Kammerspiele go public – die Installation “Shabbyshabby Apartments”

Performst Du noch oder wohnst Du schon?

Mit der Installation „Shabbyshabby Apartments“ befragt Matthias Lilienthal seine neue Wirkungsstätte

Klassiker? Och nö, kann ja jeder. Shakespeare, Kleist, Schiller? Oder darf es vielleicht eine Uraufführung sein, etwas ganz modernes, eine virtuose Sprachpartitur oder das genaue Gegenteil davon? Nein, nichts von alldem. Matthias Lilienthal, der neue Intendant der Kammerspiele, meint es ernst mit der Umkrempelung, das soll gleich jeder mitkriegen; das vormalige Schauspielhaus an der Maximilianstraße heißt jetzt erstmal „Kammer 1“, der Werkraum „Kammer 2“ und so weiter… Wenns schee macht. Und was macht das Theater? Am besten erstmal gar kein Theater, so lautet offenbar die Devise. „Die Utopien der Vergangenheit werden mit den Krisen der Zukunft zusammengewürfelt, und wir reisen mit Ihnen vom Wirtshaus am Starnberger See über Tokios unterkühlte Bürolandschaften bis zum Mars“ schreibt Liliental in seinem Grußwort zur neuen Spielzeit. Fasten your seat belts please! Ohne jetzt unken zu wollen, aber der letzte Münchner Promi, der öffentlich bekundete, zum Mars fliegen zu wollen, hieß Pierre Pagé, war Eishockeytrainer und würgte dermaßen die Triebwerke ab, dass nach einer Saison Ende der Fahnenstange war… Man wünscht Lilienthal mehr Fortune, Mars hin oder her.

Und so findet die Eröffnung, das erste Ausrufezeichen der neuen Intendanz, nicht auf der Bühne statt, sondern sozusagen in freier Wildbahn. Mit einer Kunstinstallation im öffentlichen Raum, Shabbyshabby Apartments genannt, auf die Straße gestellt in Zusammenarbeit mit raumlabor Berlin. Was ist nun das? (Auch) Herr Lilienthal hatte gewisse Schwierigkeiten, in München eine Wohnung zu finden… Ach. Das geht vielen so, auch solchen, die kein Münchner Intendantengehalt beziehen. Nur mal so am Rande. Der künstlerische Output dieser Erfahrung ist nun Gestalt geworden und manifestiert sich in 25 Hütten, jede von einem anderen Künstler, bzw. Team gestaltet, die sich für vier Wochen im Stadtgebiet verteilen, konzentriert in Nähe der Isar. Provisorium oder Provokation? Wird alles mitgenommen, kann alles mitschwingen. Mieten kann man die Teile natürlich auch, für 35 Euronen die Nacht, inklusive Frühstück in der Theaterkantine. Auf dem Boden nächtigen muss dabei niemand, ein namhaftes schwedisches Möbelhaus mit vier Buchstaben hat Betten reingestellt… Dabei sollte nach Möglichkeit, so wünscht es sich jedenfalls die Dramaturgie der Kammerspiele, „eine ganz neue Art von Lagerfeuergesellschaft, von Meinungsbildung und -austausch bei Stockbrot und Cowboykaffee entstehen“ und „der Zukunft ein Zuhause im öffentlichen Raum“ gegeben werden.

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“Fountain of Fortune” von Philipp Dettmer und Julian von der Schulenburg – Isartorplatz (Foto: Münchner Kammerspiele)

Natürlich kann man das alles ziemlich bescheuert finden. Muss man aber nicht, man kann es sich auch einfach mal anschauen. Die Idee, einfach mal die eigenen vier Wände zu verlassen, um die Stadt aus einer anderen Perspektive zu erleben; das kann spannend sein und irgendwie drängt sich auch der Gedanke an die Aktionskünstler-Ikone Joseph „Jupp“ Beuys auf und an dessen Konzept der „Sozialen Plastik“, der Jupp wäre vermutlich begeistert gewesen, gerade von der eigentümlichen Mixtur von politischen Hintergedanken, fröhlicher Anarchie und Mut zum Infantilen. Sicher, die Antwort wird sich – möglicherweise – während der vier Wochen finden, wenn Münchens Straßen und Plätze sich temporär den Raum teilen müssen mit den ganzen mehr oder weniger originellen Behausungen. Wem gehört nun dieser Raum? Wem gehört die Stadt? Hier kann man zu Suchen anfangen.

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“Yellow Submarine” von Kurt Cleary und Paulina u. Laura Petruskeviciute – Schwindinsel, Nähe Maximiliansbrücke (Foto: Münchner Kammerspiele)

Einer, der dieser Frage nachspürt, ist Ralph Drechsel. Der Mitbegründer des Münchner Theater- und Performance-Ensembles „Collective Sure Sud“ gehört zu den 25 Künstlern und Architekten, die von der Jury aus 272 eingereichten Entwürfen ausgewählt wurden, ihr Shabby Apartment vom 12. September an zu verwirklichen und zu bauen. Für die zur Verfügung gestellten 250,- Euro Materialgeld hat Drechsel mit seinen Mitstreitern Michael Hirsch, Stefan Brandhuber, Sophie Hechler, Caix Motamo und dem Duo Beißpony in einen Durchgang an der Außenmauer des Deutschen Museums aus gebrauchten und nur geringfügig nachbehandelten zementgebundenen Faserplatten und anderen Materialresten vom Wertstoffhof einen rechteckigen Kasten eingepasst, der sich kaum von der umgebenden Bausubstanz unterscheidet und neben den anderen Entwürfen geradezu provozierend schmucklos und einfach wirkt, ein Camouflage-Bau, der den Raum weder bespielt, noch verfremdet, sondern ihn praktisch verdeckt. Und der außerdem ortsgebunden ist, im Gegensatz zu den meisten Installationen des Projektes, die man prinzipiell überall auf der Welt aufbauen könnte.

