Auf DVD: “Otello” aus dem Royal Opera House bei Sony Classical

„Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen“ heißt ein berühmtes Zitat aus dem dritten Akt von Schillers Die Verschwörung des Fiesco zu Genua. Das Stück kennt heute vermutlich keiner mehr, aber das Zitat ist immer ein schöner Aufhänger wenn es um Otello geht; sei es Shakespeare oder Verdi. Und Verdi hat die „Schuldigkeit“, die Anforderung an seinen Protagonisten in höchstmögliche Regionen gelegt; nicht umsonst spricht der Mohr des Tages Jonas Kaufmann im mitgelieferten Making of von einem „Mount Everest des Tenorgesanges“… Allerdings. Und da gleich den Erstversuch abfilmen und vermarkten zu lassen, anstatt die ungeheure Partie erstmal in der einen oder anderen Inszenierung zu singen und reifen zu lassen; das zeugt schon von gehöriger Chuzpe.

Für alle, die letztes Jahr an der Themse nicht persönlich dabeisein konnten, gibt’s nun den von Sony Classical produzierten Live-Mitschnitt auf zwei Silberscheiben in Bild und Ton. Wobei man auf ersteres auch gut und gern hätte verzichten können, denn Regisseur Keith Warner hat zum Werk und den darin verhandelten Affekten wenig, um nicht zu sagen nichts, zu erzählen. Die optische Komponente des Abends beschränkte sich auf das elegant-praktikable Bühnenbild von Boris Kudlička, schwarze bühnenhohe und gelegentlich schießschartenartig durchbrochene Wände, die sich munter gegeneinander verschieben und variable Raumeindrücke schaffen. Beliebig und nett schaut das aus; im Gegensatz zu den diffus historisierenden und nichtssagenden Kostümen von Kaspar Glaner. Vor und zwischen den Wänden hat Warner die Handlung bieder arrangiert, langweiliges Stehtheater mit gelegentlichen unmotivierten Hüpf-Einlagen des Chores, dazu hantiert Jago zuweilen mit einer weißen und einer schwarzen Theatermaske… Mehr ist nicht geboten.

Bekanntlich gehört Antonio Pappano zu den von mir hochgeschätzten Maestri, ein echter Operndirigent, der Sänger tragen, inspirieren und befeuern kann, der Partituren zum Singen bringt und für jeden Komponisten die adäquate Farbgebung und Stilistik findet. Qualitäten, von denen man auch in diesem Mitschnitt vieles wiederfindet, die Tempi sind stimmig und in sinnstiftender Balance, die Sängerbegleitung ist gewohnt sensibel, der Klang hat, soweit sich dies medial aufgezeichnet sagen läßt, Wärme, Leichtigkeit und Fülle. Dennoch überzeugt mich dieses Otello-Dirigat nicht zur Gänze; bereits den einleitenden Sturm hat man schon gewaltiger, aufwühlender, existenzieller dirigiert gehört und auch im weiteren Verlauf des Abends dominiert der Schönklang zuweilen über die Wildheit und Kühnheit der Komposition und der Dirigent verfällt ein wenig in den Begleitmodus, ein paar Zwischentöne und Doppelbödigkeiten mehr sind vorstellbar und wären nice to have gewesen…

Und, hat der Mohr – auch wenn er hier naturbelassen und ungeschwärzt auftritt – seine Schuldigkeit getan? Nun, fürs erste definitiv! Die Einschränkung muss man machen, denn niemand wird diese Rolle im ersten Anlauf wirklich füllen, selbst ein Jonas Kaufmann befindet sich noch auf dem Weg zum Otello, wenn auch auf einem sehr guten. Das baritonale, bronzefarbene Timbre – in anderen Rollen seines Repertoires zuweilen gewöhnungsbedürftig – passt für Otello bestens, das vokale Farbspektrum und die nach wie vor intakte lyrische Linienführung sind auch hier seine Trumpfkarten. Über die archaische, trompetenhaft strahlende Durchschlagskraft für Momente wie „Ora e per sempre Addio“ und „Si, pel ciel marmoreo giuro“, das berühmte „Esultate!“ nicht zu vergessen, verfügt Kaufmann nicht; aber das tut seit Johan Botha derzeit niemand mehr. Was Kaufmann, auch darstellerisch, noch abgeht, ist die provozierende Aura des Andersartigen, das erratische Moment, die undomestizierbare Kraft dieses gebrochenen Helden. Hier trägt selbstredend die unvorhandene Regie große Mitschuld, dass er, mangels stringenter Personenführung, immer wieder in den Musterkoffer der tenoralen Standardgesten greift… Dafür setzt der Künstler an anderen Stellen Glanzpunkte, etwa in der Sterbeszene: die aufsteigende Linie des „O Gloria!“ verströmt nochmal allen sinnlich-luziden Tenorstrahl, bevor mit dem „Otello fu“ alles in einem einzigen Moment in sich zusammenstürzt. Ein Abgesang auf den Heldenleben in neun Takten, ein magischer Augenblick.

Die Desdemona von Maria Agresta hat rein gesanglich alles zu bieten, was die Rolle erfordert: ein technisch gut geführter leichtgängiger Sopran mit sicherer glockenheller Höhe und famoser Pianokultur. Nur jener bewegende Herzenston und melancholisch sinnliche Zauber, den eine Freni, eine Ricciarelli, eine Tomowa-Sintow oder Harteros in dieser Rolle entfaltet haben, will sich hier (noch) nicht einstellen. Der neuerdings gerne gebuchte kanadische Tenor Frédéric Antoun gibt einen schönstimmigen, wenn auch darstellerisch sehr passiven, fast schon phlegmatisch wirkenden Cassio, von den kleineren Partien macht In Sung Sim als Lodovico mit warm timbriertem, schön strömendem Bass auf sich aufmerksam, während Kai Rüütel (Emilia), Thomas Atkins (Roderigo) und Simon Shibambu (Montano) sehr im Hintergrund bleiben.

Leider gibt es noch eine weitere Hauptrolle in diesem Stück: Jago. Der ist keine supporting cast, sondern als dämonischer Gegenspieler und psychologische Komplementärfigur zur Titelrolle; eine schlechte Besetzung der Partie ruiniert die gesamte Aufführung. Und ein schlechterer Jago als der von Marco Vratogna dürfte kaum je den Weg auf runde Scheiben, seien es schwarze oder silberne, gefunden haben. Darstellerisch blass, hölzern und absolut unbedrohlich und stimmlich farb- und modulationsarm bleibt Vratogna der Rolle nahezu alles schuldig, statt einer saftigen, glutvollen Verdi-Stimme hört man eine Art heiseren, beengten Sprechgesang mit mühsam herausgestemmten Höhen; Highlights wie die Traumerzählung oder das Credo verpuffen wirkungslos und reißen riesige Spannungslücken in den Handlungsverlauf. Wie hat der sonst so sachkundigen Castingabteilung der Royal Opera ein solch spielentscheidender Fehlgriff unterlaufen können?!

Man hätte Jonas Kaufmann für sein Rollendebüt wirklich ein weniger mediokres Umfeld gewünscht. Im Herbst gibt es übrigens einen neuen Otello an der Bayerischen Staatsoper; wiederum mit Kaufmann, dazu Anja Harteros und Gerald Finley, am Pult Kirill Petrenko himself… Hey Sony Classical, hättet Ihr das nicht abwarten können?

Gehabt Euch wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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Bayerische Staatsoper: “Z mrtvého domu” – 21.5.2018

„In jeder Kreatur ein Funke Gottes!“ – So geht’s schonmal los. Jenes Motto hat kein Geringerer als Fjodor Michailowitsch Dostojewskij seiner Erzählung Aus einem Totenhaus vorangestellt… Und der Gute wußte, wovon er schrieb, schließlich war er selbst für vier Jahre Insasse einer Katorga, eines sibirischen Strafgefangenenlagers – der im Westen verbreitetere Begriff Gulag stammt aus stalinistischer Zeit – und musste am eigenen Leib erfahren, was das mit dem Menschen macht. Leos Janačék, der kompositorische Sonderling aus Brno, schrieb seine gleichnamige Oper zwar am gemütlichen Schreibtisch, hat aber Dostojewskijs der brutalen Wirklichkeit abgetrotzte Erzählung dennoch kongenial und bewegend in Musik gesetzt. In jeder Kreatur ein Funke Gottes? In JEDER? In Mördern, Totschlägern, Räubern, Verrätern? Ja, denn der humanistische Anspruch und die Botschaft sind allgemeingültig und nicht relativierbar. Das Totenhaus ist ein Bekenntniswerk erster Ordnung.

