Die Bayerische Staatsoper im Juni 2019

Die Bayerische Staatsoper im Juni, das ist so eine Übergangszeit, ein spielplantechnisches Niemandsland; schließlich will die reguläre Saison noch anständig zuende gebracht werden, wo doch schon die Festspiele ante portas stehen, der planerische und künstlerische Montblanc zum krönenden Saisonfinale. Doch auch der Repertoire-Alltag muss nicht immer grau und fad sein, diesmal bescherte uns der Juni mit dem sechsten und letzten Akademiekonzert (4. Juni) und der hochkarätig besetzten Wiederaufnahme von Lucia di Lammermoor (9. Juni) sogar noch zwei potenzielle Highlights.

Für ein solches ist immer gesorgt, wenn Frank Peter Zimmermann die Bühne betritt und den Bogen ansetzt, alleine der Gedanke an seine Interpretation von Tchaikovskijs Violinkonzert unter der Leitung von Kirill Petrenko 2016 an selbiger Stätte bittet noch immer sämtliche Synapsen zum Tanz… Diesmal hatte „FPZ“, so sein Branchenkürzel, das zweite Violinkonzert von Bohuslav Martinu mitgebracht; also einen Komponisten, der in diesen Mauern sonst eher nicht gespielt wird, obwohl sein reichhaltiges Oeuvre neben sechs Symphonien, zahlreichen Instrumentalkonzerten und Kammermusik für alle Besetzungen auch sechzehn (!) Opern und vier Ballette enthält… Kennen tut man vielleicht noch die Oper Die Griechische Passion und das bewegende Orchesterstück Mahnmal für Lidice, alles andere kommt selbst dem passionierten Konzertgänger eher selten zu Ohren. Nun setzt sich Zimmermann seit einigen Jahren für die beiden Violinkonzerte Martinus ein, zwei ungleiche Schwesterwerke, die stilistisch extrem unterschiedlich sind; stand das erste in seiner Wildheit, rhythmischen Pointierung und perkussiven Effekten noch sehr stark unter dem Einfluß des jungen Stravinskij, so huldigt das zweite ungleich stärker dem Geist des romantischen Virtuosenkonzertes. Kein Wunder, denn Martinu schrieb es im amerikanischen Exil für den Old School-Virtuosen Mischa Elman und das Boston Symphony Orchestra. Dieser romantisch-schwelgerische Grundton wird aber nicht pompös abgefeiert, sondern immer wieder mit folkloristisch gefärbten Tanzrhythmen aufgelockert und gebrochen; ein hochinteressantes Werk, das viel öfter aufgeführt werden sollte. Vor allem, wenn es so farbenreich, kantabel und im besten Sinne musikantisch gespielt wird wie von FPZ; herb und maskulin im Ton, aber von gleißender Sinnlichkeit in den hohen und höchsten Lagen, mal zart und mal hart, immer wunderbar sanglich und bruchlos fließend mit einer schier unglaublichen Fülle von Klangvaleurs. So muß Geigenspiel klingen! Die Zugabe, der dritte Satz aus Béla Bartóks Violinsonate, öffnete die musikalische Schmuckschatulle noch ein ganzes Stück weiter und wurde vom atemlos lauschenden Publikum gefeiert.

Voller Einsatz für Martinu: Frank Peter Zimmermann und Dima Slobodeniouk mit dem Staatsorchester (Foto: Wilfried Hösl)

Bei Martinu hatte sich BSO-Debütant Dima Slobodeniouk am Pult weitgehend, und sehr erfolgreich, auf die Begleitfunktion beschränkt, nach der Pause schlug dann mit Stravinskijs immer-noch-Wunderwerk L’oiseau de feu die Stunde des Dirigenten. Nicht nur die Suite, das ganze Federvieh! Was Slobodeniouk auf Anhieb aus dem Staatsorchester an Klangbrillanz, Agogik und Transparenz herausholt, war bewundernswert, die hochkomplexe und vexierspielartig verschrobene Partitur erklang in satter, kühler und stolzer Farbigkeit, die Streicher in allen Lagen homogen und mächtig und die Bläser hätte man an diesem Abend bei einer Blind“verkostung“ auch am Lake Michigan lokalisieren können… Das muss man erstmal so bringen. Und doch… jetzt wird mal wieder auf ganz schön hohem Niveau gejammert, aber wo war die Exzentrik, wo die flirrende erotische Spannung, wo die lustvolle Aufsässigkeit des Stücks? Glänzten durch Abwesenheit, das muss einfach mehr sein als ein brillanter Dressurakt. Der Vogel war da, das Feuer fehlte; L’Oiseau sans feu sozusagen.

