Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf: “Don Giovanni” – 27.12.2019

There’s a light on Don Giovanni’s place

In einer stürmischen Nacht bei Gewitter und Regengüssen sucht ein junges Paar Zuflucht in einem einsamen schloßähnlichen Haus, wo es von einer servilen, doch leicht unheimlichen Gestalt empfangen wird… So beginnt bekanntlich der Musical-Kultfilm The Rocky Horror Picture Show von Jim Sharman und Richard O’Brien aus dem Jahr 1975. So beginnt aber auch Mozarts Don Giovanni in der Inszenierung von Karoline Gruber an der Deutschen Oper am Rhein; aus Janet und Brad werden Zerlina und Masetto, aus RiffRaff Leporello und aus dem Hausherren Frank N . Furter kein Geringerer als der Don himself. Der trägt zwar weder Mieder noch Strapse, sondern kommt eher wie der fliegende Holländer daher (Kostüme: Mechthild Seipel), stimmt nach wie vor die Champagner-Arie statt des Time Warp an und es wird auch kein Reis geworfen… doch unheimlich geht es auch in Don Giovanni’s place zu, inmitten von weißgekleideten lemurenhaften Spukgestalten finden seltsame, unverstehbare Dinge statt und nichts ist so, wie es zunächst den Anschein hat. Kein Wunder, dass Grubers Inszenierung ihrerseits sehr schnell Kult-Status erlangt hat und auch nach nunmehr sieben Jahren für ein ausverkauftes Haus sorgt.

Natürlich hat Gruber den Film nicht 1:1 auf die Opernhandlung übertragen, bei näherem Hinschauen sind die Parallelen eher oberflächlich; gemeinsam haben beide die Funktion des abgelegenen, aus der Zeit gefallenen Schlosses, die charismatische Figur des dämonischen zügellosen Hausherren und die Thematik von Zeit, Vergänglichkeit und Transformation. Die morbide Atmosphäre hat Bühnenbildner Roy Spahn sehr suggestiv eingefangen und ein düsteres, abgewohntes Hotelambiente entworfen. Das besteht aus mehreren hintereinander montierten und gegeneinander versetzten antiken Bilderrahmen; als szenische Leitmotive dienen großformatige Zwischenvorhänge, die Böcklins Gemälde Odysseus und Kalypso zeigen sowie eine Reihe dunkelbrauner Türen mit Jahreszahlen von Revolutionen und gesellschaftlichen Umbrüchen wie 1789 oder 1848 als Zimmernummern. Ein Hotel Transsylvanien, aber auch ein Hotel California: „Last thing I remember/ I was running for the door/I had to find the passage back/ to the place I was before“… Auschecken vielleicht, verlassen niemals. Auch das Geisterhotel aus Stanley Kubricks The Shining kommt einem in den Sinn. In diesem Unort mit Eigenleben haben sich neben den Geistern auch einige weitere Gäste einquartiert, die sich, ohne es zu merken, alle bereits im Bann des Hauses, seines Herrn und Dieners befinden; nach und nach verlieren sie ihre Persönlichkeit und werden Bestandteil dieses Pandämoniums, bis hin zur Scena ultima, in der alle ihre heutige Kleidung ablegen und, nun ebenfalls weiß angezogen, endgültig ins Geisterhaus einziehen. Nur Don Ottavio, Hardcore-Rationalist und Spaßbremse, der er ist, bleibt auf dem Ledersofa sitzen und zuckt resigniert mit den Schultern. Selbstaufgabe und Transformation sind nicht sein Ding. Geister und Lemuren? Geh mich doch wech, wie man in dieser Weltgegend zu sagen pflegt…

Im Banne des Don: Ottavio, Anna und Elvira (Foto: Hans Jörg Michel)

Das Sängerensemble zeigte sich trotz etlicher Umbesetzungen seit der Premiere sehr gut auf die Inszenierung eingestellt und musikalisch sehr homogen, wobei der Protagonist und die beiden Damen herausragten. Als einziger Gast schaute Adrian Sámpetrean in der Titelpartie an alter Wirkungsstätte vorbei und punktete mit der genuinen Schönheit seines geschmeidig- vollmundigen Baßbaritons, seiner Gesangskultur und szenischen Präsenz. Sámpetrean gibt einen Geist, der stets bejaht; omnipräsent, lockend und gnadenlos zugleich, Motor und Zentralgestirn seines Gruselnetzwerks. Einen reizvollen Kontrast im Timbre boten Olesya Golovneva als Donna Anna und Brigitta Kele als Donna Elvira; Golovneva mit metallisch grundiertem Höhenstrahl und der Energie einer echten Vokalfurie, Kele mit warm schimmernder Mezzofarbe in der Mittellage und sinnlichem Ausdruck, wenn auch in der Vollhöhe gelegentlich leicht angestrengt. Als starke Bühnenpersönlichkeiten sind beide aus der Produktion kaum wegzudenken.

Hinein ins Geisterhaus: Brigitta Kele als Donna Elvira (hier mit Richard Sveda als Don Giovanni) – Foto: Hans Jörg Michel

Mit ungewöhnlicher Noblesse singt Günes Gürle den Leporello; dieser ist offenbar nicht nur treuer Diener, sondern auch aufmerksamer Schüler seines Herren, ganz ohne proletarische Attitüde. Was ihm an genuiner Baßschwärze fehlt, macht er durch Leichtigkeit und differenzierte Textgestaltung absolut wett. Weniger überzeugend dagegen Jussi Myllys als Don Ottavio, dessen heller Tenor kaum einmal wirklich frei und fokussiert wirkte und in den längeren Bögen der Arie „Il mio tesoro“ sogar regelrecht leierte. Dass in der hier gespielten Prager Fassung die erste Arie entfällt, mochte der Kulturschock nicht bedauern. Das junge Paar Miriam Albano als Zerlina und Mikhail Timoshenko als Masetto passte optisch perfekt ins Regiekonzept, blieb gesanglich allerdings wenig profiliert und szenisch unbeholfen. Last but not least der unverwüstliche Hausbass und Haudegen Sami Luttinen, der dem Komtur wuchtige und apart beraureifte Baßtöne lieh.

Der frühere Wiesbadener GMD Marc Piollet am Pult war in seinen tempi eher gemütlich unterwegs und animierte die Duisburger Philharmoniker, auch an diesem Abend fünfundzwanzig Kilometer rheinabwärts im Einsatz, zu einem insgesamt soliden Auftritt, große Transparenz und orchestrale Feinarbeit waren angesichts der Probensituation kaum erwartbar gewesen.

Wer diese grandiose Inszenierung live erleben möchte, hat dazu noch am 27. Februar, 10. März, 23. und 30. Mai und 7. Juni 2020 im Duisburger Haus der Rheinoper Gelegenheit. Tickets gibt es unter www.operamrhein.de oder 0203-28362100.

Gehabt Euch wohl und hört noch was Schönes,

Euer Fabius

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