Als solches ist es leider mehr als aktuell und sollte europaweit auf den Spielplänen stehen… Ist natürlich nicht. Denn nicht nur der Titel törnt den Melomanen ab, als Oper im landläufigen Sinn ist das Stück geradezu eine Zumutung, in der alles fehlt, was der Opernfan sich so wünscht: keine Liebe, keine Intrigen, keine Helden oder Schurken, keine Identifikationsangebote, nirgends nicht. Es gibt nichtmal eine im dramaturgischen Sinne stringente oder nacherzählbare Handlung, sondern nur atmosphärische Zustände, Schilderungen und dramaturgische wie biographische Bruchstücke. Da sind zum einen die Figur des Gorjančikov, mit dessen Einlieferung im Lager die Oper beginnt und mit dessen Entlassung als Justizirrtum sie endet, sowie drei Monologe, die der Erzählung eine gewisse Struktur verleihen; die tragischen und brutalen Lebensgeschichten entwurzelter Kerle: des dem Wahnsinn nahen Skuratov, des vor Skrupeln und Gewissensbissen zerrissenen Filka Morozov und des rachsüchtigen Šiškov. Dass letzterer mit seinem Hassobjekt, ebenjenem Filka, unter falschem Namen lange Zeit im selben Lager untergebracht war, erfährt Šiškov allerdings erst als es zu spät und Filka bereits tot ist. Eine grausame Ironie des Schicksals, die für dieses Stück so charakteristisch ist. Es wird nicht moralisiert und nicht geschönt, das ist die volle Breitseite Schrecken und Verzweiflung. Die Ästhetik ist düster, die Musik hart und kantig.

Unort im Nirgendwo: Aleksandar Denićs Katorga (Foto: Wilfried Hösl)

Wie kann und soll man das inszenieren? Eine zu detailrealistische Darstellung führt rasch an die Grenze des auf der Bühne Darstellbaren und birgt das Risiko, ins Gegenteil umzukippen, wenn wohlgenährte Opernsänger auf Der Menschheit ganzes Elend machen. Eine zu stark stilisierte Inszenierung dagegen brächte einen Ästhetizismus hinein, welcher dem Drama ebenso unangemessen wäre… Regie-Dilemma à la bonheur! Mit Frank Castorf war der richtige Mann für das Projekt gefunden; jener hat bereits als Intendant der Berliner Volksbühne alle großen Dostojewskij-Romane in eigenen, teils stundenlangen, Theater-Adaptionen auf die Bühne gewuchtet und ist mit der Gedankenwelt, den Charakteren und dem radikalhumanistischen Ansatz des Autors bestens vertraut, der Regisseur ist beinahe schon so etwas wie ein Alter Ego des Dichters mit seiner dramatisch kraftvollen Sprache, seiner messerscharfen Charakterzeichnung und seiner ganz eigentümlichen Mischung aus Spiritualität, Absudität und grimmiger Ironie.

Und Castorf hat – den größtenteils mäkeligen Kommentaren der Münchner Großkritiker zum Trotz – durchaus geliefert und einen packenden Theaterabend inszeniert. Kein pathetisches Oh Mensch!-Drama, sondern eine überraschend leichtfüßig und virtuos erzählte Parabel über menschliche Abgründe. Die Katorga ist bei Castorf und seinem wieder einmal grandiosen Bühnenbildner Aleksandar Denić kein Lager, wie wir uns das vorstellen, sondern ein abgeranzter Unort irgendwo im Nichts, ein verschachtelter Holzbau, ein Konglomerat aus Baustilen und Assoziationen, bis auf ein kurzes Stück Ausschwitz-Zaun frei von platter KZ-Metaphorik – selbiges gilt auch für die Kostüme von Adriana Braga Peretzki – und atmosphärisch eher Gorkis Nachtasyl herbeizitierend. Wachpersonal und Uniformen sind da, aber eher im Hintergrund, die unerträgliche Enge wird durch den Raum erzeugt und die Hölle, das sind – wie könnte es anders sein? – die anderen. Die Katastrophe sind wir alle.

Alltag zum Irrewerden: Morozov (Aleš Briscain), Aleja (Evgenyia Sotnikova) und Skuratov (Charles Workman) – Foto: Wilfried Hösl

Wie bei Denić nicht anders gewohnt, gibt es ungeheuer viel zu sehen. Der Bühnenaufbau ist wiederum eine schier wahnwitzige Melange unterschiedlichster architektonischer Elemente, neben dem erwähnten Zaun gibt es klaustrophobische Innenräume, Zwiebeltürme, ein Scheunentor, die nachgebildeten Hasenställe aus Trotzkis mexikanischem Exil und eine sich traurig im Wind drehende Leuchtreklame für Pepsi Cola in kyrillischer Schrift… Das Ganze dreht sich selbstredend regelmäßig um die eigene Achse, um jeden Winkel dieses riesigen Abenteuerspielplatzes einsehbar zu machen und am Ende rieselt auch noch der Schnee auf die Szenerie hinab; so perfekt verkitscht, dass es fast zum Heulen ist. Nicht fehlen dürfen natürlich auch die beiden großen Leinwände, über die der Zuschauer zudem noch mit verwackelten schwarz-weißen Live-Bildern von der Rückseite der Bühne (Video: Andreas Deinert und Jens Crull) und Texteinblendungen versorgt wird… Letztere stammen größtenteils aus Dostojewskijs Roman Die Dämonen. Ja, natürlich hat man das alles bei Castorf und Denić so oder ähnlich schonmal gesehen, nicht zuletzt im Bayreuther Ring. Aber eben doch nicht ganz so, immer wieder flicht Castorf mehr oder minder subtile Anspielungen und Assoziationen ein und kombiniert die Versatzstücke seines erzähl- und zitierwütigen Theaterbaukastens wieder neu.

Gespannt war der Kulturschock natürlich, ob die berühmten, für manche eher berüchtigten, Krokodile vielleicht auch den Weg vom Alexanderplatz in die Taiga gefunden haben… Haben sie nicht. Keine Krokodile. Dafür taucht der revuehafte Paradiesvogel, der in Bayreuth Siegi den Weg gewiesen hat, wieder auf; die Verschmelzung des jüngsten Lagerinsassen, des sensiblen Aleja mit dem Adler, der im Text wiederholt bedeutungsschwanger erwähnt wird, zu einer gefiederten Fabelgestalt ist ein echter Castorf: schrill, auf den ersten Blick plump, aber irgendwie doch genial.

Musikalisch? Bekanntlich bin ich noch nie ein Fan von Simone Young gewesen, doch diesmal gelang der früheren Hamburger Musikdirektorin ihre mit Abstand beste Einstudierung am Pult des Staatsorchesters; oder sollte man besser sagen: ihre erste wirklich überzeugende? Die Schroffheit der Instrumentierung, der rohe, ungeschönte Klang und die mäandernde Struktur der Musik übersetzten sich nachdrücklich. Dabei bleibt die Musik immer im Fluß, fügt sich in ihrer Kleinteiligkeit bestens mit der Szene zusammen; eine in sich schlüssige Interpretation der Partitur. Auch in Sachen Lautstärke zeigte sich Young diesmal erfreulich differenziert.

Mitten im Geschehen: Bo Skovhus als Šiškov (Foto: Wilfried Hösl)

Sängerisch ist das Totenhaus auf ganzer Linie ein Ensemblestück, solistisch zu glänzen ist hier nicht nur schwierig, sondern auch nicht wirklich gewünscht. Das schaffen, zumindest episodenweise, die Interpreten der besagten Monologe, die aus dem Kollektiv heraustreten und gestalterische Anker setzen können. Besonders eindrucksvoll gelingt das dem wie stets famosen Bo Skovhus als Šiškov, dessen später Auftritt das Stück noch einmal in Gang setzt, als es eigentlich schon fast zuende ist. Die herben, drohenden Klangfarben, die dieser so unglaublich wandlungsfähige Künstler seinem virilen und sonst so einschmeichelnden Bariton beimischt, sind ebenso eindringlich und fast beängstigend wie seine konzentriertes und prägnantes Spiel. Stark auch die beiden Tenöre: Charles Workman als Skuratov schraubt sich virtuos in die Höhenlage, den überreizten und labilen Charakter durch kippende Intervalle und mühelose, zuweilen leicht grelle Spitzentöne unterstreichend und Aleš Briscein findet für die Gewissensnöte des Filka Morozov baritonal eingefärbte und doch leuchtkräftige Klangvaleurs. Zweifellos ist der aus dem tschechischen Liberec stammende Sänger auf dem besten Weg in die erste Liga der Zwischenfach-Tenöre. Peter Rose gibt den Gorjančikov fast stoisch in sich ruhend und strahlt mit sonorem, etwas angerauten Bass auch stimmlich Autorität aus. Die einzige weibliche Stimme unter den Hauptrollen gehört Evgeniya Sotnikova als Aleja, ein auch stimmlich reizvoller und suggestiver Kontrast.