On fire: Javier Camarena (Edgardo) und Pretty Yende (Lucia) – Foto: Wilfried Hösl

Nochmal ganz andere Betriebstemperaturen wurden in Donizettis affektsatten Highländer-Drama Lucia di Lammermoor erreicht, vor allem das Protagonistenpaar setzte die Bühne geradezu in Flammen. Schon mit ihrem ersten Auftritt strahlt Pretty Yende soviel Energie und Spielfreude aus, dass sie mit ihren ersten Gängen beinahe Furchen in den Parkettboden läuft… Die Stimme mochte nicht auf Anhieb voll „da“ sein und in der Auftrittsarie „Regnava nel silenzio“ sich die eine oder andere leicht verwackelte oder unorthodox angegangene Phrase eingeschlichen haben, aber jeder Ton brennt vor Gestaltungslust und Sinnlichkeit. Yende ist eine Vollblutsängerin, die alles gibt und bereits im Duett mit Edgardo war auch die technische Sicherheit da. Die Stimme ist nicht nur dunkler im Timbre als in diesem Fach gewohnt, sondern auch opulenter und „fleischiger“, dabei aber auch im piano von starker Eindringlichkeit. In dieser auf die Premierenbesetzung Diana Damrau zugeschnittenen Inszenierung von Barbara Wysocka ist Lucia ein ungewohnt starker und selbstbewußter, dabei auch stark manipulativer, Charakter; eine Deutung, die Yende sich sichtlich zu eigen gemacht hatte und sehr suggestiv gestaltet. Nach der Wahnsinnsszene blieb der Jubel ob der Intensität noch im Halse stecken, im Anschluß brach er sich umso mehr Bahn. Brava! Gefeiert wurde auch Javier Camarena, nach den Herren Breslik, Castronovo, Beczala und Flórez der nunmehr fünfte prominente Edgardo in dieser Produktion; manchmal muss man einfach zugeben, dass die BSO eine Insel der Seligkeit im windigen Besetzungsozean ist… Und auch in dieser illustren Phalanx stellt sich der Mexikaner keineswegs hinten an, im Gegenteil. Auch wenn die Diskrepanz zwischen Camarenas eher unbeholfenem Spiel – schon das „lässige“ Aussteigen aus dem Cabrio gelang nur mit Mühe ohne Parterre-Akt – und seinem feurig-romantischen Vortrag etwas irritiert; stimmlich gehörte das mit zum Besten,was wir heuer hier an Tenorgesang haben hören dürfen. Samtummanteltes Tenormetall in voller Elastizität, strahlend, sicher und fokussiert bis in die Vollhöhe, die Spitzentöne werden leuchtraketengleich gesetzt und zugleich so harmonisch und geschmackvoll in die Gesangslinie eingebunden, dass niemals der Eindruck von Posertum oder tenoraler Eitelkeit entsteht. Lediglich im ersten Teil seiner Finalarie „Tombe degl’avi miei“ hätte der Kulturschock sich ein wenig mehr melancholisches Flair anstelle des hier praktizierten Draufgängertums gewünscht… Um nochmal auf höchstmöglichem Niveau zu jammern. Mit herrisch auftrumpfendem Empörungston gibt George Petean Lucias schurkischen Bruder Enrico, ein Bösewicht aus dem Klischeebaukasten, da bietet die Partie doch einige, hier eher ungenutzte Möglichkeiten. An Stimmgewalt und Lautstärke noch deutlich übertrumpft wurde er allerdings von Alexander Vinogradov als Raimondo; hier hatte sich offenbar Boris Godunov in die Highlands verlaufen. Das war mal „des Basses Grundgewalt“ in voller Dröhnung, die Stimme der Taiga, eine Machtdemonstration an berauhreifter Opulenz. Klang höchst imposant, Donizetti geht freilich anders. Die supporting cast mit Galeano Salas (Arturo), Dean Power (Normano) und Natalia Kututeladze (Alisa) zeigte sich auf dem Posten, während der Staatsopernchor mit einigen Gleichlaufschwankungen zu kämpfen hatte. Kein Wunder, denn am Pult waltete Antonino Fogliani. So leid es mir tut, aber der Kulturschock und er werden so bald keine Freunde, auch diesmal war sein Dirigat von vordergründig lärmender Schmissigkeit, gravierenden Abstimmungsproblemen und mangelnder Differenzierung geprägt. Schon klar, die erste Vorstellung und mit ohne Proben; aber ganz so vogelwuid sollte es trotzdem nicht aus dem Graben tönen. Als skurriler Randaspekt der Aufführung sei noch erwähnt, dass nicht nur Pretty Yende ihre eigene Garderobe mitgebracht hatte, auch Camarena kam einfach mal im schwarzen T-Shirt anstelle des von der Kostümdesignerin Julia Kornacka vorgesehenen weißen und Petean hatte offenbar mit irgendeiner übriggebliebenen Anzugjacke vorlieb nehmen müssen… Kostümabteilung, was war los bei Euch?

Gehabt Euch wohl und hört noch was Schönes.

Euer Fabius

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