“Wie ich den Sex erfand” – Der neue Roman von Peter Probst

Cineasten und Freunde des US-amerikanischen Autorenkinos kennen natürlich Woody Allens satirischen Aufklärungsfilm Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten aus dem Jahr 1972. Eine der großen Fragen, nämlich wer dieses weltweit mit Abstand beliebteste zwischenmenschliche Freizeitvergnügen erfunden hat, beantwortet nun der Münchner Autor Peter Probst… „Ach, Sie waren das? – Ja Dankeschön!“ möchte der Kulturschock ihm zurufen. Denn erfunden wurde der Sex – Achtung, Zufall? – in ebenjenem Jahr 1972 und zwar von einem 13jährigen Jungen namens Peter im Münchner Vorort Untermenzing; weit weg vom quirligen Schwabing, dem mondänen Bogenhausen oder dem proletarischen Giesing, dort im äußersten Westen, wo die Landeshauptstadt noch dörflich und un-weltstädtisch ist. Besagter Peter heißt mit Nachnamen Gillitzer – so hieß auch die Großmutter des Autors – und erzählt die Geschichte seiner Kindheit bis hin zu jenem titelgebenden Ereignis. Der Name verschleiert den autobiographischen Charakter der Erzählung höchstens pro forma und die Frage, wieviel Probst im Gillitzer steckt, bzw. umgekehrt, geistert im Untergrund während der gesamten Lektüre mit. Da dient der semi-fiktive Peter dem realen als Folie, aber auch als Alter Ego und erlaubt dem Autor, Reflektionsebenen einzuziehen, die man mit dreizehn Jahren eher nicht betritt. Neu ist dieser Kunstgriff nicht, erweist sich aber als dramaturgisch elegante Lösung, um das Selbst mit dem Ich spannungsvoll in Relation zu setzen.

Entscheidend ist ohnehin weniger die Frage, wer erzählt und was sich realiter genauso abgespielt haben mag, sondern die Geschichte an sich und der Stil. Bei beiden punktet Probst auf der ganzen Linie und macht durch seine augenzwinkernd-leichtfüßige Erzählweise aus einer insgesamt nichtmal so ungewöhnlichen Kindheit etwas ungemein Anregendes. Als renommierter Drehbuch- und Krimiautor schreibt er mit großer Präzision und klarem Storytelling und versteht sich darauf, die Peripetie einer Handlung auf den Punkt zu bringen und Weitschweifigkeit zu vermeiden. Mit großer Detailfreudigkeit wird hier eine genau Studie eines bürgerlich-konservativ-katholischen Milieus in einer Münchner Vorstadt gezeichnet, in der die Zeit stillzustehen scheint, Überzeugungen nicht hinterfragbar sind und Ansichten verbreitet sind, die schon dreißig Jahre zuvor veraltet waren. Im Mittelpunkt steht der Vater, als Augenarzt eine lokale Respektsperson, dessen moralischer Rigorismus und reaktionärer politischer Erz-Konservativismus dem Leser das Gruseln lehren. Mit geradezu paranoider Besessenheit wittert dieser Haustyrann in jeder abweichenden Meinung moralische Verkommenheit und kommunistische Umtriebe, überall sieht er „Rote“ – politisch, nicht fußballerisch gemeint – am Werk und gibt seinem Sohn zur „Vorbereitung“ auf dessen erste Party ein Lehrbuch über bösartige Haut- und Geschlechtskrankheiten zur Ansicht… Immer wieder ist man als Leser froh, diesen Menschen nicht kennengelernt zu haben. Es ist eine räumlich wie geistig enge, kaltherzige Welt, geprägt vom unerschütterlichen Glauben an die katholische Kirche und ihre Rituale – natürlich ministriert Peter jeden Sonntag – und an die regierende politische Kraft der CSU und ihres großen Vorsitzenden, mit dessen großformatigem Plakat-Konterfei über dem Bett Peter immer wieder Don Camillo-hafte Verständigungsdialoge hält. Und doch führt Probst keine Anklage, der Roman ist frei von Verbitterung oder Selbstmitleid, gegen Ende enthüllt auch der Vater Seiten seiner Persönlichkeit, die das Bild ein wenig abrunden und es weicher machen. Auch die Determinismus-Falle, die solche Coming-of-Age-Geschichten häufig so peinlich macht, umgeht der Autor stilsicher; die Kindheitserlebnisse bleiben solche und werden weder altklug kommentiert noch mit bedeutungsschwangerem Pathos überfrachtet. Im Gegenteil; gerade in diesbezüglich heiklen Momenten wird die Sache so trocken lakonisch runtergebrochen, dass man sich an Nick Hornby erinnert fühlt.

Mit Wie ich den Sex erfand ist Peter Probst ein elegantes und anregendes Lesevergnügen gelungen, eine humorvolle und sehr persönliche Erzählung über das Heranwachsen mit all seinen Ausbrüchen, Fantasien, Trugbildern, kleinen Triumphen und Niederlagen, Erfahrungen und Peinlichkeiten. Manches kennt man aus der eigenen Biographie, anderes läßt sich zumindest gut nachempfinden. Dass all das, wie jede gute Komödie, auch das Potenzial zum Tragischen in sich hat, macht das Buch noch spannender. Es endet übrigens – soviel sei verraten – mit einem doppelten Erweckungserlebnis, denn dem „ersten Mal“ geht die Erfahrung des Olympia-Attentates vom 5. September 1972 voraus. Ende der Unschuld.

Gehabt Euch wohl und lest noch was Schönes,

Euer Fabius

Peter Probst “Wie ich den Sex erfand” Kunstmann Verlag München, 2020, 294 Seiten

http://www.kunstmann.de

http://www.peter-probst.de

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