ein kaum zu lösendes Dilemma. Da gibt es nur ein Lösung: volle Kraft voraus, weg mit der Bedenkenträgerei und rein ins pralle Leben.

So in etwa verfuhr jetzt auch die Rheinoper, die ihrem Publikum nach einer gefühlten Dreiviertelewigkeit nun eine niegelnagelneue Fledermaus spendiert hat. Lustig ist sie auf jeden Fall geworden, etwas verspielt auch und auf keinen Fall zu intellektuell… Für die Regie hat man mit dem früheren Countertenor und späteren Hallenser Operndirektor Axel Köhler einen routinierten Fahrensmann verpflichtet, der das Metier kennt und weiß, was auf der Bühne funktioniert. Seine Inszenierung zeichnet sich durch rasantes Grundtempo, schrille Typen und hohe Gagdichte aus, es ist permanent was zu sehen und die Szene kennt keinen Leerlauf, allerdings auch nur wenige Atempausen. Und eine echte Idee gibt es auch: Köhler erzählt nämlich die gesamte Geschichte von der Rache einer Fledermaus als eine vom Staranwalt Dr. Falke gegen seinen Spezl, den geltungssüchtigen Duisburger Lokalpolitiker (!) Gabriel Eisenstein inszenierte Fake Story. Bereits während der Ouvertüre sieht man Falke mit dem Justizwachtmeister Frosch einen gut dotierten Deal aushandeln und erlebt, wie jener Falke einen ganzen Trupp Damen des horizontalen Gewerbes anwirbt, von denen eine mit weißem Pelzmantel und Michael Jackson-Perücke einen russischen Großinvestor namens Alex Orlovsky darstellt, der angeblich in Duisburg eine kommerzielle Weltraumbasis bauen will – Direktflüge vom König-Heinrich-Platz zum Mars. Das schafft Arbeitsplätze! Die ganze Arreststrafe ist ebenso eine Inszenierung wie das Fest und sämtliche Verkleidungen. Akt zwei und drei finden demnach in der JVA statt, mit der vollen “Belegschaft” als Ballgäste und besagten Damen als die vielzitierten “Ballett-Ratten”. Das kann man schon mal so machen und es ist, streckenweise zumindest, wirklich so abgefahren wie es sich anhört. – Jailhouse Valtz also statt Jailhouse Rock.

Ausstatter Frank Philipp Schlößmann durfte sich mal richtig austoben: zwischen zwei fast bühnenfüllenden und neckisch schräggestellten altmodischen Bilderrahmen zeigt er die Wohnung der Eisensteins als wildgewordenen Designer-Albtraum in rosa, gold und schwarz, mit Zebra- und Leopardenmustern und einer beachtlichen Kakteensammlung, dann einen Show-Palast mit Treppe und Glitzervorhang und Hunderten blinkender Lichter und schließlich das Büro der Knastleitung als vermüllte Aktenhöhle; die im zweiten Akt tatsächlich gestartete Rakete steckt nun havariert und abgestürzt Spitze voraus im Zellenblock. Auch bei den Kostümen wird in die Vollen gegriffen, schließlich muß so eine Fledermaus ja ein paar Jahrzehnte… Siehe oben. Es wird nicht gekleckert, sondern geklotzt, ständigt blinkt, blitzt und funkelt etwas oder wechselt die Farbe, Zusatzpersonal tritt auf und auch die Dialoge werden durchaus frech durchgelüftet und nehmen Klischees lustvoll auf Spitze; Adele ist kein “Stubenmadl”, sondern eine “Putze”, stilecht daneben mit Sneakern, Latexhose und Häkeljäckchen, die dem Chef als Abschiedsessen eine “Schimanski-Platte” mit Pommes Schranke aus der Kneipe holt; “Wat anderet gibbet nich, Koch is krank!”.

Leider hat Köhler zwischendrin offenbar Angst vor der eigenen Courage bekommen und seinem Konzept doch nicht vollständig vertraut; jedenfalls mischen er und die Dramaturgin Hella Bartnig die neuen immer wieder mit den altbekannten Dialogen und servieren zusätzlich noch sämtliche alten Witze und Kalauer. Dafür fehlt das Salz in der Operettensuppe, nämlich aktuelle Anspielungen und tagespolitische Sottisen, komplett. Stoff dafür hätte es ja nun wirklich gegeben. aber selbst die Monologe des Frosch plätschern ungewürzt vor sich hin und lassen alle Chancen für eine wirklich bissig-subversive Deutung liegen. Und wenn Frosch schon eine Gesangseinlage bekommt, dann wirkt das Wiener Lied “In der Kellergassn” in diesem Ambiente fehl am Platz; warum nicht “Glück auf, der Steiger kommt” oder ein rheinischer Karnevalshit?