Das Staatsopernensemble ist, abgesehen von Niamh O’Sullivan als Dirne hier selbstredend ausschließlich mit dessen männlichen Vertretern am Start, diese allerdings auch in nahezu voller „Kompagniestärke“: Manuel Günther (Großer Sträfling), Tim Kuypers (Kleiner Sträfling), Ulrich Reß (Alter Sträfling), Christian Rieger (Kommandant), Johannes Kammler (Čekunov), Galeano Salas (Netrunkener), Boris Prýgl (Koch), Alexander Milev (Schmied), Peter Lobert (Pope), Callum Thorpe (Don Juan), Matthew Grills (Kedril), Kevin Conners (Šapkin) und Dean Power (Čerevin).

Von vereinzelten vorzeitigen Aufbrüchen abgesehen folgte das Publikum den knapp anderthalb pausenlosen Stunden im Straflager konzentriert und diszipliniert. Am Ende echauffierte sich ein Buh-Solist laut und ausdauernd in Richtung Regieteam, der Rest des Auditoriums applaudierte einhellig. Ist ja auch kein Stück, bei dem man nach dem letzten Ton befreit losjubelt…

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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Hofspielhaus München: “Orfeo – Eine transkulturelle Oper” – 17.4.2018

Blick zurück im Schmerz

Zuflucht Kultur läßt Orpheus nach Syrien reisen

Drah Di net um, schau schau, der Kommissar geht um… hieß ein bekannter Titel des österreichischen Kult-Barden Falco. Mit dem antiken Kult-Barden Orpheus ist es ganz ähnlich; zwar darf er die ehernen Gesetze der Existenz brechen und seine geliebte Gattin aus dem Totenreich zurück ins Leben holen; eben weil er die Mächte der Unterwelt mit seinem überirdischen Gesang um den Finger gewickelt hat… An der Bedingung, sie auf der Reise zwischen den Welten keines Blickes zu würdigen und sich „net umzudrahn“, scheitert er freilich; Blick zurück, Eurydike futsch, alles auf Anfang. Für einen Platz unter den Grundmythen der Menschheit hat es allemal gereicht und seine Geschichte von der Kraft der Liebe, des Mutes, der Kunst und von der Unzulänglichkeit ist in Musik, Literatur und Kunst unzählige Male erzählt worden.

Nun ist eine weitere Version dazugekommen, auf die Bühne (?) des Münchner Hofspielhauses gebracht vom Ensemble Zuflucht Kultur e.V. Von edler Einfalt, stiller Größe und arkadischen Gefilden handelt dieser Orfeo gar nicht, vielmehr steht der Kampf von Liebe und Kunst gegen Hass und Verblendung im Mittelpunkt. Wie in allen Produktionen von Zuflucht Kultur e.V. performen europäische Musiker und Darsteller mit geflüchteten Künstlern, deren Geschichten und Lieder sich wie eine zweite Schicht zwischen die bekannten Werke schieben und diese reflektieren. Nach den Mozart-Opern Così fan tutte, Zaide und Idomeneo sowie Bizets Carmen haben wir es hier mit einem zuvor noch nicht existierenden Werk zu tun, einem klassischen pasticcio. Gefüllt ist diese Musiktheater-Pastete mit Arien und Duetten aus den Orpheus-Vertonungen von Monteverdi, Graun, Gluck und Haydn – allesamt auf deutsch gesungen – sowie syrischen Liedern und Tänzen und Sprechtexten von Khalil Gibran und Orhan Pamuk. Die klassische Orpheus-Sage wird in eine moderne, oder besser gesagt zeitlose, Rahmenhandlung eingefasst und aktuell interpretiert; Eurydike stirbt nicht an einem Schlangenbiss und geht in die Unterwelt, sie reist nach Syrien und schließt sich dem IS an. Der Dramaturg Sascha Fersch und die Regisseurin Annette Lubosch schaffen eine Analogie, die auf den ersten Blick durchaus plausibel erscheint – die Schlange als Symbol der Verführung, Hasspropaganda als Seelengift und ein durch Krieg verwüstetes Land als Inbegriff der Hölle – die aber im Endeffekt nicht aufgeht. Denn schließlich ist politische und religiöse Radikalisierung kein Schicksalsschlag, sondern ein Prozess, dessen Beginn und Ende aus der Person selbst kommen. Wenn Orpheus nun die Terrorfürsten, früher Furien, ansingt und dann die Gattin widerspruchslos mit zurück nimmt, macht das die Chose nicht gerade glaubwürdig. Schwerer allerdings wiegt, dass die Verzahnung beider Ebenen nicht gelungen ist. Zwar läßt sich anhand der Musiknummern der Handlungsverlauf einigermaßen mitverfolgen, allerdings werden Arien, Einlagen und Sprechsequenzen weitgehend beziehungslos aneinander gereiht, so dass der Eindruck eines reinen Potpourris entsteht, viel zu selten entstehen die einzelnen Nummern organisch aus der Handlung. Das war bei den bisherigen Produktionen von Zuflucht Kultur wesentlich besser und sinnstiftender gelöst.

Immer schön nach vorne… Sela Bieri (Eurydike) und Cornelia Lanz (Orpheus) – Foto: Stefanie Simbeck

Das gilt auch für die Rahmenhandlung. In der treffen wir einen Philosophen namens Al Mustafa, der auf ein Schiff ins Exil wartet und derweil die Schar seiner jugendlichen Anhänger mit weisen Geschichten unterhält; gefragt, etwas über die Liebe zu erzählen, berichtet er von Orpheus und Eurydike, zwei aus der Gruppe stehen auf, schlüpfen in antikisierende Kostüme und die Sage beginnt… So weit, so gut. Wer Al Mustafa wirklich ist und vor allem welche Funktion er hat – Spielleiter, Erzähler, Alter Ego oder von allem etwas – wird leider nicht deutlich, denn rätselhafterweise taucht er auch in der Unterwelt auf und bricht ohne erkennbaren Sinn die Fiktionsebene auf. Dabei bietet der seit 2010 in Deutschland lebende irakische Schauspieler Ayden Antanyos, bereits in Zaide und Carmen im Einsatz, eine eindrucksvolle Darstellung mit starker Präsenz und persönlicher Autorität. Dem regelmäßigen Besucher der Zuflucht Kultur-Aufführungen ebenfalls schon bekannt sind die syrischen Schwestern Wissam und Walaa Kanaieh, die hier mit ansteckender Tanz- und Sangesfreude den doppelten Liebesgott Amor verkörpern. Den finsteren Unterweltfürsten Pluto gibt Maher Hamida mit selbstgeschriebenen Rap-Songs und Charon wurde durch die kurzfristige Erkrankung des Darstellers von der Regisseurin selbst gedoubelt.

Im Mittelpunkt steht natürlich das tragische Liebespaar mit seinen Arien und Duetten. Den Part des Orpheus übernahm selbstredend Cornelia Lanz und bot mit ihrem geradezu verschwenderisch schönen und farbenreichen Samtmezzo das volle Spektrum der Emotionen, von zärtlicher Hingabe, tiefer Trauer und wilder Entschlossenheit bis hin zu bodenloser Depression; die den Opernpart abschließende berühmte Gluck-Arie „Ach, ich habe sie verloren“ berührte nicht nur die Furien, sondern auch die Zuschauer bis ins Mark, wobei die unmittelbare räumliche Nähe zwischen Sängern und Publikum noch das Ihrige beitrug; hier waren Stimmen sozusagen an der Quelle zu erleben, wie es sonst nur den Kollegen auf der Bühne vorbehalten ist. Eine Partnerin auf Augenhöhe war Sela Bieri als passioniert leidende Eurydike mit feinherbem Soprantimbre und schwebender, kristallklarer Leichtigkeit in der Höhe, beide Stimmen flossen in den Duetten wunderbar harmonisch ineinander.

