MIR Gelsenkirchen: “Věc Makropulos” – 29.12.2019

Die Sache mit der Unsterblichkeit

Janačéks „Makropulos“ als brillant-tiefgründiges Endzeit-Panorama im MIR

Dass die Unsterblichkeit nicht Jedermanns Sache ist, hat schon der alte Goethe angemerkt und der Multi-Künstler Kurt Schwitters hat das Bonmot mit Wonne verbreitet… Und wie schaut es mit Jederfrau aus? Auch hier kann es, getreu dem Highlander-Motto, nur eine geben. Makropulos, Elina Makropulos, Tochter des kaiserlichen Hofalchimisten und anno 1601 Probandin für dessen Unsterblichkeits-Elixir. Menschheits(alb)traum in flüssiger Form. Das Experiment ist, nun ja, geglückt und die Dame ist bei Curtain-up schon satte 337 Jahre in der Weltgeschichte unterwegs; damit es nicht so auffällt unter immer wieder wechselnden Identitäten, die alle die Initialen E.M. gemeinsam haben… In der Gegenwart heißt sie Emilia Marty und ist… na klar: Opernsängerin.

Eine wirklich kurios-aberwitzige Geschichte, die Leoš Janačék, der komponierende Sonderling aus Brno, da aus der gleichnamigen Komödie von Karel Čapek gemacht hat; der Dichter war übrigens not amused, sein Stück veropert zu sehen und mutmaßte gar öffentlich, der Komponist habe „nun endgültig den Verstand verloren“. Nun ja, mit dem Verstand ist das so eine Sache, denn der alleine erschließt die Genialität dieser wunderbar abgründigen und vielschichtigen Opernkreation nur bedingt; für Janačéks psychologischen Realismus ist das Sujet hingegen eine Steilvorlage.

Weg von den Spielplänen war Věc Makropulos eigentlich nie, doch erfreut sie sich seit gut zehn Jahren wachsender Beliebtheit und hat viele führende Dirigenten und Regisseure an die Pulte gelockt. Nicht jeder konnte reüssieren, denn die Anforderungen – szenisch wie musikalisch – sind nicht ohne. Das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier hat noch keine 300+ Jahre auf dem Buckel, sondern gerade mal deren sechzig – Herzlichen Glückwunsch!

Diva unter Beobachtung: Petra Schmidt (Emilia Marty), Urban Malmberg (Prus), Timothy Oliver (Vitek) und Martin Homrich (Albert) – Foto: Karl und Monika Forster

Ein großes Bravo gilt den Verantwortlichen schonmal für die Entscheidung, das Werk im tschechischen Original zu spielen; mühsam für die Sänger – allesamt keine native singers – aber bei Janačék unabdingbar. Bei kaum einem anderen Opernkomponisten ist die Balance von Musik und Sprache so eng verwoben und klanglich wie semantisch kongruent wie bei ihm. Da kommt auch auf den Dirigenten eine große Challenge zu; das lange Orchestervorspiel führt nicht nur atmosphärisch in die Klangwelt der folgenden Oper ein, sondern definiert deren Klangchiffren und Harmonien. Das kann eine suggestive, im besten Fall magische, Eröffnung sein, kann die Aufführung allerdings auch bereits in den ersten fünf Minuten ruinieren… frag nach beim letzten Münchner Premierendirigenten (siehe Archiv Oktober 2014). Umso mehr Bewunderung verdienen GMD Rasmus Baumann und seine Neue Philharmonie Westfalen für ihre sinnlich pulsierende und zugleich ungemein strukturierte Interpretation. Da entwickelt schon das Vorspiel große Leuchtkraft, und auch den Wechsel von parlandohafter Begleitung und Schwelgemomenten gelingt den ganzen Abend über ausgezeichnet, der harsche Charme und die Modernität des Orchestersatzes kommen bestens zur Geltung.

Hinter vielen Akten (k)eine Welt: Timothy Oliver (Vitek) und Petra Schmidt (Emilia Marty) – Foto: Karl und Monika Forster

Mit der jüngeren Geschichte des Hauses eng verbunden ist Regisseur Dietrich W. Hilsdorf, von der hauseigenen Öffentlichkeitsarbeit als „Regie-Legende“ angekündigt… Wer erinnert sich nicht an die leidenschaftlichen, bisweilen tumultösen, Kontroversen bei seinen Premieren der späten Achziger und frühen Neunziger Jahre? Das war legendär, in der Tat. Aus dem Enfant terrible des Musiktheaters ist inzwischen ein eher gesetzter Künstler geworden, der immer noch ungemein präzise und suggestiv zu inszenieren versteht. Auch diese Arbeit ist in ihrer bestechend klaren und bis ins Detail stimmigen Personencharakteristik schlicht meisterhaft; wie Hilsdorf es versteht, aus einer vielzahl von Details, Konstellationen, Körperschwerpunkten die Geschichte zu erzählen, beeindruckt nachhaltig, obwohl – bzw. gerade weil – er auf Äußerlichkeiten und Effekte verzichtet. Dieter Richter hat für die dankenswerterweise pausenlos gespielte Aufführung drei klar definierte und gut wechselbare Räume geschaffen: die aus aus Hunderten von Karteikästen bestehende Anwaltskanzlei des ersten Aktes fährt zum zweiten nach hinten, dreht sich und fungiert als Hinterbühne des Theaters – bei halb eingeschaltetem Saallicht – und der dritte Akt spielt in einem eleganten, aber unpersönlichen Hotelzimmer im Stil der 1920er Jahre; für diese Schauplätze darf man gerne das so vielstrapazierte Adjektiv „kafkaesk“ verwenden. Am Ende verschwindet Emilia Marty, das griechische Vaterunser rezitierend, aus der Welt, hüllt sich in den Vorhang und ist nicht mehr da… hat sie sich mit Ablauf der Elixirwirkung in Luft aufgelöst oder aus dem Fenster gestürzt? Das bleibt offen, während Krista, die junge Kollegin sich gegen heftigen Widerstand der Kerle das Rezept in den Rachen stopft und hinunterwürgt. So oder so: die Akte Makropulos ist geschlossen und die Frage nach Traum, bzw. Trauma ewigen Lebens bleibt im Raum stehen.

