Bayerische Staatsoper: “Fidelio” – 27.1.2019

O welch ein Augenblick!“ – Beethovens Fidelio in einer festspielwürdigen Wiederaufnahme

Ja, ist denn heute immer noch Weihnachten? – So mag sich in Anlehnung an einen bekannten Slogan manch ein Opernfreund gefragt haben beim Anblick dieses Besetzungszettels. Schon rein nominell eine nachgeschobene Bescherung à la bonheur und wenn es, nach konventioneller Schätzung, etwa 30 Millionen verkappte Bundestrainer in diesem Land gibt, so sind es zumindest ein paar Tausend verkappte Opernintendanten, die ganz genau wissen, wen sie in der Mannschaft, bzw. der Besetzungsliste sehen wollen… Ganz klar: wenn ich eine Besetzung für Fidelio zusammenstellen und engagieren dürfte, es wäre dieselbe, die an diesem Abend realiter auf der Bühne stand. Das läßt sich nun wirklich selten genug sagen!

Fidelio an der BSO, das ist im nunmehr neunten Jahr die bildmächtige, hochambitionierte und immer noch ebenso bewunderte wie umstrittene Inszenierung von Calixto Bieto. Das Gefängnis nicht als Ort, sondern als Zustand, als die innere und zum Großteil selbst geschaffene Unfreiheit des Menschen; eine Interpretation im Sinne eines Jean-Paul Sartre und von Bieto und der Bühnenbildnerin Rebecca Ringst in nach wie vor spektakuläre, bestechend klare und zugleich seltsam poetische Bilder übersetzt. Dem Regiekonzept entsprechend gibt es hier keine Mauern, sondern das bekannte bühnenfüllende Labyrinth aus blankem Metall und Plexiglasböden und -wänden; offen und transparent, aber zugleich auch klaustrophobisch und ausweglos. Eine der besten und spannendsten Inszenierungen im aktuellen Repertoire.

Im gläsernen Knast des Selbst (Foto: Wilfried Hösl)

Mit besonderer Spannung erwartet war natürlich Kirill Petrenko mit seinem ersten Münchner Fidelio-Dirigat. Das Werk ist heikel, auch und gerade für den Mann – oder die Frau – am Pult, gilt es doch, das ungeheute Drama, den Furor und die überschwängliche Menschheitsutopie, die larger-than-lifeDemonstration für Freiheit und Humanität, hörbar zu machen und zugleich eine dramaturgisch nicht wirklich geglückte Handlung mit ihren stilistischen Divergenzen so weit wie nur möglich zu einer musikdramatischen Einheit zu verschmelzen. Was den ersten Punkt betrifft, triumphiert Petrenko mit einer unglaublich dynamischen und spannungsgeladenen Deutung, die sich vor allem auf starke Tempokontraste und überwältigende Steigerungen stützt. Sowohl in der Leonore III-Ouvertüre, die Bieto und der Premierendirigent zur Eröffnung des Abends ausgewählt hatten, wie auch im berühmten Gefangenenchor und in der sonst oft oratorienhaft steif angegangenen Finalszene entwickelt Petrenko die Spannung aus einem sehr langsamen, extrem ausgekosteten Anfang und zieht dann Tempo und Ausdruck gewaltig an. Aber auch in vielen kontemplativen Momenten erzielt der Dirigent mit dem grandiosen Staatsorchester wunderbar innige und hochemotionale Wirkungen – „O welch ein Augenblick“ stand als Motto über dem gesamten Abend. Wenn es überhaupt etwas auszusetzen gab, dann höchstens beim zweiten Punkt; nicht immer schienen sich die orchestralen Edelsteine auch zur Kette zu fügen, manchmal dominierte die Detailarbeit etwas über den großen erzählerischen Bogen, so daß der Gesamteindruck vielleicht weniger geschlossen und harmonisch war als bei Petrenkos Dirigaten gewohnt. Aber das ist, unnötig zu erwähnen, Jammern auf allerhöchstem Niveau…!

Den Joker gezogen: Tareq Nazmi (Minister), Jonas Kaufmann (Florestan) und Anja Kampe (Leonore) im Finale – Foto: Wilfried Hösl

Absolut nichts auszusetzen, egal auf welchem Niveau, gab es bei den Sängern, abgesehen davon, dass Wolfgang Koch als Pizarro unter einer zwar nicht angesagten, aber unüberhörbaren Indisposition litt und sein prachtvoller Baßbariton in der tiefen Lage daher schmal und angeraut klang, im Laufe des Abends sang er sich allerdings immer mehr frei und war in der Kerkerszene beinahe wieder auf gewohntem Level. Dort war Anja Kampe als Leonore sowieso, als Einzige hat sie – meines Wissens – bisher sämtliche Aufführungen dieser Produktion gesungen und ist daraus auch nicht wegzudenken. Mag sein, dass die Vollhöhe und die Koloraturen der „Abscheulicher!“-Arie seinerzeit etwas sicherer und strahlender geklungen haben, aber mit ihrer unglaublichen gestalterischen Intensität, ihrem schonungslosen Körpereinsatz und ihrem farbenreichen und in jedem Augenblick emotional bewegenden Vortrag ist sie Seele und Kraftquelle dieses Fidelio. Ihren festen Platz in der glanzvollen Ahnenreihe der großen Leonoren hat Kampe seit Jahr und Tag sicher! Dagegen kehrte Jonas Kaufmann nach längerer Rollenabstinenz zum Florestan zurück und präsentierte sich in ausgezeichneter Verfassung. Die Stimme klang ausgeruht und in allen Lagen stressfrei, Phrasierung und Ausdruck überzeugten – ganz besonders im Terzett mit Leonore und Rocco – und auch den höllischen Aufstieg zum „himmlischen Reich“ meisterte er erfreulich mühelos. Nur das halbstimmig gesäuselte „Gott!“ zu Beginn seiner Arie… Das wird er sich vermutlich nicht mehr abgewöhnen und es wird immer Geschmackssache bleiben. Eine längere Sitzung in der Maske hatte Günther Groissböck für den Rocco zu absolvieren, um so grau und zottelig auszusehen, wie von der Regie gewünscht; stimmlich schöpfte er auch an diesem Abend wieder aus dem Vollen, sein opulenter und stets kultivierter Schwarzbaß klang alles andere als grau oder abgenutzt; das war Vitalität und Klangpracht pur.

Eine regelrechte Luxusbesetzung war einmal mehr Hanna-Elisabeth Müller als Marzelline; mit ihrem quellfrischen, silbrig schimmernden Sopran zeichnet die Künstlerin in ihren wenigen Szenen das faszinierende Porträt einer verliebten jungen Frau zwischen Liebeshoffnung und gesellschaftlicher Einengung. Selten hat man den so völlig desillusionierten Schluß ihrer Arie so tieftraurig und emotional gestaltet gehört wie hier durch Müller und Petrenko. Dean Power legte in die undankbare Partie des Jaquino alles, was man nur hineinlegen kann und Tareq Nazmi gab den rettenden Minister – der bei Bieto allerdings eher das Gegenteil darstellt – mit warmen, souverän fließenden Baßtönen.

Großen Anteil an einem absolut festspielwürdigen Abend hatte auch der in diesem Stück so wichtige Staatsopernchor in der Einstudierung von Stellario Fagone. Großer Jubel im – selbstverständlich ausverkauften – Rund; so darf das Opernjahr 2019 gerne weitergehen…!

Gehabt Euch wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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