Das Ensemble (Foto: Stefanie Simbeck)

Nun ist das Hofspielhaus, unweit der mondänen Maximilianstraße gelegen, alles andere als eine echte Theaterbühne; die kahlen Betonwände – hier mit Graffiti und arabischen Schriftzügen geschmückt – und die drangvolle Enge der Bestuhlung sorgen für eine gepflegte Luftschutzbunker-Atmosphäre und bieten szenisch und beleuchtungstechnisch kaum Möglichkeiten. Regie ist hier wirklich nur, wenn sich die Darsteller möglichst unfallfrei aneinander vorbei quetschen und den Zuschauern in der ersten Reihe möglichst selten auf die Füße treten.

Entsprechend minimalistisch fällt natürlich auch das instrumentale Fundament aus. Norbert Groh greift beherzt in die Tasten von Klavier und Akkordeon und hat die Arien mit viel Geschick und Klangphantasie der Kleinstbesetzung angepasst und arrangiert, die Geigerin Esther Schöpf setzt immer wieder virtuose oder besinnliche Akzente.

Auch wenn es im Dramaturgie-Gebälk immer wieder vernehmlich knirscht, ist Cornelia Lanz und ihrem Ensemble hier wieder ein unkonventioneller, emotionaler und hochorigineller Abend gelungen, der den Untertitel „Eine transkulturelle Oper“ durchaus zu Recht trägt.

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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Bayerische Staatsoper: “Les Vêpres siciliennes” – Bayerische Staatsoper, 25.3.2018

Zombie-Fasching in der Mülltüte

Ein enervierender Verdi-Abend an der Bayerischen Staatsoper

Ja, auch die größten Künstler haben ihre laufenden Rechnungen zu begleichen; und bei Giuseppe Verdi kam Ende 1853 der lukrative Auftrag der „Grande Boutique“, wie der Maestro die Pariser Opéra gerne süffisant betitelt hat, für eine neue abendfüllende Oper zur Aufbesserung der Haushaltskasse gerade recht. Ein Zweckbündnis, der Schornstein mußte rauchen und der Lappen hochgehen. Als Libretto diente ein hastig zusammengeleimtes Machwerk aus der Schreibwerkstatt des notorischen Massenproduzenten Eugene Scribe, welches zudem nichtmal ein Originaltext war, denn mehrere Szenen daraus hatte man einige Spielzeiten zuvor schon praktisch wortgleich dem Kollegen Donizetti für dessen Le Duc d’Albe aufs Auge gedrückt… Giuseppe was not amused und revanchierte sich mit einer ebenso lieblos hingerotzten Partitur; Les Vêpres siciliennes dürfte von allen Verdi-Opern nach 1851 die wohl schwächste und langweiligste sein. Abgesehen von ein paar schönen und affektgesättigten, typischen Verdi-Momenten wie Procidas hitverdächtiger Auftrittsarie „O toi, Palerme“, dem Finale des zweiten Aktes oder dem großen Terzett im vierten Akt, besteht das Werk hauptsächlich aus Leerlauf, aufgesetzter Schmissigkeit – bei Verdi immer ein Zeichen von Zeitnot oder Lustlosigkeit – und einer auf die Dauer enervierenden musikalischen Langatmigkeit. Eine öde Geldarbeit, in der das Feuer der Inspiration durchgehend auf absoluter Sparflamme brennt.

Warum man das heute noch spielt? Ganz ehrlich: je ne sais pas. Keine Ahnung. Um da etwas zu retten bedürfte es schon einer wirklich zündenden Idee, eines szenischen Geniestreiches und einer in höchstem Maße stilkompetenten Riege charismatischer Spitzensänger. Von alldem ist in dieser rundherum mißglückten Neuproduktion der Bayerischen Staatsoper nichts zu sehen oder zu hören. Und wenn man kein Glück hat, kommt bekanntlich oft noch Pech dazu… In diesem Fall, dass Sopran und Tenor ausgetauscht werden mussten und in diesen beiden Partien die Auswahl mehr als überschaubar ist.

Bayerische Grusel-Oper mit Erwin Schrott (Mitte) als Procida – Foto: Wilfried Hösl

Vor knapp vier Jahren hatte Jungregisseur Antú Romero Nunes an selbiger Stätte mit Rossinis Guillaume Tell sein Opern-Debüt gegeben und den Alpen-Thriller gehörig vor die Wand gefahren (Archiv Juli 2014), weitere Anfragen aus der Opernwelt sind danach – verständlicherweise – ausgeblieben. Bis jetzt. Nun durfte er, warum auch immer, nochmal ran. Dazugelernt hat Nunes offenbar nicht, im Gegenteil, seine Vêpres sind eher noch ärgerlicher und dilettantischer ausgefallen als der Erstversuch; und das liegt sicher nicht nur an der mediokren Qualität der Vorlage. Die konkrete Geschichte, der sizilianische Volksaufstand gegen die französischen Besatzungstruppen im Jahr 1282, interessiert Nunes kaum, er setzt auf eine vom Ende her gedachte Subtextinszenierung. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden, das kann funktionieren; allerdings nur unter zwei Voraussetzungen: nämlich dass der Subtext an sich stimmig ist und sich irgendwie aus der Geschichte herleiten, bzw. an diese andocken läßt und zum anderen, dass die Bilder von entsprechender Imagination und Kraft sind, um den Abend zu tragen. Ersteres ist vielleicht noch in Ansätzen erfüllt, letzteres überhaupt nicht. Der Regisseur und sein Team zeigen uns eine morbide, düstere Szenerie, bevölkert von grell geschminkten Popanzen in grotesk übersteigerten Kostümen (Victoria Behr), ulkigen Zombies und (Schmunzel)monstern mit grünlichen Totenköpfen. Das Bühnenbild von Matthias Koch besteht aus einem wechselnd drappierbaren, überdimensionalen Müllsack aus schwarzer Plastikfolie, es hängen Leichen und Spukgestalten von der Decke, Montford hat eine Art Madonnenfigur im Aquarium, zur verhinderten Hochzeit regnet es Konfetti und Procida trägt ein geradezu abenteuerlich scheußliches Gewand, eine Mischung aus Escamillo, Winnetou und La Bayadere. Was sich jetzt vielleicht nach einer zünftig-abgefahrenen Rocky Horror Verdi Show anhört, ist leider in Wirklichkeit ganz kalter Regiekaffee, da der ganze Zombie-Fasching reine Staffage für antiquiertes Rampensingen bleibt, eine Verzahnung der Ebenen, bzw. eine konsequente Umsetzung findet nicht statt.

Sizilianischer Totentanz mit Erwin Schrott (Procida), Leonardo Caimi (Henri) und Rachel Willis-Sorensen (Hélène) – Foto: Wilfried Hösl

Das gilt auch für den einzigen zumindest originell gedachten Einfall, um den vom Haus bis zuletzt ein großes Geheimnis gemacht wurde: die notorische Ballettmusik wird vom dritten an den Übergang zwischen dem vierten und fünften Akt verlegt und – Wow, was sind wir oberaffengeil modern! – mit krachender Techno-Musik unterlegt, die mit dem Orchesterspiel eine Art Dialog darstellen soll. Aha. Zu diesen wummernden und jaulenden Klangcollagen im Programm als „Sound Interference“ aufgeführt – von Nick und Clemens Prokop führt die SOL Dance Company in der Choreographie von Dustin Klein eine eher nichtssagende Pantomime auf. Eine Einlage, die ebenso aufgesetzt und sinnfrei rüberkommt wie der ganze Rest dieses traurigen Arrangements. Im Gegensatz zum ominösen Pferdchen-Ballett in Kriegenburgs Walküre-Inszenierung bleibt diese allerdings unausgebuht, das Publikum verübelt diesmal schweigend..

Nun ist es ja Tradition an der BSO, dass auch größere Regie-Ausfälle zumeist durch eine hochkarätige musikalische Einstudierung zumindest teilweise kompensiert werden… Doch auch das ist hier nicht wirklich gelungen, die Besetzung von dreien der vier Hauptpartien blieb doch deutlich unter dem, was man an einem Champions League-Haus in einer Neuproduktion erwarten darf.