Für die grandiose Hauptrolle der Emilia Marty benötigt man eigentlich eine Singdarstellerin vom Format einer Denoke oder Herlitzius, woran angesichts des bescheidenen Etats in Gelsenkirchen nicht zu denken ist… Also vertraute man die Rolle der Ensemble-Sopranistin Petra Schmidt an, die sich mehr als wacker geschlagen hat. Schon aufgrund der tieferen Tessitura kommt Schmidt mit der Emilia deutlich besser zurecht als etwa mit der Tosca (siehe Archiv Januar 2016) und sie teilt sich die Rolle ökonomisch sehr klug ein und hat folglich im Schlußmonolog noch gut zuzulegen. Was zu Beginn noch etwas kurzatmig und nicht wirklich frei klang, entfaltete sich im Laufe des Abends immer mehr, gewinnt an Sicherheit und Strahlkraft.

Großartiger Cameo-Auftritt: Mario Brell als Hauk-Schendorf mit Petra Schmidt (Emilia Marty) – Foto: Karl und Monika Forster

Der Rest des Personals kreist um diesen Fixstern, die Diva einerseits erotisch begehrend, andererseits diese auch zu Recht fürchtend und nach Strich und Faden manipuliert; auch diese Ambivalenz der Charaktere hat Hilsdorf zusammen mit seinen Darstellern sehr sinnfällig herausgearbeitet. Und das hauseigene Ensemble leistet, wie so oft, Herausragendes. Martin Homrich gibt den Albert Gregor als bulligen Choleriker mit gestörter Impulskontrolle, der beim kleinsten Anlaß ausrastet und der Sängerin permanent an die Wäsche will; Homrichs kraftvoller, zuweilen greller Charaktertenor macht jeden Ausbruch mit. Sein Prozeßgegner und Rivale Jaroslav Prus wird von Urban Malmberg als eitler Haustyrann gezeichnet, hinter dessen arroganter Fassade ein larmoyanter Loser steckt; stimmlich gelingt Malmberg mit kernigem, schlank geführten Bariton die beste performance des Abends. Als sein Sohn Janek macht Khanyiso Gwenxane mit eleganter Erscheinung und schönem Tenortimbre auf sich aufmerksam. MIR-Urgestein Joachim Gabriel Maaß – der Fabius erlebte ihn erstmals fast auf den Tag genau vor 29 (!) Jahren als Leporello in Hilsdorfs Don Giovanni-Inszenierung – zeichnet den Anwalt Kolenáty als verbissenen, gnadenlosen Hardcore-Advokaten und ist stimmlich nach wie vor ungemein präsent. Sehr lebensnahe und sorgfältig ausgeformte Rollenporträts bieten auch Timothy Oliver als Kanzleigehilfe Vitek und Lina Hoffmann als seine Tochter Krista. Gerard Farreras (Bühnentechniker), Karla Bytnarova (Requisiteurin) und Rina Hirayama (Kammerzofe) runden das Ensemble ab.

Und dann, last but not least, gab es ein Wiedersehen mit dem wunderbaren Mario Brell in der Cameo-Partie des Hauk-Schendorf. Brell genießt praktisch im gesamten Theaterland NRW Kultstatus, als jahrzehntelanges Ensemblemitglied am MIR und an der Rheinoper hat er von Operette bis Tristan so ziemlich alles gesungen, wo Tenor draufstand und den unterschiedlichsten Charakteren unverwechselbares Profil gegeben. Auch mit stolzen 83 Jahren ist er ein echtes Bühnentier und beherrscht in seinen beiden kurzen Auftritten als spleenig-seniler Galan das Geschehen. Dass man ihm das Tschechischlernen erspart hatte und ihn die Rolle auf deutsch singen ließ, brachte noch einen zusätzlichen Verfremdungseffekt. Ovationen für einen großen Künstler, von dessen Art es leider nur noch ganz ganz wenige gibt.

Das war es jetzt endgültig aus dem Opernjahr 2019, möge 2020 uns weiterhin mit großer Kunst verwöhnen und seien wir gespannt darauf!

Gehabt Euch wohl und hört noch was Schönes,

Euer Fabius

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