Ich treffe Ralph Drechsel und Michael Hirsch am Nachmittag vor der Eröffnung vor Ort und wir unterhalten uns über ihre Arbeit, während die beiden in liebevoller Kleinarbeit letzte Hand anlegen und die Außenfläche mit Kohle und Asche gearbeiten, um sie dem Hintergrund so ähnlich wie möglich zu machen. „Just an illusion“ nennen Collective Sure Sud ihren Entwurf. Denn mit ihrer Gestaltung gehen sie ganz bewußt auf Distanz zu den Mitbewerbern, im Grunde auch zum Gesamtprojekt: „Fragen von Verteilungsgerechtigkeit oder auch der Allmende – des gemeinsamen Besitzes – sind politische Fragen, keine des Designs.“ Drechsel kritisiert die Vorstellung, es bedürfe „nur einer besonders pfiffigen Idee, schon hätte man die Nische gefunden, die ein angenehmes Auskommen ermöglicht“. Das ist für ihn ein Trugschluss, denn „Wer so denkt, befördert nur die bestehenden von Verdrängung und Wettbewerb gekennzeichneten Verhältnisse, die sich für immer mehr Menschen als unerträglich erweisen.” Nicht München sieht der Künstler als einen Raum, in dem ein Schatz verborgen ist, vielmehr ist für ihn der Raum selbst der Schatz, den es zu verbergen gilt, unsichtbar zu machen, dem privatwirtschaftlichen Zugriff zu entziehen. Statt des Designs regiert in „Just an illusion“ das Prinzip, der Raum – zumindest ein Stückchen davon – wird dem Markt und seinen Mechanismen entzogen; „Lass den Markt nicht einmal wissen, dass es Dich gibt. Es ist Deine einzige Chance“ lautet sein Fazit.

shabbyshabby_apartments_just_an_illusion“Just an Illusion” von Collective Sure Sud – Deutsches Museum (Foto: Collective Sure Sud)

Die Mitwirkung sei dann auch eher ein Zufall gewesen, dass die Jury – darunter Cecile Andersson, Peter Arlt, Chris Dercon und Kulturreferent Hans-Georg Küppers – seinen Plan dennoch ausgewählt hat, darf man vielleicht als Bekenntnis zu einer stärkeren Politisierung der Aktion werten, die von den Konkurrenzentwürfen nicht unbedingt ausgeht. Dazu passt auch, dass Collective Sure Sud ihren Verschlag in den vier Montagnächten vom Veranstalter zurückgemietet hat um dort Performances abzuhalten; unter Ausschluß der Öffentlichkeit, aber später im Internet nachzuerleben.

Zwischendurch schaut auch Matthias Lilienthal himself vorbei, der gerade den Parcours mit dem Rad abfährt und nach dem Rechten schaut… Und prächtig gelaunt ist, das performative, spielerische Element sei ihm bei der Konzeption mindestens ebenso wichtig wie die politische und gesellschaftliche Bedeutung, sagt er und fügt hinzu, dass es ihm in erster Linie darum gehe, „auf die Verknappung von bezahlbarem Wohnraum in München und die Gefahr der sozialen Spaltung in der Stadt aufmerksam zu machen“, bevor er sich samt seiner Entourage wieder frohgemut aufs Radl schwingt und zum nächsten Objekt durchstartet. Man stelle sich das mal kurz bei Dieter Dorn vor… Blödes Kopfkino. Nach „Cowboykaffee“ und Lagerfeuer hat sich das jetzt eher nicht angehört. Dennoch bleibt Drechsel skeptisch und sieht die entscheidende politische Frage, nämlich wem öffentlicher Raum und Boden wirklich gehören, durch die Veranstalter nicht nur nicht beantwortet, sondern nicht einmal formuliert, daher zeige „Just an Illusion“ auch keine „Architektur oder ein Design, dass um Aufmerksamkeit buhlt oder einen virtuellen Like entlockt, sondern ein Prinzip beschreibt“. Und dieses ist mit voller Absicht eben nicht transparent gestaltet, sondern „fundamental undurchsichtig“.

Wie jetzt, sie hätten trotzdem lieber einen Shakespeare gehabt? Kommt schon noch, am 9. Oktober hat Der Kaufmann von Venedig Premiere im Schauspielh… Äh, in der Kammer 1. Alles wird gut. Oder auch nicht…

Die Shabbyshabby Apartments sind zu sehen und zu buchen vom 12. September bis zum 13. Oktober 2015.

Weitere Informationen und Reservierung unter:

http://www.muenchner-kammerspiele.de/shabbyshabby-apartments

http://suresud.testset.info/

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