Mit weitem Abstand am besten hat sich George Petean in der Partie des brutalen Statthalters Montford aus der Affäre gezogen; ein weiteres Exemplar aus der Reihe der grausamen und dabei ungeniert im Selbstmitleid badenden Verdi-Väter. Petean ist der einzige Protagonist des Abends, der die französische Sprache und Stilistik wirklich beherrscht, sein Bariton hat das nötige Gewicht, die geschwungene Phrasierung und die abgerundete Phonation, die man für Verdi nunmal braucht, zudem singt er auch in Ausdruck und Dynamik wesentlich differenzierter als man das von ihm gewohnt ist. Als einziger kann Erwin Schrott als Procida zumindest in Sachen Kraft und Stimmvolumen mithalten, allerdings fehlen dem Baßbariton Schrott die Tieftöne und Frequenzen eines echten basso profondo und auch gestalterisch ist er als fanatisch-patriotischer Hassprediger und Meuchelmörder kaum glaubwürdig, da stolziert eher ein Pfau im abstrusen Goldfummel durch die Landschaft; wer das Stück nicht kennt, dürfte kaum kapiert haben, mit wem man es zu tun hat. Auch stimmlich baute Schrott im Laufe der Aufführung immer mehr ab, sein Material klang von Akt zu Akt fahler und mulmiger, fast wie ausgebleicht. Was seine zahlreich erschienenen Fans – und Faninnen – allerdings nicht zu irritieren schien…

Foto: Wilfried Hösl

Dem Liebespaar war die Blässe dagegen nicht nur ins Gesicht geschminkt, auch als Charaktere wurden beide nicht wirklich greifbar. Das liegt zum einen an der äußerst holzschnitthaften und unglaubwürdigen Charakterzeichnung des Librettos, aber auch daran, dass Rachel Willis-Sørensen als Hélène und Leonardo Caimi als Henri mit der gesanglichen Bewältigung ihrer Partien schon hinreichend gefordert waren und für semantischen Mehrwert keine Kapazitäten mehr aufrufen konnten. Beide verfügen über angenehm, wenngleich nicht sonderlich individuell timbrierte und eher kleinformatige Stimmen, die im Großraum des Nationaltheaters wenig Präsenz entwickeln. Willis-Sørensen, an ihrem Dresdner Stammhaus vor allem im Mozart-Repertoire unterwegs, überzeugt am meisten mit der schwungvoll und höhensicher bewältigten Bolero-Arie im fünften Akt, mit der deutlich tieferen Tessitura der ersten beiden Akte kommt sie weniger gut zurecht. Caimi hatte am Premierenabend auf sich aufmerksam gemacht, als er zu Beginn des fünften Aktes nahtlos für den schwächelnden Kollegen Bryan Hymel übernommen hatte… Caimis Material ist leichtgängig und von jugendlich hellem Klang, in der Höhe allerdings nicht immer krisenfest; unter normalen Umständen sicherlich in dieser Partie an der BSO unterbesetzt.

Für die zahlreichen Comprimarii gibt es in diesem Stück wenig Profilierungsmöglichkeiten, zumeist treten sie nur für einen oder zwei Sätze aus dem Kollektiv heraus. So warfen sich Helena Zubanovich (Ninetta) und Matthew Grills (Danieli) auf sizilianischer und Galeano Salas (Mainfroid), Callum Thorpe (Robert), Long Long (Thibaut), Johannes Kammler (Vaudemont) und Alexander Milev (Bethune) auf französischer Seite fröhlich ins vokale Getümmel. Der Staatsopernchor in der Einstudierung von Stellario Fagone ist für eine Verdi-Oper relativ peripher beschäftigt, entledigt sich der Aufgabe mit Verve und Routine.

Eine relativ undankbare Aufgabe hatte Stefan Soltesz, der in dieser letzten Vorstellung der Serie die Stabführung von Premierendirigent Omer Meir Wellber übernommen hatte und nun eine Ansammlung von Aushilfen – das „richtige“ Staatsorchester ist auf großer Tour – auf Linie halten und den Abend möglichst patzerfrei über die Runden bringen musste. Das gelang ihm, trotz gelegentlich etwas unwirscher Körpersprache, so gut, wie es unter den Umständen gelingen konnte.

Das Publikum an diesem frühen Sonntagabend ließ das Gebotene mehr über sich ergehen als dass es merklich Anteil genommen hätte. Das wäre angesichts der blutleeren Aufführung auch zu viel verlangt gewesen. Bitte ganz schnell entsorgen! – Der nötige Müllsack in XXL ist ja schon da…

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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BR-Symphonieorchester/ Simon Rattle – 25.1.2018

„Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen, Und jedermann erwartet sich ein Fest“ – die Worte des Theaterdirektors in Goethes Faust trafen die Stimmung im ausverkauften Herkulessaal ziemlich genau, auch alle Stehplätze waren weggegangen wie die vielzitierten warmen Leberkas-Semmeln… Denn er war wieder in town, Simon Rattle, Noch-Chef der Berliner Philharmoniker und immer ein gern gesehener Gast in der Landeshauptstadt. Und mitgebracht hat er Mahlers Lied von der Erde, eines seiner erklärten Lieblingswerke; kaum ein Stardirigent dürfte dieses Stück so häufig dirigiert haben und seine CD-Einspielung davon gehört für mich zu den Top Five der Diskographie.

Foto: Bayerischer Rundfunk

Bevor man allerdings wonnig in Mahlers bittersüße, affektsatte Weltschmerzmusik eintauchen durfte, war noch eine erste Konzerthälfte zu überstehen, die man, je nach Wohlwollen, als befremdlich und irritierend, oder aber als grotesk und ganz weit am Thema vorbei empfinden konnte. Robert Schumanns dritte Symphonie in Es-Dur trägt den Beinamen „Die Rheinische“; und in der Tat hat der Komponist hier seiner Wahlheimat und deren Einwohnern eine Huldigung komponiert, sprühend vor Fröhlichkeit, Witz, Esprit und einem Schuß Hybris… Alle Attribute, die diesem Menschenschlag gerne nachgesagt werden, finden sich hier musikalisch gebündelt. Eigentlich. Denn Rattle trieb der Musik jedweden Elan, Leichtigkeit und Charme auf geradezu rabiate Weise aus, warum auch immer. Trotz straffer, phasenweise fast rasanter tempi war der Klang schwer, wuchtig und regelrecht soßig. Pesante, molto pesante. Dick und knallig im forte und seltsam spannungsarm in den wenigen ruhigeren Passagen wurde drauflos musiziert. Auch das Orchester schien sich mit dieser Lesart nicht so recht anfreunden zu können und blieb um einiges hinter seinen Möglichkeiten, so unsauber und wenig transparent wie hier – vor allem in den ersten zehn Minuten – habe ich die Damen und Herren lange nicht gehört. Das klang weit mehr nach Brahms und seiner Griesgram-Symphonik als nach Schumann; schlimmer noch: nach mittelmäßig gespieltem Brahms.

Aber deswegen war ja vermutlich keiner gekommen, sondern wegen… Genau. Und das kam nach der Pause. Und wie! Da herrschte schon rein atmosphärisch und von der Körpersprache ein anderer Ansatz und schon der Einstieg in das „Trinklied vom Jammer der Erde“ zog einen hinein; elektrisierend, sinnlich, aufregend. Mahler ist eben absolute Bekenntnismusik, ein Absoften oder Relativieren ist nicht, ganz oder gar nicht. Rattle gehört zu den Dirigenten, die das verstehen und die Musik auf Lunge nehmen, so zerrissen, radikal und aufbegehrend wie sie geschrieben ist. Den bis ins Äußerste gesteigerten Sehnsuchtston, die Erotik des Vergänglichen, die Apotheose der Melancholie; das alles erfassen und gestalten nur wenige Interpreten so eindringlich wie er. Fin de Siecle at its best! Und auch das Orchester war jetzt unter Hochspannung unterwegs, scharf pointiert in den Bläsern, süffig in den Streichern und im Ganzen präsent, aufmerksam und wie aus dem berühmzen Guss.

Nicht ganz auf selbigem überragenden Level waren leider die beiden – für das Werk sehr wichtigen – Gesangssolisten. Magdalena Kožená besitzt einen wunderbaren Mezzosopran von seidig-sinnlichem Glanz und punktet entsprechend immer dort, wo sich ihre Stimme an den schwelgerisch weichen Streicherteppich schmiegen kann; wo das Orchester allerdings auftrumpft, stößt sie schnell an ihre Grenzen und sieht sich zum Forcieren genötigt, um überhaupt noch hörbar zu bleiben. Solche Probleme kennt Stuart Skelton höchstens vom Hörensagen, mit seinem XXL- Tenor trompetet er seine Soli bis unter die Fransen der Gobelins und läßt förmlich die Wände wackeln. Zwischentöne, Wortgestaltung gar? Leider nicht. Überhaupt wäre es schön gewesen, wenigstens hin und wieder ein paar Sätze Text zu verstehen…

Das erhoffte Orchesterfest hatte, wenn auch mit Verzögerung am Ende des Tages doch noch stattgefunden, dankbarer Jubel von den vollbesetzten Rängen.

