BR-Symphonieorchester/ Cristian Măcelaru – 28.2.2019

„Was ist der Unterschied zwischen Hongkong und der Bayerischen Staatsoper? – Hongkong hat die Engländer schon hinter sich!“ Diesen beliebten Flach-Witz pflegte ein nicht unprominenter Countertenor englischer Herkunft gerne zu reißen, wenn er am Max-Joseph-Platz den Prinzen Orlowsky in der Fledermaus zum Besten gab; zumeist mit großem Heiterkeitserfolg. Die Engländer, das war im Münchner Musikleben ja zwischen 1993 und 2006 immer ein heißes Thema, wir erinnern uns… Zeigten sich vielleicht deshalb an diesem Abend einige Lücken im sonst üppig ausabonnierten Parkett des Herkulessaals? Kein Bock auf Brit(t)en, oder was? Denn das BR-Symphonieorchester unternahm den Sprung über den Kanal und fuhr vom Feinsten auf, was die Symphonik Albions so zu bieten hat: Britten, Elgar und Vaughn Williams; ein Programm, so englisch wie Scones & clotted cream… Und, soviel vorweg, wer dieses Konzert versäumte, durfte sich gescheit grämen.

Foto: Bayerischer Rundfunk

Bereits die ersten Takte von Brittens Four Sea Interludes aus dem Peter Grimes zeigten, wo der Hammer hängt; die klagenden hohen Tonfolgen von Streichern, Harfe und Klarinette, grundiert von wuchtigen, tiefen Akkorden der Blechbläser zogen den Hörer sofort hinein in die unheilvolle Atmosphäre des borrough, des namenlosen Fischerdorfes an der Kanalküste, wo Britten und sein Librettist Montagu Slater die Geschichte vom kantigen Außenseiter Grimes und seinem Kampf gegen Bigotterie und gesellschaftliche Ächtung erzählen. Entsprechend düster und mit großem Gespür für das Drama hinter den Noten geht Cristian Măcelaru seine Interpretation an, statt pittoresker Naturschilderung dominiert der Kampf der Elemente, auf dem Meer wie in der Psyche der Menschen. Schon hier demonstriert das Orchester seine Meisterschaft in Sachen Farbenreichtum und Tiefenschärfe, Qualitäten, die Măcelaru voll ausreizt. Das machte richtig Lust, sich die Oper mal wieder anzuhören.

Das komplette Kontrastprogramm zu Brittens Operndestillat fuhr der Dirigent dann mit Edward Elgars Cellokonzert op.85 auf; in einem seine letzten Werke setzt der Komponist sich mit seiner eigenen Krankheit und drohenden Vereinsamung, aber auch mit dem täglich wachsenden Schrecken des Ersten Weltkriegs auseinander, die Musik des notorischen Elegikers Sir Edward ist in diesem Farewell von einer geradezu hypnotischen Melancholie durchzogen, die sich nur in wenigen Passagen des Soloinstrumentes etwas lichtet. Da läuft man als Interpret schonmal Gefahr, einen Soundtrack fürs Staatsbegräbnis abzuliefern und über die subtile Schönheit der Partitur hinwegzutrauern. Măcelaru läßt den ganzen wehmütigen Zauber der Musik stattfinden, gibt ihr aber zugleich durch präzise Linienführung und eine subtile Dramaturgie zwischen Zurücknahme und Öffnung eine unwiderstehliche Dynamik, stellenweise klingt das BR-Symphonieorchester beinahe kammermusikalisch zart und transparent, die Klangfarben mischen sich wunderbar schmiegen sich förmlich an den voluminösen und vollmundigen Celloton von Alban Gerhardt. Die Sprachmächtigkeit seines Spiels ist ebenso beeindruckend wie seine Technik und der fast bruchlos homogene Klang in allen Lagen. Mit einer, ebenso beseelt wie musikantisch dargebotenen Bach-Zugabe unternahm Gerhardt den einzigen Ausflug aufs Festland; „Bach geht immer!“ wie er das Goodie augenzwinkernd ankündigte…

Große Begeisterung beim Fabius mithin schon zur Halbzeit! Und nach der Pause sollte noch eine veritable Rarität folgen; die vierte Symphonie in f-moll von Ralph Vaughn Williams hört man außerhalb der Insel so gut wie nie und ebendort auch nicht allzu häufig. Schon die Uraufführung 1935 in London hatte das Publikum nachhaltig irritiert, denn mit der bis dato von Vaughn Williams gewohnten rural-kultivierten Kuschelklassik und imperialen feelgood-Musik from the countryside hat diese Partitur nicht mehr viel zu tun. Völlig verzichtet hat er zwar nicht auf gefühlig mäandernde Lyrismen, doch über weite Strecken waltet hier eine ungleich härtere, feurige und bissige, zuweilen geradezu aggressive Klangsprache. Dass Vaughn Williams’ Vorbild Beethoven hieß, ist angesichts der formellen Struktur kaum zu überhören und auch motivisch und in der Orchestrierung finden sich etliche Anklänge vor allem an dessen fünfte und neunte Symphonie. Und doch wirkt hier vieles verzerrt, ironisiert, fast ins Skurrile übersteigert, wie etwa in den grotesken Tanzrhythmen und den karikierend ironischen Figuren der Bläser; der letzte Satz klingt schon beinahe ein wenig nach Shostakovitch. Der große enthusiastische Jubel brandete danach nicht auf, ein wenig gefremdelt hatten die Münchner denn wohl doch mit dieser Breitseite Orchestral-Anglizismus. Cristian Măcelaru möchte man gerne wieder hier erleben; die Kollegen vom WDR-Symphonieorchester – dem er ab nächster Saison als GMD vorstehen wird – können sich freuen.

Gehabt Euch wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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