Musiktheater im Revier Gelsenkirchen: “Les pêcheurs de perles” – 27.12.2018

Welche Perlen fischt man im Ruhrpott? Spontan fällt einem natürlich das schwarze Gold ein, die Steinkohle, die in diesem Landstrich gute 150 Jahre lang aus der Erde geholt wurde, Grundlage wirtschaftlicher Prosperität und ein Mythos für die Ewigkeit; dass just am Premierentag dieser Produktion die letzte Schicht eingefahren ist und das Kapitel Steinkohlebergbau für immer beendet hat, mag Zufall sein. Und doch läßt sich ein gewisser Zusammenhang kaum leugnen; harte und gefährliche körperliche Arbeit, ein entbehrungsreiches und doch stolzes Leben und hohe Identifikation mit dem Produkt – da sind sich Taucher und Kumpel ganz nah.

Womit nun irgendwie der Bogen geschlagen ist von der Stadt der Tausend Feuer in die tropische Inselwelt des heutigen Sri Lanka, dem Schauplatz von Bizets lange kaum, zuletzt wieder öfter gespielten Oper Les pêcheurs de perles. Die krude Dreiecksgeschichte um Freundschaft, verbotene Liebe, Verrat und Entsagung vor exotischer Kulisse traf aber so was von den Nerv der Pariser Melomanen; zumal Maître Bizet dazu eine wunderbar süffige, sinnlich prickelnde und in sämtlichen symphonischen Spektralfarben funkelnde Partitur geschrieben hat, in der ein Höhepunkt den anderen jagt. Das funktioniert nach wie vor, wie die begeisterte Aufnahme im, leider nicht ganz ausverkauften, Haus in dieser zweiten Vorstellung zeigte.

Im Camp der Verdammten (Foto: Karl und Monika Forster)

Wie inszeniert man so einen Plot? Exotismus in der Kunst ist heute ja mega-out, steht sogar unter Kolonialismusverdacht… Mit Hula-Hula und Bacardi-Feeling kommt man also nicht mehr weit und entsprechend hat sich Regisseur Manuel Schmitt mächtig was vorgenommen, sichtlich bemüht, möglichst viel in diese zwei Stunden Oper hineinzupacken… Nicht nur die Geschichte der beiden Freunde Nadir und Zurga und der von beiden umworbenen, allerdings blöderweise unter Keuschheitsgelübde stehenden, Brahma-Priesterin Leila, sondern auch die verheerenden Folgen von Globalisierung, Kapitalismus und der Ausbeutung der dritten Welt zur Sicherung unseres Luxuslebens. Bereits während des Eingangschores wird die Leiche eines Tauchers geborgen, wie die folgende Zeremonie zeigt, ist dies nicht das einzige Opfer der Perlentaucherei; hier sterben Menschen für den schönen Schmuck. Das Fischerdorf des Librettos ist hier ein armseliges Camp von Glücksrittern und Arbeitssklaven, fahrbare Baracken aus Holz und Wellblech auf Stelzen, dazu eine Art Kleinstfabrik mit rauchendem Schornstein – wie Bernhard Siegl hier versucht, mit minimalistischem Ausstattungsetat ein Aleksandar Denić-Bühnenbild nachzubauen, hat schon fast was Rührendes. Halbtransparente Bahnen und Vorhänge aus schwerem Kunststoff schließen das Ganze ab und imaginieren, durchaus überzeugend gelöst, mit den entsprechenden Lichteffekten den Sturm und die Feuersbrunst; akustisch ist das Bühnenbild allerdings eher suboptimal. Warum die Arbeiter sämtlich an Gesicht, Kleidung und Körper mit blauer Farbe eingesaut sind wie nach einem Chemieunfall (Kostüme: Sophie Reble), erschließt sich nur bedingt, auch wenn die visuelle Bezugnahme zu den geschwärzten Gesichtern der Bergleute wiederum offensichtlich ist. Bewacht wird das Camp von einer hochgerüsteten Security-Einheit, die jeglichen Widerstand der Arbeiter brutal niederknüppelt, die Atmosphäre von Angst, Unterdrückung und Mißtrauen wird durchaus fühlbar, auch wenn manches Detail vielleicht ein wenig platt rüberkommt. Die verehrte Priesterin als Stimme der Gottheit ist als Zugeständnis der Ausbeuterklasse zu sehen, sie befriedigt die Sehnsucht der geknechteten Bevölkerung nach spirituellem Trost und einem höheren Wesen; Opium fürs Fischervolk sozusagen. Ob die von Bizet und seinen Librettisten Michel Carré und Eugène Cormon erzählte Geschichte das wirklich trägt, darüber läßt sich diskutieren, abwegig ist dieser Regieansatz sicher nicht. Was allerdings den gesamten Abend sehr irritiert, ist die Diskrepanz zwischen den sehr dicht, beinahe schon über-inszenierten Chorszenen und den individuellen Szenen, die so altbacken, konventionell und hilflos geraten sind, dass man es kaum glauben mag. Das kann selbst 1863 kaum altmodischer und behäbiger ausgesehen haben… Als Talentprobe und Statement ist diese Inszenierung sicher aller Ehren wert, ein großer Wurf ist sie leider nicht.