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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Deutsche Oper am Rhein Duisburg: “Maria Stuarda” – 23.12.2017

Drama Queens in der JVA-Kantine

Kann man sich heute noch im Ernst vorstellen – Brexit hin und Sondierungsoperette her – dass amtierende Regierungschefinnen, mögen sie Merkel, May oder Sturgeon heißen, sich derartig verbal duellieren und sich Ausdrücke wie „nichtswürdige Hure“ oder „gemeine Bastardin“ an den Kopf werfen? Nicht wirklich. Da war in früheren Zeiten definitiv mehr Zicken-Zoff geboten, wie Queen Elizabeth – die erste, versteht sich – und Mary, Queen of Scots im berühmten dialogo delle due regine beweisen; zumindest in der dichterischen Phantasie Friedrich Schillers und des Librettisten Giuseppe Bardari. Dass sich die beiden impulsiven Damen tatsächlich nie persönlich begegnet sind, genierte die Maestri überhaupt nicht; historische Authentizität wird eh überschätzt und auf der Bühne ist gut erfunden stets besser als wirklich stattgefunden… Ohne diese Szene würde der Maria Stuarda, dem Mittelstück von Donizettis trilogia Inglese, definitiv das Salz in der Belcanto-Suppe fehlen, von schärferen Gewürzen ganz zu schweigen. An einen sinn- wie maßvollen Gebrauch politischer Macht glaubte der Komponist keinen Moment und entsprechend düstere Gesellschaftsbilder pflegte er in seinen Opern zu malen: Willkürherrschaft, Despotentum, blinde Gewalt wohin man schaut. Und das immer gerne vor der Kulisse des englischen Königshofs, denn das ersparte manchen Strauß mit der stets mißtrauischen päpstlichen oder habsburgischen Zensur… In England, na klar. Das galt dem Italiener damals eh als kaltes, nebelgeflutetes Märchenland irgendwo am Rande der Zivilisation, dessen Bewohnern man südlich des Alpenhauptkamms so ziemlich alles zutraute.

Musikdramatischen und emotionalen Sprengstoff enthält Maria Stuarda also genug. Leider blieb der in dieser rundherum enttäuschenden und faden Neuinszenierung der Rheinoper konsequent ungezündet, vielmehr zieht und quält sich die Handlung uninspiriert und holprig bis zum letalen Ende der Titel“heldin“ über die Runden. Verantwortet hat den kalten Opernkaffee Guy Joosten. Ein großer Welt- und Werkerklärer ist Joosten sicher noch nie gewesen, aber zumindest ein erfahrener und handwerklich versierter Theatermann, dem man zumindest eine nachvollziehbar erzählte Geschichte zutrauen durfte. Auch die hat er hier leider nicht geliefert, die Charaktere bleiben blass und austauschbar, die Sänger allein gelassen und der ganze Abend strahlt vor allem Lieblosigkeit, Leerlauf und Lethargie aus. Roel van Berckelaer hat genau das getan, was ein Bühnenbilder nicht tun darf: den Raum zubauen anstatt ihn zu definieren, ihn in jeder Hinsicht verengen und einschränken. Das Regieteam läßt die gesamte Oper im Knast spielen, die Bühne zeigt einen halbkreisförmigen zweistöckigen Aufbau mit vergitterten Zellentüren und einem offenen Eingang in der Mitte, im zweiten Akt kommen ein Getränkeautomat und ein paar Sitzgruppen dazu; offenbar ist man jetzt vom Zellenblock in die Kantine der JVA umgezogen. Immerhin kann sich der Chor zur Hinrichtung noch mit Flaschbier versorgen… Das hätte sich das Publikum an der Stelle eigentlich weit mehr verdient. Räumliche Logik findet nicht statt, beide Antagonistinnen sind schon im ersten Akt auf der Bühne, aus den Zellen wird nach Belieben rein- und rausgebummelt und die Königin (!) von England latscht beim ersten Auftritt zu ebener Erde herein, unter (!) ihren sich herumlümmelnden Untertanen hindurch… Spätestens jetzt ist klar: Das wird nichts, es wird höchstens noch schlechter. Lediglich in der Schlußszene findet dann doch – man hatte nicht mehr damit gerechnet – ein wenig Regie statt; dass wir es in Maria mit einem hochpolitischen und hochmanipulativem Charakter zu tun haben, der die eigene Niederlage als moralische Rache an der siegreichen Rivalin inszeniert, übersetzt sich zumindest im Ansatz. Und gleichzeitig steuerte auch Licht-Papst Stefan Bollinger doch noch einen Arbeitsnachweis bei, nachdem sich zuvor alles in öder Einheitsbeleuchtung abgespielt hatte.

Foto: Monika Rittershaus

Aber auch die musikalische Seite blieb weit hinter dem, was das Haus bei meinen letzten Besuchen zu bieten hatte. Sarah Ferede als Elisabetta war durch eine karottenrote Wuschelperücke und ein infam scheußliches Outfit (Kostüme: Eva Krämer) optisch schon sabotiert und konnte daher mildernde Umstände geltend machen. Dennoch wusste sie mit der Rolle wenig anzufangen und blieb entsprechend blass; von herrscherlichem Stolz, Giftigkeit und der Aura der Macht war leider gar nichts zu spüren. Stimmlich wird sie der Aufgabe mit schön timbriertem und kultiviert eingesetztem Mezzo gerecht, die Koloraturen und Spitzentöne bewältigt sie solide, wenn auch ohne zu glänzen. Insgesamt kommen ihre Qualitäten allerdings in weniger dramatisch angelegten Partien wie Adalgisa oder Charlotte wesentlich besser zur Geltung. Genau vice versa verhält es sich bei Olesya Golovneva in der Titelpartie; die selbstbewußte Machtpolitikerin übersetzt sich in ihrer Darstellung durchaus, der stimmliche Eindruck blieb jedoch zwiespältig, da der Sängerin für dieses Repertoire die erforderliche Leichtigkeit der Stimme, das messa di voce und der lyrische Schmelz fehlen. Die metallisch-harte, phasenweise fast scharfkantige Stimme scheint mir im Verismo oder im russischen Repertoire weitaus besser aufgehoben als im Belcanto, auch wenn sie sich gegen Ende deutlich steigerte und in der Finalarie zu einem differenzierteren Vortrag fand.

Die Schwächen der beiden Protagonistinnen nutze Gianluca Terranova, um die eher undankbare Partie des Grafen von Leicester – Bardari hat Schillers Leicester und Mortimer kurzerhand zu einer Figur verquirlt – in den Mittelpunkt zu rücken. Sein sprachliches und stilistisches „Heimspiel“ gewann Terranova mit Aplomb, servierte Donizettis affektsatte Kantilenen mit saftig-sinnlicher Tenorglut und mediterraner Klangpracht. Darstellerisch füllte er die von der Nicht-Regie gebotenen Freiräume mit einer perfekten Demonstration sämtlicher erdenklichen Tenor-Klischees. Die Adjutanten und politischen Büchsenspanner – modern nennt man so etwas spin doctors – der beiden Drama Queens waren mit Laimonas Pautienius als Lord Cecil und Wojtek Gierlach als Talbot eindrucksvoll besetzt, Maria Boiko als Marias Gesellschafterin Anna blieb rollengemäß im Hintergrund. Der Rheinopernchor in der Einstudierung von Gerhard Michalski entledigte sich seiner kurzen Auftritte solide.

Einsamkeit der Macht: Olesya Golovneva (Maria) in der Schlußszene (Foto: Monika Rittershaus)

Zu den wenigen Lichtblicken des Abends gehörte das temperamentvolle Spiel der Duisburger Philharmoniker, ein Sonderlob verdienten sich die Holzbläser für ihre schön ausgespielten Soli in der Ouvertüre. Leider setzte Lukas Beikircher am Pult etwas zu sehr auf Schmissigkeit und Rasanz und fegte über etliche klanglichen Feinheiten hinweg; an einigen Stellen hatte ich beinahe den Eindruck, auch der Dirigent wolle die Sache möglichst schnell hinter sich bringen…

Auch die sehr spärlich besetzten Ränge und der äußerst matte Zuspruch der erschienenen Duisburger Musikfreunde passten zur mauen und traurigen Atmosphäre des Abends. Nicht schön, den letzten Opernabend des Jahres 2017 habe ich mir definitiv anders vorgestellt.

