Bayerische Staatsoper: “Alceste” – 26.5.2019

Es war vor über dreißig Jahren, an einem schwülheißen Abend im Juli, kurz vor Ausbruch der Theaterferien, im Düsseldorfer Haus der Deutschen Oper am Rhein. Es gab Alceste von Christoph Willibald Ritter von, der Abend bedeutete für den späteren Kulturschock tatsächlich einen solchen, ein echtes Trauma, ausgelöst durch drei Stunden konzertante – also mit ohne was zu Gucken!- grauenhaft langweilige, endlos daher mäandernde Musik. Geleitet (?) wurde das Ganze von einem so hochverdienten wie hochbetagten Maestro, der kaum noch den Taktstock unfallfrei halten konnte, in den beiden Hauptrollen entäußerten sich die schrillstimmige, penetrant distonierende Gattin besagten Maestros und ein Wagnertenor auf Abwegen, der förmlich den Staub von den Lampenfassungen brüllte. Alceste? Thema durch. Einmal und nie wieder.

Doch bekanntlich kommt es zuweilen erstens anders und zweitens als man sich so denkt und man begegnet sich zweimal im Leben, auch Alceste und der Fabius. Denn es begab sich, dass die Mär der todgeweihten altgriechischen Royals nun auch am Max-Joseph-Platz aus der Mottenkiste gekramt und auf die Staatsopernbühne gezwungen wurde. Was nun, Stehplatzkarte kaufen und noch mal „unvorgenommen“ hören? Zweite Chance? Na schööön. Und nach wiederum drei Stunden infamer Langeweile wars das jetzt definitiv. Eine dritte wird es nicht mehr geben. Das wird nichts mehr mit uns.

Antikes Stage-Diving: Charles Castronovo (Admète) und die Compagnie Eastman (Foto: Wilfried Hösl)

Wovon das (Mach)werk handelt? Admète, der thessalische König hat, warum auch immer, nicht mehr lange zu leben. Und die, bekanntlich sadistisch eingestellten, Götter des Olymp haben beschlossen, dass er weiterleben darf, falls sich jemand anderes findet, der für ihn zu sterben bereit ist. Seine ihn bedingungslos und übermenschlich liebende Gattin Alceste erklärt sich zum Selbstopfer bereit und kommuniziert das den Mächten der Unterwelt; diese fünfminütige Arie, „Divinitées de Styx“, ist die einzige musikalisch blühende Blume auf einer sonst komplett kahlen Wiese von Partitur. Eine Steilvorlage für die großen Vokaltragödinnen der Operngeschichte: Takk Kirsten, ευχαριστώ Maria, Danke Martha! Als Admète von ihrer ungeheuren Tat erfährt, ist er außer sich, ob aus Trauer oder aus Ärger, weil seine Frau es wagt, etwas eigenständig zu entscheiden, bleibt – wie alles in diesem Stück – recht vage. Dieser innereheliche Disput um Liebe, Opfer und die letzten Dinge füllt praktisch die gesamte Oper, in jeder Szene geht es um Jammer und Entsetzen, dann um Entsetzen und Jammer und dann geht es wieder von vorne los, sogar am Tor zum Hades wird noch gestritten, wer sterben, bzw. leben, will, muss oder soll. Das könnte – Zeus bewahre!- noch Stunden so weitergehen, doch dann kommt mit einem Mal Herkules um die Ecke, haut auf den nicht vorhandenen Tisch, paukt die beiden raus und zeigt der Unterwelt wo der Frosch die Locken hat… Die Götter nicken es per Orakelspruch ab und beide leben weiter. War was? Nö mit ganz großem Ö. Jedenfalls nichts außer einer sich saft- und blutlos dahinschleppenden Musik, einem auf die Dauer einschläferndem Dauer-Rezitativ mit gelegentlichen ariosen Enklaven. Irgendein zündender melodischer Einfall ist, abgesehen von genanntem Monolog, nicht auszumachen und man muss permanent an Camille Saint-Saëns denken, der über die Musik des Kollegen Max Reger gesagt haben soll „Das fängt nicht an, das hört nicht auf, das dauert nur!“. Was er zu Alceste gesagt hätte… sei der eigenen Phantasie überlassen.

Im Gegensatz zum damaligen Düsseldorf-Debakel gab es hier sogar was zum Gucken, dazu zwei nicht unprominente Sängernamen und einen nicht unspannenden und geradezu jugendlichen Dirigenten (Jahrgang 1970). Genützt hat das alles nichts, auch diesmal versank Alceste im Orkus der Langeweile.