Madonnenfigur zu Land und Wasser: Dongmin Lee als Leila (Foto: Karl und Monika Forster)

Sängerisch bestätigt das MIR seinen Ruf als Talentschmiede und präsentiert mit der jungen koreanischen Sopranistin Dongmin Lee als Leila wieder einmal eine echte Entdeckung. Trotz ihrer sehr zierlichen Physis entwickelt sie starke szenische Präsenz, ihr glockenheller und flexibel geführter Sopran klingt bis in die Extremhöhe weich und abgerundet, hochmusikalisch in der Phrasierung und von schwebender Leichtigkeit auch im piano. Brava, da gibt es kaum einen Vergleich, den sie scheuen müßte! Die Rolle ihres heimlichen Geliebten Nadir ist sicherlich die sängerisch anspruchsvollste der vier Solo-Partien und hat mit dem Duett-Hit „Au fond du temple saint“ und der Romanze „Ah, je crois entendre encore“ die beiden bekanntesten Stücke der Oper zu singen; dass nahezu jeder Opernfan diese in den legendären Interpretationen von Nicolai Gedda und Alfredo Kraus im Ohr hat, macht die Sache wahrlich nicht einfacher… Stefan Cifolelli kämpft wacker um die Rolle, der sympathisch burschikos wirkende Sänger verfügt in der Mittellage über sehr schönes Material, die Technik hingegen ist ausbaufähig. Der Stimmsitz ist nicht, bzw. zu selten, wirklich in maschera, sondern zu weit hinten; die Folge sind Höhenprobleme. Die Stimme wird nach oben hin immer dünner und aspirierter, was gerade den exponiertesten Momenten der Oper viel an Wirkung nimmt. Auch der Kollege der tieferen Fraktion, Piotr Prochera als Zurga, hat mit den oberen Lagen seine Mühe, diese klingen relativ angestrengt. Dass er den emotionalen Zwiespält der Figur nur bedingt glaubhaft gestalten kann, liegt sicher auch an der Regie; ähnlich wie bei Michael Heine als Nourabad, zu dessen Rolle Schmitt leider rein gar nichts eingefallen ist. Wer dieser Mensch mit der imposanten Statur eigentlich ist – Dorfältester, Gewerkschaftsboss, Oberpriester, Faktotum? – bleibt vollkommen im Dunkeln. Gewohnt spielfreudig und engagiert zeigt sich der von Alexander Eberle einstudierte Opern- und Extrachor des MIR.

Freundschaft auf dem Prüfstand: Stefan Cifolelli (Nadir) und Piotr Prochera (Zurga) – Foto: Karl und Monika Forster

Die originale Partitur der Pêcheurs ging kurz nach der Uraufführung verloren, so dass die Oper, wenn überhaupt, lange Zeit nur in mehr oder weniger seriösen Bearbeitungen gespielt werden konnte; erst seit 2015 liegt sie in einer rekonstruierten quellenkritischen Fassung von Hugh MacDonald vor, welche selbstverständlich auch hier zum Einsatz kommt. Giuliano Betta läßt die Neue Philharmonie Westfalen richtig schön kantilenenselig schwelgen, dirigiert aber stets sehr fokussiert und akzentuiert mit feinem Gespür für den duftigen, leichten Grundcharakter der Musik.

So, Ihr Lieben, das war es jetzt aus dem Opernjahr 2018, auf ein Neues!

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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2 Responses to Musiktheater im Revier Gelsenkirchen: “Les pêcheurs de perles” – 27.12.2018

  1. V. Fröscher says:

    Ich erwarte eine Stellungnahme Ihreseits oder eine sofortige Veröffentlichung auf ihre Seite von meine Antwort!

    V. Fröscher

    Geschätzter Kritiker!

    Mit Verlaub, aber wenn Sie es sich herausnehmen, die Technik eines Sängers zu beurteilen, dann sollten Sie bitteschön auch über Gesangstechnik Bescheid wissen. Haben Sie in der Vorstellung der Perlenfischer am MiR richtig hingehört, was der Tenor, Stefan Cifolelli, da technisch machte?!

    Ich hege meinen starken Zweifel, denn Ihnen hätte auffallen sollen, dass an seiner Technik zweifelsfrei NICHT „noch technisch gearbeitet werden muss“, sondern er in seiner Arie ein gesangtechnisches Stilmittel bewusst verwendet. Seiner hervorragenden Gesangstechnik sei Dank!