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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Bayerische Staatsoper: “Il trittico” – 17.12.2017

Ein Welt-Theater in drei Teilen

Puccinis Il trittico als packender Bilderbogen an der Bayerischen Staatsoper

„Come è difficile esser felici“ seufzt Giorgetta, zwischen missmutigem Ehemann und impulsiven amante hin- und her gerissen in Il tabarro, dem Eingangsstück von Puccinis trittico. Das Tryptichon, Musiktheater im Dreierpack – der rheinische Teil der Menschheit würde jetzt das Wort „Dreigestirn“ verwenden – gehört zu den wenig bekannten Opern Puccinis und erobert sich nach Jahrzehnten weitgehender Abstinenz erst ganz langsam wieder einen Platz in den Spielplänen. Dabei gehört die Trias der Einakter Il tabarro, Suor Angelica und Gianni Schicchi mit zu den spannendsten und ambitioniertesten Arbeitsnachweisen des Musikdramatikers Puccini, der hier drei in sich autonome und doch mit einander verzahnte und praktisch durchkomponierte Partituren vorgelegt hat: ein düsteres, im Malochermilieu eines Schleppkahns spielendes Eifersuchtsdrama im knallharten Verismo-Stil, eine mystisch angehauchte Individualtragödie unter Klosterfrauen mit bizarr-esoterischem Finale und schließlich eine burleske und rabenschwarze Gaunerkomödie. Die großen kontemplativen, „traditionellen“ Arien hat der Komponst im Laufe seiner Karriere immer mehr reduziert und im trittico sind sie praktisch gar nicht mehr anzutreffen, höchstens noch als Momentaufnahme, als lyrische Verdichtung von Emotionen oder bewußt gesetzte Kontrapunkte; die zweifellos schönste davon ist natürlich Laurettas „O mio babbino caro“ aus dem Schicchi, die nicht umsonst auch außerhalb der Oper eine Karriere als klingende Chiffre für die Sehnsucht nach dem Süden hingelegt hat.

Tunnelblick aufs Tryptichon: Bernhard Hammers Bühnenbild (Foto: Wilfried Hösl)

Die größte Challenge bedeutet Il trittico selbstredend für die Regie; schließlich gilt es, diese drei so unterschiedlichen Geschichten in einen erzählerischen Rahmen zu bringen und die inhaltlichen Parallelen herauszuarbeiten. Und damit nicht genug, im konkreten Fall ging es auch noch darum, eine schwarze Bilanz von – saisonübergreifend – vier Regie-Debakeln in den letzten fünf Premieren aufzuhellen. Beides ist der jungen holländischen Regisseurin Lotte de Beer bei ihrem BSO-Debüt ganz famos gelungen. Um die Einheit der Erzählung zu betonen hat Bühnenbildner Bernhard Hammer einen mattschwarzen, sich nach hinten stark verjüngenden röhrenförmigen Bühnenraum geschaffen, der – gewiss nicht unbeabsichtigt – stark an Götz Friedrichs berühmten Zeittunnel aus dem Berliner Ring erinnert. Somit schafft das Regieteam ein starkes visuelles Zeichen für den Zeitstrom an sich, ein Raum-Zeit-Kontinuum der Geschichte, das sozusagen angehalten wird, um die drei Geschichten zu erzählen, als dramatische, melancholische oder lustige Ausschnitte aus dem Lauf der Welt und dem Leben ihrer Bewohner. Ein echtes Welt-Theater. Der Tunnel bleibt als optische Form und Verbindung den ganzen Abend präsent, die einzelnen Schauplätze – der Schleppkahn, das Kloster und das Schlafzimmer des verstorbenen Buoso Donati – werden mit sparsamen Versatzstücken angedeutet, während die von Jorine van Beek entworfenen Kostüme die jeweiligen Epochen konkret aufnehmen; die Entstehungszeit der Oper, das ausgehende 17. Jahrhundert und schließlich die Florentiner Renaissance. All das ist genau und mit viel Liebe zum Detail gestaltet.

Die inhaltliche Klammer der drei Geschichten ist der Tod, der in Puccinis Kosmos, und ganz besonders im Trittico, den Gegenpol zur Liebe und stets Endpunkt und Anfang markiert: Michele tötet rasend vor Eifersucht den Rivalen, Angelica nimmt sich vor Kummer um den Tod ihres Kindes das Leben und der Tod des Buoso setzt die turbulente Farce um Erbschleicherei, Heuchelei und Täuschung erst in Gang. Als Symbol dafür läßt de Beer an den Schnittpunkten der drei Opern eine neuzeitlich, wenngleich leicht altmodisch gewandete Trauergesellschaft mit Sarg auftreten und am Ende mischt sich das Personal aus den ersten beiden Stücken, ob tot oder lebendig, wie Geistererscheinungen unter das Schicchi-Ensemble; ein beeindruckendes Schlußbild. Starke Theaterbilder zu erfinden, gehört offenbar zu den Stärken der Regisseurin, aber auch die Personenführung ist präzise, sinnstiftend und differenziert; die Konwitschny-Schule, aus der Lotte de Beer entstammt, übersetzt sich durchaus. Atmosphärisch gelingt der ganze Abend ungemein eindrucksvoll, klischeefrei und von geradezu soghafter Intensität. Lediglich die Lösung des Finales von Suor Angelica mit der Vision der sterbenden Protagonistin, die einen sich öffenenden Himmel mit der Erscheinung der Jungfrau Maria mit Kind zu erblicken glaubt, hat mich nicht wirklich überzeugt. Zwar ist das sich am Ende um die eigene Achse drehende bühnenfüllende Neon-Kreuz wiederum ein spektakuläres Bild, aber die Marienerscheinung nebst halluzinierter Schlußapotheose findet nicht statt. Stattdessen steht die böse Tante mit dem Kind inmitten des sich drehenden Kreuzes, während Angelica am Bühnenrand ganz konventionell zusammensackt. Das ist für diese rauschhafte Musik denn doch eine etwas nüchterne Bebilderung; hier hätte ich mir ein wenig mehr Mut zum Kitsch gewünscht… Doch das ist angesichts eines so spannenden Abends voller großer Emotionen zu verschmerzen.

Suizid unterm Dreh-Kreuz: Ermonela Jaho als Angelica (Foto: Wilfried Hösl)

Jene kommen auch aus dem Orchestergraben, wo sich Kirill Petrenko und das Staatsorchester in Gala-Form präsentieren. Was Petrenko hier aufführt, ist nicht nur eine grandios dichte, farbenreiche und plastische Interpretation, sondern geradezu eine Ehrenrettung des immer noch sträflich unterschätzten Komponisten. Wie schon bei seinen atemberaubenden Tosca-Dirigaten zeigt Petrenko uns Puccini als einen Künstler des 20. Jahrhunderts, der die tradierten Dramenmodelle der Oper des Ottocento zwar noch aufgreift und als Filter mitlaufen läßt, in Wirklichkeit aber längst auf dem Weg in die Moderne ist. Frappierend ist einmal mehr Petrenkos Sinn für orchestrale Farbgebung und atmosphärische Zuspitzung; so gibt er jedem der drei Stücke eine individuelle und unverwechselbare musikalische Faktur, auch und gerade in den leisen Passagen. Da werden Nebel und die Abenddämmerung über der Seine ebenso plastisch wie die klösterliche Kontemplation und die pralle Burleske des Schicchi. Ähnlich wie die Regie entfalten auch Petrenko und das Orchester einen ad infinitum gedachten Strom, der sich immer wieder momentweise zu musikalischen Brennpunkten verdichtet; das geht richtig tief unter die Haut.