Die Entscheidung, die szenische Gesamtleitung dem belgisch-marokkanischen Choreographen Sidi Larbi Cherkaoui zu übertragen, gab dem Abend den dramaturgischen Todesstoß. Klingt jetzt hart, ist aber so. Denn natürlich kam Cherkaoui, der bereits 2016 im Prinzregententheater Rameaus Les Indes galantes in Szene gesetzt hat, nicht alleine, sondern wieder mit seiner kompletten Truppe, der Compagnie Eastman. Eine Symbiose aus Oper und modernem Ausdruckstanz? Eine Begegnung zweier traditionsreicher Kulturen und Kunstformen, von Antike und Moderne, von Idee und Mythos? Leider nicht. Das Experiment ist auf der ganzen Linie gescheitert, beide Ebenen laufen beziehungslos und ohne ästhetischen und gestalterischen Mehrwert nebeneinander her, welche Musik dazu gespielt wird, ist völlig egal. Die Tänzer okkupieren die Bühne, die Sänger können – im Wortsinn – sehen, wo sie bleiben. Zumeist irgendwo an der Seite oder an die Wand gelehnt, degradiert zu echten Rand-Erscheinungen. Mehr ist ihnen nicht vergönnt. Ein mäßig spannendes Ballett und eine sturzlangweilige Oper ergeben auch zusammengeschustert nunmal keinen inspirierten Theaterabend. Auch die Choreographie selbst blieb über weite Strecken einfallsarm und belanglos, das Bewegungsrepertoire beschränkt sich im Wesentlichen auf fünf oder sechs stereotype Gesten und seltsam flatternde Schrittfolgen mit gelegenlichen Bodenturn-Einlagen. Daran hatte der Kulturschock sich nach zehn Minuten sattgesehen und fühlte sich an Kirchentagsgymnastik erinnert; wozu auch die im Schlabberlook gehaltenen Kostüme von Jan-Jan van Essche passen. Auch das Bühnenbild von Henrik Ahr ist bestenfalls praktisch: ein hellbeiger Kasten mit treppenartigen Podesten auf beiden Seiten und einer fahrbaren Rückwand, die als Palast- wie Jenseitstor nutzbar ist, das Ganze könnte auch ein Baumarkt ohne Regale oder ein Sektenzentrum sein. Cherkaouis Bekanntheit basiert übrigens hauptsächlich auf der Choreographie eines Videos von Beyoncé namens Apeshit; das spielt immerhin im Louvre, schaut ansonsten aber genauso aus…

Im Schattenreich: Dorothea Röschmann als Alceste (Foto: Wilfried Hösl)

Auch auf die Gefahr, dass sich das hier langsam zum Totalverriss entwickelt, auch die Musiker haben es nicht rausgehauen. Irgendwie kann man die Sänger verstehen, dass sie zum Großteil latent genervt und gelangweilt rüberkamen und vor allem bestrebt schienen, die ganze Nummer irgendwie hinter sich zu bringen. Wehmütige Erinnerungen weckt vor allem der Auftritt von Dorothea Röschmann in der Titelrolle. Erinnerungen an eine wunderschöne, schmelzreiche und sinnliche Sopranstimme. Viel ist davon leider nicht geblieben, über weite Strecken klingt sie matt und ohne Glanz, das – in dieser Rolle durchaus wichtige – tiefe Register ist unvorhanden, die Höhe oft dünn und angestrengt, nur in der Mittellage blitzt gelegentlich noch auf, was einstens war. Auch darstellerisch kam nicht wirklich viel, so dass dem Abend, abgesehen von allem anderen, auch ein singgestalterisches Zentrum fehlte. Das lieferte auch Charles Castronovo als Admète nur bedingt, der hier am Haus sehr beliebte und oft gebuchte Künstler bot zwar wie immer viel Gesangskultur und Stimmschönheit, schien mit der Rolle insgesamt aber wenig anfangen zu können und blieb somit blasser als von ihm gewohnt.

Die weiteren Partien sind eher Staffage und undankbar zu singen; den noch effektvollsten Auftritt hat Hercule, vulgo Herkules, im Schlußbild. Michael Nagy gibt den Halbgott eher hemdsärmelig als elegant und hat mit der hohen Tessitura hörbar Mühe. Daneben hatte Nagy auch die kurze Partie des Oberpriesters übernommen. Weitere Doppelrollen hatten auch Sean Michael Plumb als Herold und Apollon selbst, sowie Callum Thorpe als Stimme des Orakels und Un dieu infernal. Manuel Günther steuerte als Evandre noch ein paar Tenor-Takte bei.

Sängerischer Lichtblick huckepack: Anna El-Khashem (Foto: Wilfried Hösl)

Und schließlich gibt es noch ein als Coryphées bezeichnetes Solistenquartett, aus dessen Reihen sich ohne Vorwarnung ein kurzes, allerdings wunderschön lyrisches Sopran-Solo entfaltet. Diese raren Momente, mit sinnlich schimmernder lyrischer Intensität vorgetragen von Anna El-Khashem, waren, so hart das klingt, der einsame Höhepunkt des Abends. Hätten die Damen nicht die Plätze und Rollen tauschen können?

Bleibt noch das Staatsorchester, diesmal in einer 44köpfigen Kammerbesetzung am Start, unter der Leitung von Antonello Manacorda. Auch hier blieb der Eindruck zwiespältig: Manacorda läßt, ebenso wie der langjährige BSO-Platzhirsch in Sachen Barock und Frühklassik, Ivor Bolton, die Damen und Herren „historisch informiert“ agieren, setzt allerdings im Gegensatz zu jenem auf einen fließend-zarten und leichtfüßigen Orchesterklang ohne schroffe Tempo- und Artikulationskontraste, ein duftig-delikates Klanggewebe . Klingt natürlich alles sehr schön, erweist sich bei einer ohnehin schon eher unkonturierten Partitur ohne dramatische Akzente als zusätzliches retardierendes Moment. Da hätte der Kulturschock sich doch eine etwas handfestere Lesart gewünscht.

Meine Lieben, Ihr hättet gerne eine nettere Besprechung gelesen? Verstehe ich. Ganz ehrlich? Ich hätte auch gerne eine bessere Aufführung erlebt!

In diesem Sinne: es kann nur besser werden… Gehabt Euch bis dahin wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

Falls jemand persönliche Bekanntschaft mit Alceste schließen möchte, ist dies noch am 6., 10., 13. Juni sowie am 18. Juli möglich. Karten gibt es noch reichlich unter http://www.staatsoper.de

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