Schloß Nymphenburg: Konzert der Kulturen – 7.2.2019

Wenn sich syrische und afghanische Klänge mit französischen Chanson-Klassikern und deutsch-romantischen Opernarien zu einem Konzertprogramm verbinden, dann weiss mittlerweile wohl jeder, was es es geschlagen hat; nämlich dass man in einer Veranstaltung der Mezzosopranistin Cornelia Lanz und ihrem, vor kurzem in Zukunft Kultur umbenannten, Ensemble sitzt. Und wenn so ein Konzert der Kulturen auch noch im feudalen Biedermeier-Ambiente des Hubertussaales in Schloß Nymphenburg stattfindet und dieser sich mit ungewohntem Instrumentarium füllt, sind schon von vornherein kreative Reibungsenergien zu erhoffen…

Bisher waren es in erster Linie Opernproduktionen, in denen klassische Hörgewohnheiten und Inszenierungstopoi durch die Auftritte geflüchteter Künstler ergänzt und durchbrochen wurden. Mit diesem Abend gingen die Macher, neben Zukunft Kultur auch das Deutsche Forum für Musik- und Theaterkultur e.V. und StudentInnen der Kulturwissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität, noch einen Schritt weiter, indem die Opernarien nicht mehr die maßgebliche Bezugsgröße, sondern eine – dramaturgisch gleichberechtigte – Komponente bilden. Dass sich diese, sei es Fatimas „Arabien, mein Heimatland“ aus Oberon oder Rossinis L’Italiana in Algeri, auf melodramatische oder humorvolle – in jedem Fall aber eurozentristische – Weise mit dem Thema Exotismus und Migration beschäftigen, rückt beide Programmsphären bis zur Verschmelzung zusammen.

Foto: Julia Dreisbach

Durchgehend präsent ist ein Instrumentalensemble aus fünf klassischen Streichinstrumenten, gebildet aus Musikern des Gärtnerplatztheaters, allen voran Konzertmeister Albert Ginthör. Gärtnerplatz-Kapellmeister Andreas Kowalewitz besetzt nicht nur am Piano die musikalische Schaltzentrale des Abends, sondern hat auch die kunstvollen und farbenreichen Arrangements geschaffen, in denen die traditionell westlichen und die orientalischen Instrumente Oud und Tabla zu einem erstaunlich homogenen Orchestersatz zusammengeführt werden, in Sachen Harmonien, Tonarten und Klangfarbe ein spannendes und durchweg geglücktes Experiment, zumal alle Beteiligten wie Herzblut und Virtuosität bei der Sache sind.

Unter dem Titel „Sehnsucht. Musik. Ankunft.“ wird ein breites Spektrum an Emotionen und Gedankenwelten formuliert; Flucht und Vertreibung sind zwar auch Thema, vor allem aber stehen Sehnsüchte und Phantasien aller Art im Vordergrund, die Frage nach Herkunft und Zukunft, der Verortung im geographischen wie im seelischen. Nimmt man dies zum Leitfaden durch den Abend, löst sich mancher stilistische Kontrast fast von selbst; ein irreal-todessehnsüchtiger Dialog wie in Schuberts „Der Leiermann“ kann auch dort stattfinden, wo kein Schnee liegt… Hier hören wir ihn entsprechend zweimal, erst über Streicherbegleitung in persischer Sprache rezitiert von Pouya Raufyan und dann gesungen von Cornelia Lanz. Auffallend ist den ganzen Abend, dass in den orientalischen Liedern Musik und Text für unsere europäischen Ohren nur selten wirklich korrelieren, oftmals und gerade in den selbst komponierten Liedern von Pouya Raufyan, bilden Texte um Heimweh und Zukunftsangst einen erstaunlichen Kontrast zur vitalen und kraftvollen Musik. In jeder Hinsicht zählten seine Auftritte zu den Höhepunkten des Abends, Musik und performance, die richtig ins Blut gehen. Aber auch die anderen Künstlerinnen und Künstler stehen dem nicht nach, so brennt etwa Abathar Kmash auf der Oud – einer arabischen Kurzhals-Laute – ein wahres Feuerwerk an tänzerischen Rhythmen und gefühlvollen Kadenzen ab und liefert sich mit dem Streichquintett immer wieder geistreich inspirierte Dialoge. Mit unwiderstehlichem Charme und gefühlvollem Vortrag begeistern die beiden, dem regelmäßigen Besucher der Zukunft Kultur-Produktionen bereits bestens bekannten syrischen Schwestern Walaa und Wissam Kanaieh, sowohl im Duett „Aatini al nay“ nach Khalil Gibran als auch solistisch und Liedern von Enrico Macias in französischer und spanischer Sprache.

Die zentrale Rolle des Abend nahm – bei aller künstlerischen Geschlossenheit – einmal mehr Cornelia Lanz ein, auch wenn sie die Zahl ihrer Gesangsauftritte aufgrund eines noch nicht ganz ausgeheilten Infektes kurzfristig etwas reduzieren musste und leider auf die Schwergewichte Verdi und Wagner verzichtete… Mit Weber und Rossini sowie dem erwähnten, ebenso todes- wie schönheitstrunkenen Leiermann war sie auf der sicheren Seite, mit Mezzoglut und Bühnentemperament wickelt sie das Publikum um jeden Finger einzeln. Zusätzlich hatte sie auch die Confèrence überbommen und führte durch den Abend, Kurzinterviews mit den Mitwirkenden eingeschlossen. Dass sich zum krönenden Abschluß alle MusikerInnen, der Badida-Chor der Musikpädagogik an der LMU und auch zumindest ein Teil des Publiukums zum Vortrag des tunesischen Liedes „Lamouni li rarou mini“ (Die Beider haben mich beschuldigt) vereinigten, hatte zwar einen leicht erlebnispädagogischen Touch, rundete das im besten Sinne multikulturelle Konzept aber nochmal stimmungsvoll ab.

Vom großen Geiger Gidon Kremer stammt der Ausspruch „Ein Musiker ist nur dann faszinierend, wenn ich nach zehn Sekunden vergessen habe, welches Instrument er spielt“. Diese Forderung wurde den ganzen, beinahe drei Stunden langen Abend umgesetzt; man hatte keine Nationen oder Instrumente erlebt, sondern schlicht und einfach Musik und Emotion. Mehr geht nicht.

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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