Moment der Abrechnung: Yonghoon Lee (Luigi) und Wolfgang Koch (Michele) – Foto: Wilfried Hösl)

Auch gesungen wird in dieser Premiere wieder auf hohem, teilweise höchstem, Niveau und zwar nahezu durchgehend vom gesamten, sehr umfangreichen Ensemble. So läßt sich am Ende kaum zu sagen, welches der drei Teams am meisten begeistert hat… Vielleicht das des tabarro? Denn gleich im Eröffnungsdrittel ging es richtig in medias res und angesichts der zwischen den Protagonisten aufgebauten Spannung fühlt man sich wie in einem Drama von Ibsen odser Tenessee Williams zwischen Beziehungshölle und aufbrechenden Lebenslügen. Dafür stehen mit Eva-Maria Westbroek als Giorgetta und Wolfgang Koch als Michele zwei grandiose Singdarsteller, die nichts und niemanden schonen und ihre Figuren mit physischem und stimmlichem Totaleinsatz gestalten. Für Koch ist dies die erste italienische Partie am Haus und sein markanter Bariton kommt auch bei Puccini bestens zur Geltung, zumal der Künstler ja auch im deutschen Fach stets die lyrische und kantable Linienführung in der Stimme hat. So zeigt er den eifersüchtigen Binnenschiffer nicht einfach nur als Griesgram, sondern als seelisch tief verletzten, an der Welt verzweifelnden Charakter. Ein ähnlich eindringliches Rollenporträt gelingt, trotz einiger leicht angeklirrter Höhen, auch Eva-Maria Westbroek, ebenso durch den Verlust des gemeinsamen Kindes traumatisiert wie ihr Mann, sehnt sich Giorgetta nach dem Ausbruch und der Freiheit, gebündelt in ihrem Arioso „È ben’altro il mio sogno“, eine flammende Beschwörung eines selbstbestimmten Lebens und Neuanfangs. Ob ihr Lover, der sportive junge Arbeiter Luigi, dafür der Richtige ist? Yonghoon Lee fällt von einer Macho-Pose in die nächste und gibt einen virilen Halunken hart am Rande der Klischeehaftigkeit, was man innerhalb einer so präzise gearbeiteten Personenregie durchaus als Absicht werten darf… Auch stimmlich ist Lees Vortrag gewohnt handfest und linear-kraftvoll, die betörenden Töne sind eher sparsam ausgesät. Starkes Profil gewinnen auch die drei kleineren Partien; wenn ein Opernhaus als Einspringerin für die angekündigte Hausbesetzung der Frugola eine renommierte Wagner-Sängerin wie Claudia Mahnke aus dem Hut zaubert, dann weiss man, was es geschlagen hat. Martin Snell (Il Talpa) und Kevin Conners (Il Tinca) machen aus ihren kleinen Partien ebenfalls prägnante Charakterstudien. Damit war die Messlatte für die Kollegen des zweiten und dritten Drittels schonmal ziemlich hoch aufgelegt…

Mit einmal kurz Luftholen geht es dann gleich weiter, vom Kahn ins Kloster, vom Thriller zum Mysterienspiel, von amore zu preghiera… Und Petrenko macht in den ersten drei Takten klar, dass wir eine andere Welt betreten haben, der klangfarbliche Paradigmenwechsel ist ebenso hart wie sinnfällig, weiche, blumige und filigrane Tongirlanden erfüllen den Raum und fast könnte man sich in einer vollendeten Idylle wähnen, aber der Dirigent macht die unter der friedvollen Oberfläche brodelnden Konflikte unüberhörbar; Angelica, die verhinderte Mutter und Nonne wider Willen, fügt sich bei näherem Hinhören nämlich so gar nicht ein ins fromme Kollektiv und singt von ganz anderen Dingen. Auch hier geht es um eine tief verschüttete, selbstzerstörerisch starke Sehnsucht nach Liebe. Der Erfolg dieses – per se nicht unproblematischen – Mittelteils hängt praktisch zur Gänze von einer starken Besetzung der Titelrolle ab. Ermonela Jaho spielt das ohne Rücksicht auf Verluste, mit autistischen Tendenzen, die unsichtbare Schranke zwischen ihr und den Schwestern ist vom ersten bis zum letzten Moment unüberbrückbar. Stimmlich setzt sie hingegen in erster Linie auf Pianokultur und melancholische Farben. Das ist über weite Strecken sehr berührend, wirkt aber insgesamt eine Spur zu eindimensional, gerade in der Konfrontation mit der bösen Tante und in der Schlußszene klingt die Stimme bei aller Schönheit ein wenig flach, könnte man sich noch mehr vokalen Brennstoff vorstellen. Das ist freilich wieder einmal auf hohem Niveau gejammert, aber siehe oben… So bleibt Michaela Schuster als Zia Principessa klare Siegerin, dass jetzt Schluß mit lustig ist, übersetzt sich sofort, hier kommt Ortrud zu Besuch, mit eherner Stimmgewalt und eiskalter Aura, ein Charakter, so böse, hartherzig und gnadenlos wie nicht von dieser Welt. Und doch bringt Schuster es fertig, nicht zu überzeichnen und präzise in der Rolle zu bleiben, auch im piano, wo die Stimme eine besondere Bedrohlichkeit entfaltet. Der Rest der Klostergemeinschaft wird – naturgemäß – weitgehend im Kollektiv bestritten, entsprechend wenig individuelle Gestaltungsmöglichkeiten bieten sich den anderen Solistinnen; so sei der Einsatz der Damen Claudia Mahnke (La Badessa), Helena Zubanovich (Suor Zelatrice), Jennifer Johnston (Maestra delle Novizie), Anna El-Khashem (Suor Genovietta), Paula Iancic (Suor Dolcina) und Alyona Abramowa (Suor Infermiera) hier zusammenfassend gewürdigt.

Tante Ortrud bringt nichts Gutes… Michaela Schuster (Zia Principessa) und Suor Angelica (Ermonela Jaho) im Clich – Foto: Wilfried Hösl

Und dann kommt nach der – dankenswerterweise einzigen – Pause ja noch der Gianni Schicchi, der den Abend nach hinten raus nochmal richtig rund macht. Die Titelfigur ist schon immer eine Paraderolle für persönlichkeitsstarke verschmitzte Erzkomödianten gewesen, von Tajo und Corena bis zu Taddei, Gobbi und Panerai. Für Ambrogio Maestri bedeuten solche Rollenvorgänger keine Bürde, sondern eine spürbare Freude und er reiht sich nahtlos in diese illustre Ahnengalerie der vokalen und schauspielerischen Schwergewichte ein. Maestri beherrscht die Bühne nicht nur mit seiner figürlich-physischen Präsenz, sondern auch mit der Urgewalt seines kernigen und doch geschmeidigen Organs; kein Wortwitz und keine Nuance, die er sich entgehen ließe. Böse kann diesem virtuosen furbacchione niemand sein, schon gar nicht nach dessen charmanter Schlußansprache; hätte Papa Dante diesen Schicchi erlebt, hätte er ihn vielleicht doch begnadigt und nicht literarisch in die Hölle verfrachtet… Die Partie seiner Tochter Lauretta besteht im Wesentlichen aus der eingangs erwähnten Arie, die Sängerin hat also nur wenige Minuten, die Figur lebendig werden zu lassen, denn wenn der Coup beginnt, wird sie vom Papà kurzerhand vor die Tür geschickt, um ganz am Ende noch ein wenig mit dem Herzbuben Rinuccio duettieren zu dürfen… Rosa Feola verströmt dabei den passenden jugendlichen Liebreiz und einen technisch versierten lyrischen Sopran, den man gerne demnächst in größeren Partien hören würde. Auch ihr amante Rinuccio hat mit dem Arioso „Firenze è come un’albero fiorito“ nur eine Gelegenheit, sich vokal vorzustellen. Pavol Breslik liefert das Schmankerl mit aller Strahlkraft und vokalen Schmeichelei ab, die man sich nur wünschen kann; eine absolute Luxusbesetzung, auf die wir in einer Wiederaufnahme im Repertoire womöglich verzichten müssen. A propos Luxusbesetzung: beide waren bereits im tabarro als die Background-Stimmen des namenlosen Liebespaars zu hören… Die Horde der geldgeilen, erbschleicherischen Verwandtschaft wird von Michaela Schuster als Zita mit virtuoser Hysterie angeführt; eine frappierende Verwandlung nach der Pause! Genaues Hinschauen und -hören ist bei dem munteren Gewusel der farbenfroh ausstaffierten und durchaus schrullig inszenierten Typen angesagt, denn gerade hier läßt die Regisseurin ihre Charakterisierungskunst spielen und gibt jedem Einzelnen aus der Mischpoke sein Profil… Was vom Ensemble auch mit großem Einsatz und Spielfreude umgesetzt wird; Martin Snell (Simone), Dean Power (Gherardo), Christian Rieger (Betto), Selene Zanetti (Nella), Sean Michael Plumb (Marco) und Jennifer Johnston (La Ciesca) tragen dieses furiose Finale ebenso mit wie Andrea Borghini als Notar Amantio und Donato di Stefano als Dottore Spinelloccio, letzterer singt seine aus wenigen Sätzen bestehende Partie sogar ganz authentisch in Fiorentiner Mundart.

Finale furioso mit Ambrogio Maestri (links) als Schicchi und Michaela Schuster (Mitte) als Zita – Forto: Wilfried Hösl

Atemlose Spannung während der Aufführung, großer Jubel für alle Beteiligten und kein einziges Buh; einhelliger kann ein Premierenerfolg nicht sein.

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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