    Wenn sich ein Tenor entscheidet, in der Romance des Nadir „Je crois entendre encore“ ein Decrescendo auf ein „hohes C“ zu singen, dann macht er das nicht mangels Technik. Ihm geht nicht etwa auf dem hohen Ton „die Puste aus“ – er beweist damit feinen Geschmack! Offenbar kam Ihnen, dem selbst ausgewiesenen Gesangstechnikkenner, nicht zu Ohren, dass Cifolelli im sogenannten „misto rinforzato“ jene Töne sang. Dies ermöglicht ihm ein herrliches Decrescendo sogar auf den extrem hohen Tönen, die viele Sänger (wohl auch aus Sicherheitsgründen) in „piena voce“ geben. Das Decrescendo hat bei weitem nichts mit technischem Defizit zu tun – im Gegenteil, dessen ist ein Sänger nur in der Lage, der auf eine ausgezeichnete und verlässlich Technik zugreifen kann!

    Sie referieren auf zwei hervorragende Sänger: Alfredo Kraus und Nicolai Gedda. Der Vergleich hinkt ganz gewaltig! Beide singen sie die hohen Cs in dieser Arie mit voller Stimme (piena voce). Das ist natürlich möglich, aber im Sinne der französischen Stilistik weitaus weniger raffiniert. Zumal die Sänger, die Sie als „Beweis“ zu Rate ziehen, nicht die Referenz für diese Partie darstellen. Gedda und Kraus sind zweifelsohne großartige Tenöre gewesen. Für dieses Fach allerdings ist meines Erachtens ein Alain Vazon (unter der Leitung von George Pretre) die Referenz! Hören Sie es sich mal an.

    Bevor man einem Sänger eine mangelnde Technik attestiert (was per se schon m.E. grenzwertig ist, denn die Gesangstechnik“ ist ein dubioses Geschäft), sollte man als Kritiker ausreichend Wissen über das französische Repertoire haben. So wäre Ihnen hörbar aufgefallen, was Stefan Cifolelli hier technisch überhaupt in der Lage ist zu singen bzw. wie er die Partie resp. die Arie interpretiert. Sie müssen ja seine Interpretation nicht befürworten – das sei Ihnen zugestanden. Damit aber läge man dann bei einer andere Qualität und Ebene der Musikrezension: Interpretationskritik. Und über Geschmack lässt sich ja bekanntlich vortrefflich streiten!

    • fabiusst says:

      Sehr geehrter Herr oder sehr geehrte Frau Fröscher,

      haben Sie vielen Dank für Ihr Feedback. Ich weiss nicht, ob Sie in derselben Vorstellung waren, woi Sie gesessen haben und ob Sie in einer persönlichen Beziehung zum Künstler stehen und wenn ja, in welcher (Ihr Insistieren deutet schon etwas darauf hin…).

      In der Sache werden wir eher nicht zusammenkommen, da haben Sie Ihre Meinung und ich die meine. Ich kann das zur Kenntnis nehmen und respektiere Ihre Auffassung selbstverständlich, bin allerdings zu einer grundlegend anderen Einschätzung gekommen. Ich kannte Herrn Cifolelli vorher nicht und kann logischerweise nur über den Eindruck dieses einen Abends schreiben. Dabei klang die Stimme von Herrn Cifolelli den gesamten Abend im oberen Register dünn, wackelig und wenig kontrolliert; nicht nur in der besagten Arie. Auch in der 4. Reihe Parkett hatte er einige Male Schwierigkeiten, überhaupt akustisch präsent zu bleiben. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Sänger absichtlich so singt… Und wenn dies der Fall sein sollte, fände ich das, gelinde gesagt, befremdlich.

      Um Ihre etwas süffisante Nachfrage zu beantworten: ich bin nicht nur seit fast vierzig Jahren Opern- und Stimmenliebhaber, ich habe mich auch fachlich und beruflich mit der Thematik eingehend beschäftigt, neben langjähriger Hörerfahrung war ich auch lange an Theatern und in einer Künstleragentur tätig, wobei die Sängerinnen und Sänger meine Eindrücke und Höranalysen stets zu schätzen wußten und viele das bis heute tun. Und ja, ich traue es mir zu, technische Defizite von bewußt eingesetzten Stilmitteln zu unterscheiden. Was ich nicht verstehe ist, was “grenzwertig” daran sein soll, über gesangstechnische Details zu schreiben? Worüber sollte ein Kritiker denn Ihrer Meinung nach schreiben? Zu einer fundierten Bewertung gehört das ebenso dazu wie andere Kriterien auch; etwa Stimmschönheit und -charakter, Bühnendarstellung, Ausstrahlung etc… Kriterien übrigens, wo Herr Cifolelli mich ja durchaus überzeugt hat.

      Grüße aus München,
      Fabian Stallknecht

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