Singdarstellerisch domibiert den Abend, nicht nur inszenierungsbedingt, Kay Stiefermann als Dr. Falke, der das Konzept trägt und mit Leben füllt. Mit eleganten, raumgreifenden Bewegungen gibt er den omnipräsenten überlegenen Spielleiter und Strippenzieher, der seinen natürlichen Charme gezielt einzusetzen weiß; seine Gegner vor Gericht dürften wenig zu lachen haben. Dass er am Schluß auch die, im Libretto eigentlich Orlovsky zugedachte. Rolle des Kunstmäzens und die entsprechenden Gesangspassagen übernimmt, ist natürlich folgerichtig. Zusätzlich bietet Stiefermann mit kernigem, aber geschmeidig fließenden “klassischen” Kavaliersbariton die beste Gesangsleistung des Abends.

Ansonsten überzeugen die Damen im Ensemble mehr als die männlichen Kollegen. Allen voran Anke Krabbe, die als Rosalinde ein frivoles, impulsives Temperamentsbündel gibt, dass es die reine Freude ist. Die Stimme perlt und glänzt mit großer Geläufigkeit in allen Lagen und vermag betörende Sinnlichkeit zu verströmen, nur im gefürchteten Csardás im zweiten Akt stößt sie deutlich an ihre Grenzen. Heidi Elisabeth Meier als Adele schien im ersten Akt ein wenig mit ihrem Outfit zu fremdeln, im geborgten Abendkleid der Chefin fühlte sie sich sichtlich wohler und sang ihre beiden Arien mit Charme und Virtuosität. Kimberley Boettger-Soller legt einen famosen Switch zwischen Pretty Woman und Oligarchen-Persiflage hin und agiert mit Spielfreude und Selbstironie. Die Stimme könnte in den unteren Lagen etwas tragfähiger sein, ist mit ihrem apart rauchigen Timbre aber perfekt für die Rolle.

Ein Wiedersehen gab es mit dem früheren DOR-Ensemblemitglied Norbert Ernst, der mit dem Eisenstein allerdings nicht unbedingt eine Paraderolle gefunden hat; durchgehend laut, aber nie lyrisch legt er die Partie im Einheitsforte hin und läßt sich (zu) viele Nuancen entgehen, etwa im berühmten “Ührchen”-Duett. Der Haustyrann übersetzte sich durchaus, der Charmeur und notorische Frauenheld weit weniger, zudem hätte es in der Trinkszene ein etwas weniger übertriebenes Lallen auch getan… Thorsten Grümbel als Gefängnisdirektor Frank beeindruckt durch eine virtuose, höchst gelenkige Suff-Choreographie zu Beginn des dritten Aktes und hat mit seiner stoisch-staubtrockenen Art die Lacher auf seiner Seite, stimmlich hätte man sich allerdings mehr Stoff vorstellen können. Ovidiu Purcel gibt als “Alfredo Lambrusco Parmiggiano” eine amüsante Karikatur des eitlen, applausgeilen (Rhein)operntenors, der als zweites berufliches Standbein noch als Fensterputzer unterwegs und keinem Seitensprung abgeneigt ist. Florian Simson gibt einen wunderbar aasigen Winkeladvokaten Dr. Blind und Wolfgang Reinbacher einen liebenswert trotteligen Frosch.

Mehr laut als raffiniert ist leider das, was den Abend über aus dem Orchestergraben (er)tönt: der gebürtige Duisburger und designierte Kieler GMD Benjamin Reiners läßt die Duisburger Philharmoniker musizieren wie einen instrumentalen Hochleistungsmotor; stark, sauber, schlagfest und präzise. Was fehlt ist das, was diese Musik eigentlich ausmacht: die kleinen Schrägheiten, der Charme, die lässig verschobenen Übergänge… Das ist alles sehr al fresco und unter permanentem Druck, mehr Dressurakt als miteinander musizieren. Sehr schade, in der Partitur steckt sehr viel mehr!

Gehabt Euch auch in 2019 wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

 

 

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